Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR JOSEF HOFFMANN-WIEN WOHNHALLE IM LANDHAUS AST-VELDEN

KLARUNG DES GEGENSATZES

GEBILDE DER TECHNIK, KUNST UND NATUR

Architektur-Gestaltung war fast zu allen Zeiten ein
J~\ Rechnen mit dem » Schwerkrafts - Gefühl«. Jetzt
auf einmal durch die Erfindung des Fliegens ist die
Schwerkraft überwunden. In der Architektur hört die
Angleichung an gewachsene Gebilde und das Arbeiten mit
plastischen Analogien auf. Dem unendlich zielstrebigen,
gradlinigen Gedanken-Ablauf entsprechen die scharfen
Kanten und Flächen der neuen Gebäude, das Leichte und
die stereometrische Gestaltung der Massen. Die Grund-
risse sind wie befreit durch die Aufhebung der Analogie
mit dem Gewachsenen. Der lagernde Charakter wird
allgemein. Die Dächer werden zu Fronten. Wände sind
keine Elemente der Schwerkraftsrechnung mehr, sondern
nur noch Raumgrenzen, geometrische Orte. Die großen
Ubersichten, die uns das Erlebnis schnellster Bewegung als
natürlich erscheinen läßt, fordern Zusammenfassung großer
Baugruppen und weitgehende Reihung gleicher Formen.

Die Bindung der Einheiten endlich, von den Einzel-
personen bis zu den großen und größten Vereinigungen,
bis zu Städten, Staaten, Erdteilen, Gewerkschaften, Kon-
fessionen, Völkerbünden — die einzelnen Arten solcher
Einheiten außerdem noch reichlich miteinander verzahnt
und durcheinander geschoben — diese immer stärker
sich ausbreitende »Bindung« jder gesamten Gesellschafts-
ordnung findet ihren Ausdruck im Pfeiler- und Flächen-
system, in der sehr weitgehenden »Wiederholung«
gleicher Gebilde und Einzelformen und in einer auf groß-
artigste Weise geübten Kunst der »Durchdringung«.

Was für die Großarchitektur gilt, muß auch auf die
Kleinarchitektur, den Hausrat, Anwendung finden. Das
Leichte, Schnittige, Flächige, das stereometrisch Klare,
das die Bauwerke der neusten Zeit kennzeichnet, wird
auch in den Gestaltungen neuen Hausrats überall wieder
zu finden sein. Aber auch von einer anderen Seite her
läßt sich das Wesen des Gestaltwandels in Groß- und
Kleinarchitektur erklären. In der Formen-Verwirrung,
in die wir durch die Nachahmung der historischen Stile
hineingeraten waren, gab es schließlich keinen anderen
Ausweg, als sich auf das Notwendigste zu besinnen und
den Aufbau der Formen unter strengster Vermeidung
gefühlsmäßiger Ausdruckskünste in Anlehnung an tech-
nische und konstruktive Forderungen vorzunehmen. An-
geregt durch die Schönheit der Maschinen, der Schiffe,
Flugzeuge und Motorwagen und nicht zuletzt auch durch
die Ausdruckskraft industrieller Zweckbauten war man
dazu übergegangen, das Haus gleichsam nach den G. nnd-
sätzen des Maschinenbaues zu errichten.

Die neue Baukunst wird zu einer neuen Lebens-
haltung der Menschen führen, den schlecht verteilten
Bevölkerungsmassen vieler Wohngebiete ein menschen-
würdiges Dasein sichern und uns wieder schöne, einheit-
liche Städte schenken. Eng verbunden aber mit dieser
beglückenden Entwicklung vollzieht sich noch ein selt-
samer, für unsere Befreiung aus babylonischen Kultur-
Wirrnissen überaus wichtiger Vorgang. Wir verstehen
ihn als »die große Klärung des Gegensatzes«.

1927. II. 2.
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