Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

Page: 269
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1927/0289
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

269

I

new bismarck hotel in chicago der grosse frisier- und man 1KÜR-salon

GESTALTUNG DES LEBENSGEFÜHLES

die straffere struktur der zeitform

n jeder Diskussion über die Gegenwarts-Probleme der nehmen. Und doch nimmt sie immer noch Rücksicht

bildenden Kunst und Baukunst hört man die vielge- auf den Menschen: indem sie ihren Organismus dem

hetzte Formel der »Sachlichkeit«. Hat man bei der seinen anpaßt und Leben und Gestalt aus den gleichen

Malerei und Plastik trotz der »Versachlichung« des Ge- Bedingungen empfängt, die seine Existenz ausmachen,

fühls eher die Möglichkeit, ein seelisches Welt-Verhal- In der inneren und äußeren »Disziplinierung«

ten zu erkennen, es in seiner besonderen und veränder- dieses Organismus drückt sich die Eigenkraft des neuen

ten Lagerung festzustellen, lediglich eine »Kristallisation Bauwillens aus. Seine Mittel sind irrationaler Natur:

und Erhärtung« seelischer Strömungen zu begreifen, so Verhältnis-Werte, intuitiv verwirklicht. Sinnfällig

ist man allzuschnell geneigt, die neue Baukunst als in der Erscheinungsform als harmonische Flächen-Gliede-

»entseelte Technik« abzulehnen, ihren Gehaltswert als rung mit innerer Beziehung auf das Kubische des Bau-

durch mathematisch-vernünftige und werkstoffliche Ge- körpers. Die neue Architektur ist nicht Relief-Kunst,

gebenheiten bestimmt und die »Idee« in der Erfüllung sondern »Raumplastik«, nicht Gefühlswucherung,

nackter Rationalitäts-Forderungen erschöpft zu sehen, sondern Sublimierung eines geistigen Lyrismus; seine

★ schöpferische Äußerung ist die »Proportion«, welche

Ebensowenig aber, wie die »neue Sachlichkeit« zu die Körper, Massen, Räume und Flächen ordnet, gliedert,

einer Erstarrung der bildnerischen Seelenkräfte des teilt. Sie ist das Alpha und Omega der neuen Form, die

Künstlers geführt hat, ebensowenig verlor die neue Bau- erst durch sie zum geistigen Ausdruck bestimmt wird,

kunst ihren letzten Sinn: das bauwerkliche Gestalten ★

eines Lebens-Gefühles. . Das formende Gefühl ist Aus dem Technisch-Struktiven der neuen Formen

überall lebendig, nur ist es gestraffter in seiner Gebärde, spurt man, wie tief sich das technische Bewußtsein in das

in sich gesammelt, wie die Struktur des neuen Materials, Seelisch-Primitive eingebohrt hat. Das aber ist unum-

in das jenes Lebensgefühl einströmt. Die peripherische gängliche Notwendigkeit. Das Abbild des modernen

Erscheinung wird in unserem Zeitalter härter und Menschen, der modernen Zeit würde eine Lüge bleiben,

ehrlicher. Die Architektur scheint auf die mensch- wollte es nicht alle Kräfte einschließen, die dasWe-

lich-gemüthaften Bedürfnisse keine Rücksichten mehr zu senhafte der Gegenwart formen. . dr. Herbert hofmann.
loading ...