Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 38.1927

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INNEN-DEKORATION

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karl hofmann, felix augenfeld-wien wohn- und schlafraum im kirsch-holz

VERANTWORTUNG DES ARCHITEKTEN

haus und wohnung sind für grössere dauer bestimmt!

Die »Moderne Wohnung«, »Wohnmaschine« und ähn-
liche Schlagworte sind jetzt allgemein gebräuchlich.
Ist dieses vorherrschende Bewußtsein: »modern«
zu sein und es anzustreben, ein besonderes Kennzeichen
unserer Zeit? Ist es ein Zeichen für gesunde Zustände
oder beweist es nicht vielmehr gerade das Gegenteil?

Wenn man englische, besonders aber amerikanische
Zeitschriften durchblättert, so findet man kaum irgendwo
eine besondere Betonung der »modernen« Ideen — und
doch eine Menge ganz ausgezeichneter Arbeiten, die auch
in unserem Sinn modern sind, alle aber doch in irgend
einer Weise einheitlich erscheinen . . . Denkt man dage-
gen an den Beginn dieses Jahrhunderts, an die Sezessions-
Zeit, in der man womöglich noch betonter und bewußter
»modern« war als heute und an die Wirkung, welche die
Mehrzahl der Resultate der damaligen Bestrebungen heute
auf uns ausübt, so kommt einem die Vergänglichkeit der
»Moderne« deutlich zu Bewußtsein. Man muß aber nicht
so weit zurückgreifen; auch manche Arbeiten aus der
Nachkriegszeit wirken ähnlich wie veraltete Damen-Mode-
bilder oder Photographien der ersten Automobiltypen
und waren doch, — so wie die aus der Sezessions-Zeit —,

bei ihrer Entstehung das »Allermodernste«........

Dieser Vergleich muß uns zu denken geben! . Damen-
Mode — das ist etwas schnell Veränderliches; kann und
muß es sogar sein, denn die geistige Einstellung ebenso
wie das Material und die Verwendung bedingen schon

eine kurze Lebensdauer. Das Automobil hat in diesen
Jahren die sachliche, von immer neuen technischen Ver-
besserungen diktierte, schnelle Weiterentwicklung mit-
gemacht, die auch durch den immer steigenden Bedarf
und die fabrikationsmäßige Herstellung gegeben war. . .

Aber Haus und Wohnung sind denn doch für
größere Dauer bestimmt! Selbst Etagen-Wohnungen
wechselt man in Europa nicht wie Kleider, auch das
Mobiliar nicht —, und so wesentliche Veränderungen
wie beim Automobil-Bau sind höchstens zum Teil bei
der Konstruktion von Häusern, sicher aber nicht für Woh-
nungen oder die Möbel-Herstellung zu verzeichnen. Die
maschinelle und technische Ausrüstung eines Hauses und
einer Wohnung ist zwar durch die vielen Neuerungen,
die auf diesen Gebieten hervorgebracht werden, auch
nicht für ständig stabil, aber bei gut angelegten und kon-
struierten Häusern ist es fast immer möglich, die not-
wendigen Ergänzungen oder Erneuerungen durchzuführen.



Alles was wirklich wesentlich für das Wohnen ist,
also fast alles, was der Architekt zu schaffen oder zu
beschaffen hat, soll zwar wohl modern im Sinne von
zeitgemäß, nie aber darf es »modisch « sein, — und der
Architekt muß sich der Verantwortung, daß seine Ar-
beit für eine größere Dauer und nichtnur für eine Mode-
Periode bestimmt ist, stets bewußt sein. . karl hofmann
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