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Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 7.1927

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Heft 1 (Januar 1927)
DOI article:
Binal, Karl: Das System des schöpferischen Gestaltens in der Kinderzeichnung als Grundlage der künstlerischen Erziehung
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Dehio, Georg: Die Glasmalerei, [1]: aus Geschichte der deutschen Kunst von Georg Dehio
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https://doi.org/10.11588/diglit.23855#0020

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das Herskellea von Bildern ist das Ziel, sondern die
Enkwickelung der im Kinde schluinmernden nakiir-
lichen Fähiglieiken und Gaben, eine Forderung, die
auch in Dresden an Mingsten erhoben wurde. Für
den Kunsilehrer tut sehr nok, die Kenntnis der Kindes-
psvche. Bis jehk wurde diese Seike beiin Skudium
absolul vernachlässigl. Auch die neiien Skudienpläne
sagen dnvon nichts. So bekrachtel und durchgeflihrl

stellt sich üer Zejchen- und Kunstunlerricht als „Er-
ziehungsfach" gleichberechtigt an die Seile ihrer
wissenschaftlichen Schwester. Nicht die Vollpfropfung
und Fükterung mit Stofs, die heute zur Ueberfütkerung
gediehen Ist, sondern die Erziehung und Ausbildung der
Fähigkeiten des jungen Menschen durch den Stoff
ist dle Aufgabe der allgemeinbildenden Erziehungs-
stätken.

Die Glasmalerei

(ausGeschicht^e^eukschei^tunsivon^eo^^^ Verlag Walter de Gruyter u. Co. Verlin u. Leipzig).

I.

Während dcr (roiiiaiiischen) Wandmalerei, eben als
sie innerlich in vollster Krast stand, von der eigenen
Herrin, der Vauliunst, der Aoden unter den Füsten
weggezogen wurde, war ihr schon die Nachfolgerin
gefundcn: in der Glasmalerei. Ein hinlänglicher Er-
sah war sie, von den Zielen der Malerei aus be-
urkeilk, nicht; aber die Architelitur hatte Grund, mit
den Diensken der jllngeren Schwester zufrieden zu
sein. lln jedem Falle trat damlr im ailgemelnen
Aspelit des Kircheninneren ein vollkommener Um-
schwung ein, der gröjzke, den er Im Mittelalter durch-
gemachk hat. — 2st auch das Umsichgreifen der Glas-
gemälde prinzipiell eine Wirkung des eindrlngenden
gotischen Vausystems, so treten sie doch zunächst noch
in romanilchen Stilformen auf und sind deshaib schon
hier zu beirachken.

Alle Technik deS MittelalterS geht irgendwle auf
eine ankike Murzel zurück. So auch die Glasindu-
skrie. Aber sie nahni eine andere Wendung. Die
röinische hat ausgezsichnet Schönes in der Herstel-
lung von Gefästen geleistek; die Verglasung der Fen-
sker blieb auf sehr kleine Oeffnungen beschränkk und
scheint nur in der Ansfüllung hölzerner Gitter bestan-
den zu haben. Umgekehrt, im Mitkelalter blieb das
Glasgefäst, da die Kirche dafür wenig Verwendung
hakte, liünsklerilch zurück, wahrend das Glasfensker
schon frühzeitig über den Stand der Antike hinaus-
wuchs. Der Unterschied ist nicht etwa in dem Hinzu--
treten einer wichtigen kechnischen Erfindung begrün-
det, sondern darin, dajz dem Fenster im Ärchitekto-
nischen des Miltelalkers eine andere und wichkigere
Nolle zufiel. (Die Ankike hakke das Fenstec nvr als
eine Noksonn gekannt.) Technisch betrachtet ist das
GlaSgemälde ein Alosaik auS kleinen, einfarbigen
Scheiben, eingcfastk in schiiiiegsame Bleiruten, welche
zugleich die Umriile der Zeichnung ergeben, während
für die inneren Linicn Auftrag »on Schwarzlot zu
Hilfe genoininen wnrde (schon ln dem Kunskbuch des
Theophilus um llvll beschrieben). Die stilistische
Gruiidstimmung ist also die der kolorierten Flächen-
zeichnung nicht anders als in der Wandmalerei, nur
noch enger begrenzt in den Mitleln, als die dort
zur Verfügung stehen.

Die ältesten Erwähnüngrn figürlicher Glasfenster
sind, wle iinmer in solchen Dlngen, durchaus zufäl-
llger Art: um die Mltte des 9. JahrhundertS ln Wer-
den a. d. Nuhr, nach der Mitte des 1ü. in Neims:
dazwischen, doch nicht unzweideutlg in St. Gallen.
Hieraus auf einen Vorsprung des Oskfrankenreichs
vor dem Westen zu schlienen, wäre natllrlich verfehlt.
Wenig später schrieb Äbt Gozbert von Tegernsee

(982—1001) seinem Gönner, einem Grafen Arnold,
einen gefühlvollen Dankbrief fllr die von ihm gestif-
teten vielfarbigen Glasgemälde; sie wurden von allen
Beschauern als ungewohnt bewundert, denn bis dahin
feien die Fenster der Kirche mit alten Tüchern ver-
hängt gewesen. — Das Aelteste, was wir noch heute
vor Augen haben, sind die 5 Prophetenfenstec im Dom
zu Augsburg. 3e eine Figur in mehr als Lebens-
gröjze (2,10 Meler hoch) füllt die ganze Oeffnung. Es
ist jeht übltch, ihre Enkstehungszeit nach einem im
liahr 1065 ftattgehabken Weiheakt zu bestimmen. Aber
das ist doch nur eine unsichere Grundlage. Stilistisch
stehen sie unter allen zum Vergleich geeigneten Denk-
mälern der Malerei am nächsten den Wandgemälden
in Prüfening von 1159, was bei der Langsamkeit der
Stilbewegung natürllch nicht ausschlieht, dast sie auch
ein paar llahrzehnke älter sein konnten, meyr schwer-
lich. Sonst sind Denkmäler aus dem 12. llahrhundert
ganz spärlich erhalken: zwei Fensker aus Peters-
lahr (Museum zu Bonn) und eines aus Neuweiler
im Elfajz (Paris) dürften der Zeit nahe vor 1200
angehören und wenig später die in Kappenberg in
Westfalen. Von da ab nehmen die Denkmäler rasch
an Zahl zu, und zwar so verkeilt, dah bis über die
Mikte des 13. iiahrhunderts, wie in der Wandmalerei,
so auch in der Glasmalerei der Nordwesken Deutsch-
lands den 1. Plak einnehmen. Dabei ist kaum nöktg,
zu sagen, dah öie Zahl der verlorengegangenen Stücke
erheblich gröjzer sein must als die der erhaltenen. Aber
der relative Verlust wird für das eine 3ahrhundert
nicht anders sein als für das andere. Dcch der in-
zwischen in Frankreich, gleichen Schrikkes mlt der
Enkwicklung der Gokik in oer Baukunst, eingetretene
und immer glänzender werdende Aufschwung den
Deukschen ein Ansporn war, kann im Zusammen-
hang der Dinge gar nichk anders gedacht werden.
Keineswegs aber trat — wie ia auch in der Wand-
malerei nicht — eine unmiktelbare Nachahmung ein.
Der Stil der deutschen Glasgemälde geht mik dem
der deutschen Wandgemälde zusammen, insbesondere
blieben sie dem dentsch-romanischen Ornament lange
anhänglich, bis weit über die Mikte des 13. 3ahr-
hunderts hinaus. Und in der künstlerischen und tech-
nischen Qualitäk können die besten unter ihnen mit
den besten französischen Scheiben wohl wetteifern.
Hinsichtlich der Komposition find zwei Gruppen zu
unlerscheiden. Die erste ist hochmonumental gerichtet:
wenige grohe Figuren, meist jogar nur eine, in der
Zeichnung klar und grotz, in der Farbe, wie sich ver-
steht, von einer Pracht, durch die die Wandmalerei
gänzlich aeschlagen wurde. Schönste Beispiele in
St. Kunioert tn Köln und ihnen so nahestehend, datz
 
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