Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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DaZ Museum Plantin-Moretus in Antwerpen,

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darstellt, Diese außerordentliche Erhaltung der Osficin
wird durch den Umstand erklärt, daß Plantin dieselbe
als Prälegat seinem Schwiegersohn Moretus allein
hinterlassen hatte, welch' letzterer die später in alle
Testamente seiner Nachfolger iibergegangene Verfügung
traf, daß die Officin stets nur jenem Familienmit-
gliede zufallen solle, das zur Leitung derselben am be-
fähigsten und würdigsten wäre. Schon in der dritten
Generation war die Familie Moretus sehr reich gs-
worden; der vierte Repräsentant dieser Druckerdynastie,
Balthasar III. (l646—1696) wurde geadelt und be-
schräukte seine Geschäfte seither auf die Ausbeutung
des erwähnten spanischen Privilegiums. Als dasselbe
im Jahre 1800 aufgehoben wurde, stellte die Druckerei
ihre Arbeiten ein, und später wurde sie zeitweilig mit
wenigen Arbeitern, mehr der Ehre halber, wieder auf-
genommen. Von 1840—1865 war nur ein Arbeiter
beschäftigt; von 1865—1867 betrieb der letzte Eigeu-
thünier Eduard Moretus das Geschäft mit drei bis
vier Gehilsen. Jm August 1867 gab die Druckerei
ihre durch 312 Jahre betriebene Thätigkeit für immer
auf, und der genannte Besitzer faßte die patriotische
Jdee, die Gebäude nebst deren gesammtem Jnhalte
seiner Baterstadt als ein Mvnument ihrer einstigen
Größe um einen geringen Preis zu überlassen. Jm
August 1875 beschloß der Gemeinderath von Antwerpen,
auf Betreiben des Bürgermeisters Leopold de Wael,
der sich in dieser Sache überhaupt große Verdienste
erworben hat, den Ankauf um die Summe von
1,200,000 Francs; eine volle Million bezahlte die
Stadt aus ihrem Säckel, den geringen Rest steuerte
die belgische Staatsverwaltung bei. Die vom Stadt-
architekten Herrn Dens besorgten Restaurirungsarbeiten
wurden rechtzeitig vollendet, und so kounte das Museum
Plantin-Moretus während Les Rubensfestes mit un-
geheurem Erfolge feierlich eröffnet werden.

Jni Erdgeschoß des Museums gelangt man durch
ein stilvoll gehaltenes Vestibül in einen Saal, das die
Bildnisse vou acht Mitgliederu der Familie Plantin-
Moretus und Vvn vier „Geschäftsfreunden" aus der
Zeit des größten Glanzes dieses Hauses zicren. Ein
dem Franz Pourbus d. Ä. zugeschriebenes Porträt
Plantin's ist bemerkenswerth, weil es Rubens als Vor-
bild für sein Bildniß des Gründers der Druckerdynastie
viente; für Balthasar Mvretns, scinen Jugendfreund,
hat Rubens überdies 1636 die Bildnisse der damals
bereits verstorbenen Peter Plantin, Arias Montanus,
Abraham Ortelius, Jakvb Mouretorf, Johanne Riviöre,
Martin Plantin und Adrienne Gras nach älteren
Porträts gemalt. Diese Arbeiten sind von ungleichem
Werth, was auch von den Brustbildern des Christoph
Plantin, Äan Mvretus, Justus Lipsius, Platon, Seneca,
Leo X., Lorenzo Medieis, Pico de la Mirandola,

König Alphons von Portugal, und Mathias Corvinus
gilt, die er schvn 1616 für das Haus Plantin-Moretus
gemalt hattc. Einige dieser Arbeiten sind offenbar bloß
von den Schülern ausgeführt worden. Jn diesem
glänzenden „Ahnensaale" sind die Originalzeichnungen
der verschiedenen Meister aufgestellt, die für das Hans
gearbeitet haben. Obschon zehnmal soviel zu Grunde
gegangcn ist, als aufbewahrt wurde, ist der Schatz an
Zeichnungen doch noch immer sehr reich; man findet da-
runter Namen wie Martin de Vos, Pieter van der Borcht,
Lambert und Adam van Noort, Peter Paul Rubens,
Erasm und Jan Erasm Quellin, Gottfried Maes und
van Orley. Martin de Vos, der fruchtbarste Zeichner
der vlämischen Schule, ist allein durch mehr als sünfzig
Blätter vertreten; seine Honorare waren allerdings so
unbedeutend, daß er rüstig schaffen mußte, um leben
zu können. Jm September 1587 bekommt er, nach
dem erhaltenen Rechnungsbuche der Officin, für dic
ZeichnuW von 8 Porträts zu 30 Patars (Sous) 12
Guldeu, und für das Stechen von 9 Figuren zu 6 fl.
im Ganzen 54 Gulden. Von Adam van Noort, dem
Lehrer des Rübens, sind 14Zeichnungen religiösen Sujets
erhalten. Von Rubens finden sich 9 Blätter, darunter
zwei Zeichnungen des Signets der Officin; die erhal-
tenen Geschäftsbücher zeigen jedoch, daß eine weit grvßere
Anzahl von Zeichnungen des Meisters verloren ge-
gangen ist. Seine Honorare waren ebenfalls nicht so
groß, daß nian seinen bekannten Tarif eines Verdienstes
vvn hundert Gulden täglich auf sie anwenden könnte.
Er bekam für ein Blatt in Folio 20 Gulden, für eine
Zeichnung in Quart 12, für eine in Oktav 8 und für
eine in Sedez 5 Gulden.

Der zweite Saal im Erdgeschoß, welcher durch
die bereits erwähnten Bildnisse von Rubens, die nicht
zur Familie gehören, geschmückt ist, enthält die werth-
vollen Manuscripte des Hauses, darunter zwei kostbare
Bände einer Bibel mit Miniaturen, und einige Proben
der Druckerei, worunter ein Exemplar auf Velinpapier
der berllhmteu polyglotten Bibel von 1572, die den
Ruhni des Hauses begründet hatte. Außerdem waren
noch 13 svlcher Exemplare für den König von Spanien
hergestellt worden, um dadurch die Summe von
21,200 Gulden abzutragen, welche er deni Hause für
das große llnternehmen dieser Bibelausgabe vorge-
streckt hgtte. Jn diesem Saale werden auch eiuige sür
die Ofsicin wichtige Originaldokumente aufbewahrt,
darunter das Privilegium Philipp's II. von 1568 bc-
züglich der Polyglvtten Bibel.

Das folgende Zimrner der Korrektoren ist voll-
komnien unberührt geblieben und sieht genau so aus,
wie es im Jahrs 1637 eingerichtet wurde. Darin
häben namhafte Gelehrte als Gehilfen der Druckerei
gearbeitet, darunter Pulmann, van Kill und Arias
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