Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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Wagens frei schwebenden Ruhmesgenien und die Nixen,
Welche die rückwärtigen Voluten an den Seitenwänden
stützen, sowie der sonstige rein ornamentale Theil der
Ausstattung des riesigen Gefährtes athmen durchaus
den freien, originellen Geist der Renaissance und sind
auch unter dem rein technischen Gesichtspunkte be-
trachtet im höchsten Grade bewundernswerth: alle diese
wenig unter Lebensgröße messenden Gestalten wurden
nänilich in der knrzen zur Verfügung stehenden Zeit
aus Holz geschnitzt, ebenso wie die beiden mächtigen
Flügel, welche unter der Gruppe des Feuergottes nnd der
Meeresgöttin aus der Rückwand des Wagens heraus-
ragen. Zu der figurenreichen, fast dnrchweg vergolde-
ten Masse des Wagens bildeten die acht schweren an-
dalusischen Rappen in ihrer mit rothem Sammet und
Gold reich verzierten Beschirrung, sowie die in Schwarz
und Roth gekleideten Feuermänner, welche den Wagen
begleiteten, einen ernst und großartig wirkenden
Gegensatz.

Etwas eigenthümlich Anziehendes hatten diejenigen
Gruppen, welche die von ihnen repräsentirten Gewerke
in lebendiger Thätigkeit zeigten, wie die Gerber, die
an der Esse arbeitenden Schmiede, die Buchdrucker u.
A. Letztere vertheilten ein im Stile des Theuerdanck
verfaßtes und in gothischen Lettern des 15. Jahrhun-
derts gedrucktes Fliegendes Blatt mit einer poetischen
Verherrlichnng des Kaisers, als des Befreiers der Presse,
unter das Publikum.

Schließlich haben wir noch der letzten Gruppe
des kostümirten Zuges zu gedenken, der Gruppe der
Künstler. Hier concentrirte sich natürlich — soviel
des Geschmackvollen und Reichen dieser Theil des Zu-
ges auch sonst noch darbot — alles Jnteresse auf eine
kleine, in Schwarz gekleidete Gestalt, welche in zweiter
Linie in der Schaar der Reiter allein auf goldgeschirr-
tem Schimmel daherritt — auf Hans Makart.
Sobald die Menge seiner ansichtig wurde, erdröhnte
die Luft von Hochrufen: von nun an kennt jeder Mann
aus deni Volk in Wien seinen Makart; durch ihn, der
an diesem Tage seinen eigenen Triumpheinzug hielt,
ist die Kunst wieder volksthümlich, ein Gegenstand der
allgemeinen Begeisterung, des allgemeinen Verständ-
nisses geworden.

Als der ganze Zug vor dem Kaiserzelte vorüber-
gezogen war, ersolgte der ergreifende Schlußakt der
Feier. 1500 Sänger bildeten einen Halbkreis um die
glänzende Versammlung des Hofes, nnd in den Donner
der Geschütze und das Läuten der Glocken mischten sich
die Klänge dcr Volkshpmne. Da sah man den Kaiser,
von Bewegung ergriffen, seinen Platz verlassen, die
Stufen herabeilen und dem Bürgermeister niitten in
den herandrängenden Schaaren der Gemeindevertreter
nnd Sänger die Hand zum Danke rcichen. Welcher

europäische Monarch nnserer Tage könnte sich eines
ähnlichen Erlebnisses rühmen? —

Auch einiger Moniente aus den verschiedenen
Festlichkeiten, welche der öffentlichenFeier solgten, müssen
wir hier noch in kurzen Worten gedenken. Dem ge-
nialen Erbauer der Votivkirche, Heinrich v. Ferstel,
wurde vvn seinen Schülern ein Festcommers veran-
staltet, zu welchem außer 500 Studenten der technischen
Hochschule, an welcher Ferstel bekanntlich als einer der
ausgezeichnetsten Lehrer wirkt, eine große Zahl von
Künstlern und Gelehrten, Vertreter der Akademie uud
andre Notabilitäten erschienen waren. Ein zweiter
Festabend, welcher von der Gemeinde veranstaltet wurde,
galt den kllnstlerischen Urhebern des kostümirten Zuges,
an ihrer Spitze Hans Makart. Beini Mahle theilte
der Bnrgermeister den Anwesenden mit, daß der Ge-
meinderath beschlossen habe, Meister Makart den Auf-
trag zu ertheilen, den Festzug der Stadt Wien vom
April 1879 im großen Repräsentantensaale des neuen
Rathhauses als Friesdekoration auszuführen. Der in
unserem früheren Anfsatze ausgesprochenen Hoffnung ist
somit die Verwirklichung aus dem Fuße gefolgt, als
eine der schönsten Früchte, welche das Kaiserfest den
Kunstfreunden einbringen konnte! C. v. L.

Aunstliteratur.

Goldcne Bibel. Die heilige Schrift, illustrirt Vvn den
größten Meistern, herausgegeben von A. v. Wurz-
bach. Stuttgart, P. Neff. 1879. Fol.

Selbst für den Fall, daß Judenthum und Christen-
thnm aus der Reihe der religiösen Bekenntnisse ver-
schwinden sollten, wird die Bibel stets ein unschätzbares
Dokument zur Geschichte der Kultur der Menschheit
bleiben. Sie gewinnt noch dadurch an Bedeutung,
daß sie in ihren großartigen Erzählungen und Gestalten
dem Dichter wie deni Künstler die reichsten Motive
darbietet und, weil sie in kurzer, prägnanter Weise er-
zählt, der Phantasie des Künstlers freien Spielranm
läßt. Kein Wunder daher, daß wir schon in der
ältesten christlichen Zeit Kiinstler finden (wenn wir auch
ihre Namen nicht kennen), welche bibtische Vorgänge
zum Gegenstande der Darstellung wählten, wie z. B.
in den Katakomben. Als die Kunst den Gipfel der
Vollendung erreicht hatte, blieb .die Bibel gleichfalls
der unerschöpfliche Born, aus welchem die Künstler
schöpften und zu den herrlichsten Werken begeistert wurdcu.
Historienniäler aller Schulcn schöpften an dieser Quelle;
die Ausnahmen wären zu zählen. Als durch die Er-
findnng des Bnchdrucks und die Vermählnng desselben
mit dem Holzschnitt im 15. und 16- Jahrhundert die
Bibel, besonders durch Luther, dcm Volke in dic Hand
gegeben wurdc, da entstanden unzählige Auflagcn der
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