Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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Aunstlitüratur.

Bcrichtc uun Vcr Pariscr Wcltausstelluiin 1878 lwu

JuliuS Lcssinn. Berlin, Vcrlag vvn Erust W as-

niuth. 1878. 8.

Nach Maßgabe sciner amtlichen Stellung nnd
seiner Hauptthätigkeit hat Lessing in seinen Berichten
über die Pariscr Wcltausstellnng, welche aus vierund-
zivanzig znvor in dcr „Nativnalzeitnng" und in dcr
„Jllnstrirten Frauenzeitung" vervffentlichtcn Briefen
znsammengestcllt sind, ein vorznglicheö Augcnmerk auf
das Kunstgcwerbc gerichtct. Während er die bildenden
Künste nur summarisch behandelt, hat er dcn Versuch
gcmacht, die Fvrtschritte der Kunstiudustrie in dcn
cnrvpäischen nnd auszcreurvpäischcn Ländern scit der
Wiencr Wcltausstellung nachzuwcisen. Wer sich in
cincr gleichcn Lage befundcn hat, wird die Schwierig-
kciten zu würdigcn wissen, wclche cinem solchen Ver-
snchc bcgegncn. Mcrklichc Fortschritte über Wien hinaus
ivird der anfmcrksame Bevbachter wohl nur in dcr
japanischen Jndustrie gefunden haben. Svnst hatte
cr hvchstens cine Erweiterung und cine Vertiefnng
der kunstgcwerblichcn Bcstrebungen, ost auch eine Ver-
snmpfung wie im Oricnt oder Ausschrcitnngen ver-
werflichster Art Ivie in England und Frankreich zu kon-
statiren. Sehr bunt, wechselvoll und unterhaltend war
das Bild der Pariscr Wcltausstellnng, aber wenig er-
sreulich nnd vollständig. Mit dankenswerther Svrg-
falt hat Lcssing aller Orten die Bemühnngen in's
Auge gefaßt, wclche auf die systematische Pflegc des
Kunstuntcrrichts gerichtet sind, in der offen ausge-
sprochenen Absicht, aus svlchcn Beobachtnngen nützliche
Lehrcn für Dentschland zu ziehen. Sehr eingehend
bcschäftigt er sich mit den österreichischen Fachschulen
und dcm Museum. Wcnn er die Ansicht ausspricht,
Las in Oesterrcich befolgtc, sonst sv vortreffliche Spstcm
des Unterrichts leide an dem Mangel, daß neben dem
Studinm der mnstergiltigen Renaissanceformen das
direkte Naturstndium vernachlässigt werde, sv scheint
nns dicse Bemerknng, falls sie auf richtigcn Beob-
achtnngcn beruht, jedenfalls regster Bcachtung werth.
Auch das svnst in den Berichten über die Pariser Aus-
stellung ziemlich vernachlässigte Gebiet der Frauenarbeit
und des wciblichen Putzes hat in Lcssing's Buch eine
eingehendc nnd sachknndige Behandlung erfahren.

L.. L.

Peter Vischer's Werkc, Tept von W. Lübkc. Zweite
Abtheilnng. Nttrnbcrg, S. Soldan. 1878. Fol.

Wir haben dicscs vcrdienstliche Unternehmen be-
reits beim Erschcinen der ersten Abtheilung an dieser
Stclle angezcigt. Dic soeben erschienene zweite Ab-
theilnng bringt nun den Schluß desselben, und wir

besitzen daniit das. vollständige Werk des Meisters —
sv weit es bekannt ist — in gctreuen Nachbildungen,
an dcrcn Hand sich dcr Forscher ein zutreffendes Urthcil
übcr Pctcr Vischer bildcn kann. Svlltcn sich später
nvch beglanbigte Arbeiten des berühmten Nürnberger
Nvthgießers finden, sv wird cin Nachtrag das Werk
vcrvollständigen. Jn den hier vorliegenden 24 Blättern
erhaltcn wir, ncbcn mehrcren Dctails des Fugger'schen
Gitter's nnd des Sebaldusgrabes, eine Totalansicht
des Letztercn, des Epitaphinms mit dcr Grablegung in
der Aegidienkirche zu Nürnberg, zwei Ansichten dcs
Grabmals iu Magdcburg, eine Wiederholung des
Tintenfasscs, die zwci Grabmäler in Hcchingen nnd
Rvmhild, die beidc anf dersclben Koinposition beruhen,
und dic Bildsäule des h. Mauritius in Nürnberg.

Dcr Text geht kritisch in chronvlvgischer Folge
die Thätigkeit des Meisters durch. Daß bei allem
Bcstreben, dcn Stosf zn erschvpfcn, dvch nvch nicht alle
Lücken nnsercr Kenntniß gedeckt sind, liegt im Wesen
der Sache. Aber dnrch dic Vereinignng sv vieler in
der Welt zerstreuter Werke ist hier ein großer Schritt
znr genaueren Würdigung des Meisters geschchen.
Bekanntlich hat sich seit vielen Jahren ein Streit
darüber entspvnnen, vb Vischcr als ein selbständig
thätiger Kiinstler anfzufassen ist, vder nur als ein Hand-
werksincistcr, der Vvn anderen Künstlern erfnndene und
im Modell hergestellte Gedanken durch gediegenen Guß
wiederzugeben verstand. Besonders hat Bergau neuer-
dings den zweiten Standpunkt eingenvmmcn. Aus
der Prämisse, daß für zwei Grabmäler eine Zeichnung
vvn Dürer als Vorlage sich gefunden, ivird von ihni
geschlossen, daß es bei allen anderen Werken eben so
gewesen sei. Wenn da gesagt wird, die Statue des
Grafen Ottv von Henneberg dürf te nach einer Zeich-
nnng von A. Krafft sein, oder die Ornaniente und
Wappen am Grabmal des Erzbischvf Ernst in Magde-
burg erinnern an A. Krafft, so ist das eine subjektive
Ansicht, da uicht erwiesen werden kann, daß A. Krafft
wirklich die Zeichnung geliefert hat. Aehnlich heißt
es: Mau beanftragte wahrscheinlich A. Krafft, cinen
Entwnrf (znm Sebaldnsgrab) zu verfertigen. Heideloff
hat die Zeichnnng dcm V. Stvß zugeschrieben, weil er
ganz willkürlich ein ganz fremdes Monogramiii dein
Zeichen dieses Künstlers ähnlich fand. (Widerlegt von
Döbner im Kunstblatt 1852). Wir wollen hier nicht
in die Streitpunkte tiefer eindringen und erlauben uns
nnr die knrzen Bemerknngen: Vvn seinen Zeitgenossen
ist Vischer für cincn Künstler gehalten worden; Ncu-
dörsfer sagt Vvn seinem Sohne Hermann, er sei mit
Gießen, Rcißen, Maßwcrken und Cvnterfeyen wie der
Vater fast künstlich gewesen; das Gitter für Fugger
ist sicher nach Vischer's Erfindnng nnsgeführt worden;
auf mehrere seiner Werke bezeugt er selbst seine
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