Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstlitsratur.

cine große Anzahl Monumente von Neumagen fort-
gefahren hat, von dcncn nur nvch wenige Stncke heute
in Luxcmburg im Mansfelder Thor eingemauert sind,
sv mag anch vieles auf ewig verloren sein.

Knnstlerisch nehmen unter sämmtlichen Skulpturen
die Friese mit Darstellungen von Meergöttern und
Seethieren den ersten Rang ein. Wir sehen die
Tritonen im heißen Kampfe gegen die geschwänzten
Löwen, Leoparden und Stiere oder die Götter sich be-
haglich auf ihren Thieren tviegen; in den kühnen, stark
verkürzten Figuren der Tritonen und in den schön-
geschwungenen Linien der Thiere ist der Einfluß her-
vorragender Werke der griechischen nnd römischen Kunst
nnverkennbar. Von diesen Friesen mit Kämpfen nnd
Zügen der Mcerwesen sind uns acht Stück erhalten.

Weit zahlreicher ist die Klasse derjenigen Skulp-
tnrcn, deren Darstcllnngen dem täglichen Leben ent-
nommen sind. Hier sehen wir einen Jüngling hoch
zu Roß, die Hunde an der Leine führend, znr Jagd
ausziehen;' einen Knaben, wie er cinen Hnnd nach
cinem hoch gehaltenen Hasen springen läßt, und in
freistehendcr Kolossalgrnppe einen Bären, im Begriff,
einen unter ihm liegenden Widder zu vertilgen. Drei
großc Reliefs stellen gefangene Barbaren dar, welche
mit auf den Rücken zusammengebundenen Händen
zwischen erbeuteten Waffen sitzen; ein anderes Relief
bestcr Arbeit und Prächtigster Erhaltung einen alten
Mann, der auf einer Tafel schreibt, während ein
Jüngling ihm eifrig znsieht. Zwci sich ähnelnde Sknlp-
tnren zeigen uns Damen, die mit ihrer Toilette be-
schäftigt sind, eine Giebelgruppe vier Frauen hinter
einem Tisch mit Schalen voller Früchte. Besonderes
Änteresse bietet ein Hochrelicf, in dessen Vordergrund
cin Tisch dargestellt ist, anf welchem ein Hanfe Geldes
ausgebreitet liegt. Um den Tisch stehen drei Jüug-
linge: der cine legt seine Hände auf das Geld, der
zweitc prüft aufmerksam eine Münze, der dritte macht
Notizen in ein Buch. Hinter dieser Gruppe stchen
vier Männer, von denen nicht klar ist, vb sie kvmmen
vder gehen, was sie sollen. Sie sind mit der Pänula,
an welcher der Cucullus hängt, bekleidet. Der Cucullus
aber ist von einer ungewönhnlich spitzen Form, so daß
cr mit der Kapuze, welche heutzutage die Mönche
tragen, aufsallende Aehnlichkeit hat.

Knlturhistorisch indeß sind von größerer Wichtig-
keit eine Reihe Monumente, welche sich auf Weinbau
beziehen. Diese Skulpturen sind der mannigfachsten
Art. Um nicht der vielen Monumente, an denen
Weinranken und Weintranben ornamcntal verwandt
stnd, zn gedenken, erwähne ich zunächst eine eigen-
thümliche Grnppe, vie aus vier großen, mit Stroh
umwundenen Dolien besteht. Diese selben Dolien, zwar
kleiner, aber ebenfalls mit Stroh umwunden, finden

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wir auch auf einem Tisch stehend auf einem Relief.
Auf die Weinlese scheint mir ein schön erhaltenes Hoch-
relief hinzudeuten, auf deni ein Mädchen im Tanze
dargestellt ist, mit wallendem Schleier und mit ciner
mächtigen Weintranbe, in der hoch erhobenen Linken.
Ein auf einem Wagen liegendes Weinfaß zeigt uns,
wie die Neumagener Negociatores (diese werden mehr-
sach in den Jnschriften erwähnt) den Wein zu Lande
transportirt haben. Den Wassertransport sühren uns
zwei Skulptnren vor die Augen, die wohl zu dem
Originellsten gehören, was überhaupt die provinzielle
Kunst geschaffen hat. Man denke sich zwei als voll-
kommen freistehende Gruppen gearbeitete Schiffe, von
denen jedes etwa eine Länge von 3m und eine Höhe
von 1,50m hat. Der Kiel der Schiffe läuft in einen
Delphin aus. Dic Schiffe sind Zweiruderer. Von
der unteren Reihe der Schiffer sind nur die Rndcr
sichtbar, von den vben Sitzenden ragt der Oberkörper
über die Brüstung des Schiffes hervor. Jn der Mittc
liegen die Weinfässer. Die Köpfe der Schiffsleute —
meist derbe, bärtige Gesellen — sind alle einzeln charak-
terisirt, namentlich ist der Kopf des einen Steuer-
mannes, der, in unmittelbarster Nähe cines Weinfasses
sitzend, den süßen Weindnft in sich aufnimmt, mit köst-
lichstem Humvr gebildet.

Diese Darstellungen sind wichtig. Sie zeigen
nicht nnr, daß wie jetzt, so auch in den ältesten Zeiten
in Neumagen der Weinbau die Hauptguelle des Er-
werbes bildete, sondern sie legen auch für das Vor-
handensein der Weinkultnr in Neumagen und an der
Mvsel überhaupt schon für den Ausgang des zweiten
Jahrhunderts nach Christi Gebnrt unwiderleglich Zeug-
niß ab. Denn ciner späteren Ansetzung der Neumagener
Monumente widerspricht der Stil der Skulpturen und
noch mehr die Buchstabenformen der Jnschriften, welche
noch durchaus eincn monumentalen Charakter haben.

Jedenfalls lehrt der Fund, daß Neumagen zur
Römerzeit ein blühender Ort gewesen ist, der Sitz
einer reichen Kaufmannschaft, Ivelche Trier und die
großen Niederlassungen am Rhein mit den Erzeng-
nissen des Weinbaues am Mvselstrvme versah."

Aunstliteratur.

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msuts 6u sib.ols, plioto^rnpliiss pnr Hbsrt
I?os1is. L-vss uus uots sxpliontivs pnr Is
Mb äsVoAÜs (äs I'Iustitnt). knris, ck. Lnuär^.
1878. Hol.

Untcr den altchristlichen Mvnnmenten Central-
Syriens, deren genauere Kenntniß wir in erster Linie
dem im vorigen Jahre vollendeten Kupferwerkc
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