Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Parissr Salon.

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arbeiten und Stickereien; ein Heer von Holzbildhauern,
Jntarsiatoren, Glasmalern u. s. w. arbeitete an der
Ausschmückung des Palazzo S. Marco. Von dcn
Bildhauern, deren Namen mit dem Andenken Paul's II.,
verknüpft sind, ist in erster Linie Mino da Fiesole,
dann der Paduaner Vellano zu nennen. Jn Paul II.
dem Venetianer, bricht dann auch die alte Prunkliebe,
die Lust namcntlich an der Ausschmückring der eigenen
Prachtgewänder mit Gold und kostbaren Edelsteinen
wicder mächtig hervor. Er zahltc sür eine einzige
seiner Tiaren die enorme Summe von 120,000 Du-
katen. Platina, der ihn allerdings verkleinern will,
sagt, ganze Nächte habe er mit Perlen und Gemmen
gespielt. Andererseits aber hat er weder der Simonie
noch des NepotismuS sich schuldig gemacht. Es geht
ein großer, königlicher Zug durch seinen Sammeleifer
und seine Prachtliebe.

Unter den Künstlern, welche Paul II. beschäftigte,
weist Müntz dem bisher fast unbeachteten, erst im 2. Bande
von Milanesi's neuer Vasari-Ausgabe (S. 664) ge-
bührend hervorgehobenen Meister Meo del Caprina
die erste Stelle an. Er erscheint vom Jahre 1467
bis zu Paul's II. Tode beschäftigt am Palazzo S.
Marco und an der anstoßenden Kirche, und zwar als
uroüitsotö soulptsur, vorwiegend an Arbeiten deko-
rativer Art. Uebrigens hat der Meister auch Anrecht
auf ein bedeutendes architektonisches Werk; er war,
wie schon Canina nachzuweisen suchte, der Erbaner
der Kathedrale von Turin, nicht der von Vasari ge-
priesene Baccio Pontelli. Der bedeutendste der von
Paul H. beschäftigten arobitsotss obarpsutisrs war
ohne Zweifel Giuliano da San Gallo; über ihn
bringt der Anhang des 2. Bandes eine interessante
Notiz aus der Feder H. v. Geymütter's, welche sich
auf das vielgenannte Skizzenbuch in der Barberinischen
Bibliothek bezieht. Geymüller weist dort nach, daß
die in diesem Buche enthaltenen Zeichnungen von
Bauten Griechenlands, deS Orients, Jtaliens und Frank-
reichs nicht alle von einer Hand herrühren. Ein Theil
ist allerdings von Giuliano, der andere aber (20 Bl.)
von dem jüngeren Francesco da San Gallo. Ein
ganz ähnliches Zeichenbuch, ebenfalls von den beiden
San Galli, befindet sich in Geymüller's Besitz. Es
stammt aus der Sammlung Gaddi in Florenz.

Wir nehmen hiermit vorlüufig von dem Werke
des gelehrten Pariser Bibliothekars Abschied, indem
wir nochmals über den reichen und übersichtlich ge-
ordneten Jnhalt, über die echt wissenschaftliche, ernste
und schlichte Haltung desselben unseren vollen Beifall
ausdrücken. mehr sich Müntz's Darstellung der
goldenen Zeit der Hochrenaissance nähert, um so größer
wird begreiflicherweise die Spannung, mit der die
kunstgelehrte Welt den Ergebnissen seiner Arbeit cnt-

gegensieht. Wir wünschen von Herzen, daß das Glück,
dessen auch der fleißigste Archivforscher nicht entrathen
kann, um sein Ziel zu erreichen, ihm bis an's Endc
treu bleiben möge! 0. v. L.

Der jOariser 5alon.

IV.

(Schluß.)

An die frenidcn Gäste mahnte zunächst eine den
Mittelpunkt dcr Halle cinnehmende Gruppe grünen
Laubwerkes, welche die von einem Genius gekrönte
Büste des belgischen Kunstgärtners Louis van Hautte
umschloß. Die Stadt Gent bestellte das Bronze-
Denkmal bei seinein Landsmann de Vigne, aber die
Jdee entspricht dem Gegenstande wenig. Der Ant-
werpener Geefs gab in seinem „Von den Wogen des
Hellespontes leblos an's Ufer gespülten Leander" einen
schönen Beweis sleißigen Strebens und stetigen Vor-
wärtsschreitens auf der betretenen Bahn. Lambeaux
blieb hinter unseren Erwartungen zurück. Hussa!
Es geht zu Ende mit dem scheuen Wilde, das fröhliche
Halali erklingt! Cuypers wußte den Moment im
Fluge zu erfassen, seine Gypsgruppe findet mit Recht
bei den Waidmännern wie bei den Kennern Beifall.
Dem Russen Antocolski blieb die Ehrenmedaille von
der Weltausstellung 1878 in gutem Andenken, und
auch wir haben seinen „Tod des Sokrates" nicht ver-
gessen; freilich schickte er diesmal nur Gypsentwürfe,
ein auf der Schüssel ruhendes Haupt Johannis des
Täufers und eine Büste Mephisto's, nach einer echt
russischen originellen Jdee. — Jn der Behandlung des
Toilettendetails, der Spitzen und Bünder, einzelner
Haarlocken oder flatternder Gewänder sind die Jtaliener-
noch jetzt die Ersten, obgleich die übrigen Nationen
ihnen seit 1867 diese Geschicklichkeit mit Erfolg ab-
zulauschen begannen. Pandiani's zwei Marmor-
statuetten Is msnstrlsr und 1s inasgus äiublotin
überraschen durch den unsäglichen, auf die Wiedergabe
der Phantasietracht verwendeten Fleiß, aber das Ganze
bleibt kleinlich; die Plastik hat hvhere Ziele. „Freude"
und „Schmerz" symbolisirt P ereda als ein mit einem
Vöglein spielendes Kind; erst leidet der zarte Sänger
des Waldes und das Knäblein lächelt selig, dann
stirbt das Thierchen in seiner Hand und der Kleine
weint. Gemito stellte uns Federico de Madrazo,
leider nur in gebranntem Thone vor, vielleicht bringt
der nächste Salon die Marmorbüste. Künstlerisch
reich ausgestattet ist Lanzirotti's Porträtbüste der
Gräsin Tyszkiewicz im Kostüme des 18. Jahr-
hunderts. Die jugendliche Gestalt taucht gleich einer
Rosenknospe aus dem zurücksinkenden Hermelinmantel
auf; der Kamm mit der Grafenkrone, die Perlen am
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