Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Pariser Salon.

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Reklamen jeglicher Art folgten! Das Vcrfahren
mag praktisch zur Deckung der Druckkosten sein,
aber es ist mehr als lästig für das Publiküm und
unwürdig fiir ein derartiges Unternehmen von inter-
nationaler Bedeutung. Der Katalog der französi-
schen Abtheilung könnte darin zum Muster dienen;
ivie es für den Salon üblich ist, enthält er bei jedem
Künstler kurze Notizen über seinen Bildungsgang und
die erhaltenen Auszeichnungen, verschweigt freilich
sophistisch die Entstehungszeit Ler älteren Gemälde.

Die uächste internationale Ausstellung in Mün-
chen wird wahrscheinlich kleiner und einfacher sein,
denn wer könnte alle vier Jahre die weitgereisten
Prunkstücke der öffentlichen Galerien aus dein letzten
Decennium zusammeuschleppen, wie es diesmal geschah;
aber sie muß einheitlich und frei von kleinlichem Par-
teigeiste sein, sonst wird der schone Plan Chimäre
bleiben. Die deutsche Kunst steht zu hoch, um solcher
erbärmlicher Einzelinteressen wegen ihr Ansehen den
Fremden gcgenüber einzubüßen. H. L.

Der Aariser 5alon.

III.

(Schluß.)

Und nun zu ciner letzten, die Einheimischen und
die Fremden im cngsten Rahmen umfassenden Nuud-
fchau; Zeit und Raum drängen gebieterisch.

Da begegnen wir zunüchst nvch einigen bei der
crsten Prüfung übersehenen beachtenswerthen Bildnissen.
Leon Glaize, dessen Porträt seiner Mutter im Salon
1868 zuerst die Ausmerksamkeit auf den vielversprechen-
den Anfänger lenkte, hat statt der großen Geschichts-
bilder der letzten Jahre wiederum ein schönes, sprechend
ähnlicheS Porträt, das seines Lehrers Gerüme, ein-
gesandt. Paul Dubois' „Kinderporträt", ein reizendes
blvndes Mädchen ini weißen Kleide, Brustbild und in
ebenso kleinem Maaßstabe wie Duran's allerliebstes
Knabenköpfchen gehalten, ist eine Perle, des Ateliers,
aus dem es hervorging, würdig. Mehr charakteristisch
als fesselnd sind die vcrwitterteu Züge vvn B erti er's
„Altem Landpfarrer". Saintin's „Porträt eincr Frl.
H. B." sucht au frischer Anmuth seines Gleichen. Unter
der Damenwelt fanden einige Kinderphantasieporträts
besonderen Beifall: „Die gesprungene Trommel", ein
tiefbetrübtes Baby im Hemdchen von Jeanne Böle
und „Schlechte Laune'si welche der Kleinen den ori-
ginellen Gedanken, sich bis auf das Henidchen und ein
himmelblaues Strümpfchen zu entkleiden, eingab, von
Elisa Koch, sowie Munier's „Jn Strafe", ein in sein
Stühlchen gebannter Schelm, der sich voll rührender
Verzweiflung mit beiden Händchen in's lockige Haar

faßt. Der „Moses ini Nil" Perrault's erinnert zu
sehr an Paul Delaroche.

Bcnjamin Cvnstant zeigt uus marvkkanischeFrauen
„Abends auf der Terrasse"; das Kvlorit ist warm und
leuchtend, die liegende Gestalt, das Bild der Sehnsucht,
besondcrs gelungen; die auf der Mauer Sitzende, im
Profile gesehene, hat dagegen etwas statuenartig Steifes.
Wenn man Mitglied des Jnstitutes wie Hebert und
überhäuft mit Ehren ist, darf man schon einen so
kühnen Wurf wie die „Sultana", ein iu ticscm Rem-
brandt'schen Hetldunkel ausgeführtes Frauenbild, wagen
Nur um das Haupt erhellt sich das Dunkel, und die
orientalischen Gewänder fangen die Hauptstrahlen des
rvthlichenLichtscheinesauf. MetzmacherhatdemGenre-
bilde die Treue bewahrt; sein „8uul, cks loup", der
Kuß über's Gitter, selbstverständlich Rvcoccostück mit
Puder und Schvnheitspflästerchen, ist fein und zart
und duftig. Alexander Dumas' Galerie bereichert sich
wieder um zwei schöne Gemälde, die er sich vorweg
sicherte: Jacguet's „Brsiniürs urrivss", die Siegerin
im Wettlaufe, eine im Stile Watteau's ausgeführte
wohlgelungene Schöpfung, und Leh m a n n's „Jm Jahre
1795"; Jacguet ließ die leichtfüßigste Elfe Les Kreises
triumphirend die kleine Hvhc erklimmcn und aufathmcnd
voll stolzer Befriedigung auf die hcrankeuchenden Gc-
nossen hinabblicken. Das reiche sattc Kolorit des
Ganzen und der Schmelz des jugendlichen, vom jähcn
Laufe erhitzten Antlitzes sind ebensoviel Ehrentitel für
den Maler, welcher 1875 die erstc Medaille davon-
trug und gleich der Mchrzahl sciner hervvrragenden
Genvssen als „tiors oonLours" übcr den kleinen Be-
lohnungen steht. Nicht so Motte, dessen „Circe mit
den Gcnosscn des Odpsseus" mehr Anlage für den Humvr,
als Bertrautheit mit den plastischen Formen des weib-
lichen Körpers verräth; die Verzweiflung der mit
Menschensinn in Thierkörper Gebannten muß Jedem
cin Lächeln abgewinncn. Fast hätteu wir in Pelez
einen strebsamen Anfänger übersehcn, der kaum am
gvttlichen Kelche nippte und ihm schvn Muth zum
großen Historienbilde cntnahm; scin „Tod des Kaisers
Commodus" leidet an Schwächen jeglichcr Art, Bcr-
zeichnung, Unschönheit und histvrischer Unwahrschein-
lichkeit, ist aber trvtzdem beachtcuswerth als Vcrhcißung
für dic Zukunft eines freilich noch der.Läuterung bc-
dttrftigen Talentes. Cazin's zu einem Deckengemälde
bestimmte „Kunst", cine bleiche melancholische Frauen-
gestalt, scheint trüben Gcdanken nachzuhängen. Comt c's
sentimentale Pendants „Dic Liebe verscheucht die Zeit"
und „Die Zeit vcrscheucht die Liebe" schweben zwischen
Himniel uud Erde.

Auch an jencn Gcmälden, welche ihre Zutünft
in den illustrirtcn Zeitungen, im Oeldrucke und in der
Photvgraphie zu finden pslegen, war kein Mangel.
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