Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die Königlichen Mussen in Berlin und der Preußische Landtng.

Nebeneinanderstellung auftreten, aus der man auf die
ersten Versuche eines sechsjährigen Knaben schließen
möchte, die aber dem Kiinstler so sehr gefallen zu
haben scheint, daß er sie ganz genau in eincm anderen
Bilde wiederholte. Ein paar Stillleben von Parrini
und Givrdano wirken wahrhaft erqnickend in der
Oede des Raumes, in welchem indeß init dem ersten
der vorerwähnten Machwerke noch ein anderer uni die
Palme streitet, eine Partie aus Giardino d'Azeglio in
Mond- und Laternenbeleuchtung mit einer Anzahl
von Spaziergängern; sie erinnert in Komposition und
Ausfiihrung geradezu an diejenige Kunststufe, anf der
die an Jahrmärkten znr Schau gestellten Oelbilder zu
stehen Pflegen. Daß man neben solchen Proben ein-
heimischen Kunstbetriebes auch gegen das Ausland die
weitestgehende Gastfreundschaft geiibt hat und dem
Publikum unter anderem Aguarelle ivie den Thurm
von S. Miniato und den Ponte S. Trinitä. von
Arthur Danyell vorfuhrt, dem eine vertikale Linie
noch Geheimniß ist, kann kaum befremden. Als acht-
bare Arbeiten sind auf dem Gebiete der Landschaft
nur ganz wenige zu verzeichnen, etwa ein stimmungsvoll
behandeltes Motiv aus Tivoli und ein paar andere
kleine Bilder aus Chioggia von V. Avanzi, eine
Lagunenansicht Vvn Ciardi und eine Partie des Arno
mit Strandarbcitern von Gairoa rd. Was sonst anS
Florenz oder seiner Umgebung den Stoff gebvten hat,
steht größtentheils tief unter dem Niveau des Genieß-
baren; so erscheint eine Landschaft mit Brücke über
dem Mugnone in der Nähe von Fiesole wie eiue
Parodie der prächtigen Wirklichkeit, die man große
Mnhe hat in dem Bilde wiederzusinden. Etwas besser
ist es bestellt nm die Architekturmalerci, die durch einige
ansprechende Kircheninterieurs vou Caligo (S. Spirito
und Chor von S. Maria Novella), Mvla (Jnnercs
von S. Lorenzo in Turin) und Nvmco Ferrario
(Jnneres der Certosa von Pavia) vertrcten ist. Die
letztgenannte Kirche hat auch Carlo Ferrario für
vier höchst saubcr durchgeführte Aguarellc als Vorwurf
gedient, unter denen hauptsächlich das Nefectorium
und die alte Sakristei von einer gründlich geschulten
Technik zeugen nnd unbedingt als das Beste der ganzen
Ausstellung zu bezeichnen sind. Jhnen am nächsten
steht ein Aguarell von Brugnoli, die ?ortu äslla
Oarta 'zu Venedig darstellend, während die vielgemalte
Rivs, ckvKli La.Iiiavoni vor einer Verewigung, wie sie
Canella ihr mit seinem Oelbilde bereitet, billiger-
weise hätte bewnhrt bleiben sollen. Erträglicher ist,
als Architekturstück betrachtet, die Südwestecke des
Markusplatzes von Faccioli, durch die höchst mangel-
haften Figuren freilich, die der vor sich gehenden
Taubenfütterung beiwvhucn, stark beeintrüchtigt. Ein
Oelgemälde von Bardueci, der Hof des Bargello

von der Frcitreppe aus gesehen, zeigt bei fleißiger
Zeichnung wenig Vertrautheit mit malerischer Wirkung.

Jndem wir die wenigen Historienbildcr, den Ver-
kauf Joseph's an Potiphar von Faldsi und Bur-
lazzi's Fulvia, das Haupt des ermordeten Cicero
erblickend, nnr erwähnen, schließen wir mit einem
kurzen Blicke auf das Genre, das sich weder in stoff-
licher Beziehung - zechende Mvnche, zechcude Ritter,
Pagen mit Falken, alles in mehreren Variationen
wiederkehreud, Streichhölzchenverkäufer, altröniische
Figuren in einem Atrium u. s. w. — nvch in teck-
nischer Hinsicht über den Durchschnitt des in diesem
Fache von der neuestcn Kunst JtalienS Geleisteten er-
hebt, wohl aber nur zu häufig unter densclben herab-
gesunken erscheint. Trotzdem ist ein Genrebild dazu
bestimmt worden, behufs Vertheilung an die Mitglieder
in Kupferstich vervielfältigt zu werden: cs ist dies
eine in Oel gemalte Odaliske von Angiolv Nomag-
noli, die in einem Hemd von raffinirter ko'ischer
Durchsichtigkeit auf einem mit gclbcm Atlas übcr-
deckten Divan der Ruhe pflegt. Der Atlas ist nicht
übel gemalt, auch das Tigerfell nicht, Welches am
Bodcn ausgebreitet ist — der Rest ist Schweigen.

Zu verwunderu bleibt es, daß bei dieser Be-
schaffcnheit der Ausstellung, die sast nur trübe Ein-
blicke in künstlerische Mittelmäßigkeit nnd Ohnmacht
eröffnet, iminerhin eine relativ beträchtliche Anzahl
vou Nummern ihre Käufer gefunden hat, unbegreiflich
dagegen, wie sich, wenn anders die zu der „espo-ii-
^ions solsnns" zngelassenen Objekte überhaupt einer
Censur vvn Seiten der Leitung der „Looistu ck'inso-
raA^iamonto" unterliegen, dergleichen AuSstellungen
in der Wiege italieuischer Kunst zu Stande kommen
können. Eine solche Art von „Ermuthigung" kann
dvch wahrhaftig weder den producirenden Kräften noch
dem Publikum zum Heile gereichen. Unter diesen
Betrachtnngen schieden wir ans deu Räumen der
Ansstellung und begrüßten die nahe Piazza dell'
Annunziata mit dem Gefühle eines erlösten Märtyrers.

?. 8.

Die Aöniglichen Nuseen in Berlin und der
preußische Lundtag.

Die Debatte über den preußischen Cultusetat war
ai» 18. Jannar von ganz besonderem Jnteresse für
die Fragen der Kunstpflege in Preußen, so daß wir
glauben, es werde unseren Lesern nicht unerwünscht
sein, eine ausführlichere Mittheilung über die wich-
tigeren bei diesem Anlasse gehaltenen Reden zu em-
pfangen. Deu Gcgenstand der Diskussion bildete vor-
nehmlich ein Abstrich von 15,000 Mark, der aus
Sparsaiiikeitsrücksichten an deni Vermehrungfvnds der
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