Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur,

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das Wichtigste aus dem reichen Bestande des 'Museums
Plantiu-Moretus berühren kvnnten, werden genügen,
nm einen Begriff von der Gestalt und dem Werthe
desselben zu geben, Durch solche Jnstitutionen wird
das Andenken an eine vergangene große Epoche des
nationalen Lebens nicht blos dem Volksbewußtsein
lebendig erhalten, sondern es wird auch der lebenden
Generation Anregung geboten, an den Werkcn der
Borzeit sich zu begeistern und emporzuschwingen zu
neuen Leistungen, Der Gemeinderath der Stadt Aut-
werpen hat sich daher durch die Errichtung des Muscums
ein bleibendes und großes Verdienst um das reich be-
gabte belgische Volk erworben, und wir dürfen hoffen,
daß seine fortgesetzten Bestrebungen, der nativualen
Kunst und Wissenschaft in so gemeinnütziger Weise
Denkmale zu errichten, von ungemindertem Erfolge ge-
krönt sein werden. Unsere besten Wünsche begleiten
namentlich die Aufstellung eines vollständigen Jnventars
der Werke des Rubens, welche gewaltige Arbeit ein Jahr-
hunderte altes Bedürfniß der Kunstforschung zu erfüllen
und eine wirkliche Ehrenschuld der Stadt Anttverpen
gegenüber ihrem großen Sohne zu tilgen bestimmt ist.

Oskar Berggruen,

Aunstliteratur.

Aus vicr Juhrhundcrtcn niedcrtlindisch-dcutscher Kunst-
geschichtc. Studien von Alfred Woltmann,
(Allgem, Berein für deutsche Literatur.) Berlin
1878, 8.

Der „Allgemeine Verein für deutsche Literatur",
welcher während der vier Jahre seines Bestehens vurch
seine Publikationen bekundet hat, daß er eine zweck-
mäßige Richtung in entsprechender Weise verfolgt, konnte
sich kaum cin größeres Verdienst um die allgemeine
Bildung in Deutschland erwerben, als durch das Her-
einziehen der Kunstgeschichte in den gediegenen Lesestoff,
welchen er seinen Mitgliedern zu bieten beabsichtigt, Wie
fashionable auch durch die Kunstvereine das Beschauen
und Besprechen von Bildern geworden ist, welche Ver-
breitung auch zahlreiche Kunstwerke von wirklichem
Werthe durch die Photographie und durch die illu-
strirten „Prachtwerke", mit denen der Markt nachgerade
überschwemmt wird, gewonnen haben: unbestreitbar
bleibt es doch noch invmer, daß bei uns eigentliche
Kenntnisse und ein tiefergehendes Verständniß auf
keinem Gebiete der allgemeinen Bildung seltener an-
getroffen werden, als aus dem der bildenden Kunst,
Jn dieser Hinsicht eine Wendung zum Besseren herbei-
zuführen, den gebildeten Kreisen des Publikums nach
ünd nach Geschmack an kunstgeschichtlichen Skizzen bei-
zubringen und sic auf ein Niveau zu heben, welches
sie zur Aufnahme größerer nnd schwieriger zu erfassen-

der Pnblikativnen befähigt: das erschsint uns als ein
Programm, welchem Beifall und Erfolg nicht aus-
bleiben kvnnen, wenn das Unternehmen geschickt ange-
faßt und durchgeführt wird, Mit Woltmann's Stu-
dien hat der Literatur-Verein sicherlich einen gnten
Anfang gemacht; denn dieser Kunstgelehrte besitzt die
seltene Gabe, im besten Sinne des Wortes populär zu
schreibeu, ohne jene wissenschaftliche Höhe zu verlassen,
welche der schriftstellerischen Leistnng erst den eigentlichen
Werth verleiht, Alle Aufsätze, welche Woltmann znm
Theil auf Grund früherer Vorlesungen nnd Arbeiten
zu einem innerlich zusammenhängenden Ganzen ver-
einigt hat, tragen das Gepräge echter Essays im eng-
lischen Sinne deS Wortes. Der Ajann vom Fach
findet in denselben mit Vergnügen ein meisterhast be-
wältigtes, fast möchten wir sagen condensirtes Material
und geiftreiche, oft auch neue Anschauungen; die Leser
aus Kreisen, welche der Kunstforschung nicht ange-
hören, müssen durch die klare, scharf pointirte Dar-
stellung und dis allgemein verständlich hingestellten
ästhetischen Gesichtspunkte gefesselt und angeregt werden,
sich mit der einen vder andercn Materie und den in
dieselbe gehörenden Kunstwerken näher bekannt zu
niachen, Jn eincr derartigen Anregung aber äußert
sich zunächst der Werth dcr kunsthistorischen Dar-
stellung; denn daß die bloße Lektüre auch der besten
Schriften über Kunst ohne eigene Kenntniß der Kunst-
werke nur geringen Bildungserfolg haben kvnne, braucht
nicht erst gesagt zu werden,

Die Reihe der einzeluen Studien eröffnet mit
Recht eine geistvolle Zusammenfassung der Kunst- und
Kulturelemente, welche in der deutschen Renaissance
zum Dnrchbruch und Ausdruck gelangt sind; das
nationale Moment in dieser nierkwürdigen Bewegung
tvird kräftig betont und auf das Fortwirken des ger-
manischen Geistes in der niederländischsu Kunst ge-
bührend hingewiesen, Der folgende Aufsatz „Dürer
und Mabuse in Prag" scheint uns in den Rahmen
des Buches nicht zu passeu; so interefsant auch die
Details sind, welche Woltmann während seines Auf-
enthaltes in Prag über diesen Gegenstand gesammelt hat,
so kann die in Rede stehende kleine Monographie doch
nur bei einem engen Kreise von Fachmännern Anklang
finden, Einen überaus glücklichen Griff dagegen hat
Woltmann mit den Aufsätzen über Rubens'und über
das Leben seines Schülers van Dyck am Hofe Karl's I,
von England gethan, Der erstgenannte Essay giebt
in knappster Form cin nahezu erschöpfendes Bild von
dem Leben und der künstlerischen Bedeutung des großen
vlämischen Meisters; der letztere enthält eine werthvolle
Charakteristik der Meisterwerke der Bildnißmalerei,
welche van Dyck in England hinterlassen hat, Sehr
anziehend, verständlich und anregend sind die Paralleleu
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