Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

Page: 587_588
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1879/0295
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
587

Der Merthums-Verein in Wien.

588

und kein Bruchtheil Deutschlands hat das Recht, ihn
anders darzustellen, als er in der dankbaren und be-
wundernden Erinnerung des deutschen Volkes lebendig
ist. Darum ist auch die Aufgabe, einen solchen Mann
darzustellen, mit Nichten eine leichte. Sowohl der
ausführende Künstler, als auch die leitenden Männer
des Komits's, — sie Alle sollen wohl zusehen, was
sie thun, damit nicht das Berdammungs-Urtheil eines
ganzen Volkes ihre Namen auf immer brandmarke.

Wir mühen uns vergeblich ab, einen Gesichts-
punkt aufzufinden, von welchem aus ein Lessing auf
hohem Postamente inmitten eines freien Platzes durch
eine sitzende Figur charakteristrt werden könnte. Die
Gründe, welche den Künstler bewogen haben, stch für
ein Sitzbild zu entscheiden, sowie diejenigen, welche
das Komits veranlaßt haben, demselben zuzustimmen,
vermögen wir uns nicht vorzustellen, und es ist zu
bedauern, daß der Herr Verfaffer uns keine Aufklärung
darüber giebt. Aber, welcher Art jene auch sein mögen,
— sie werden schwerlich Stand halten können vor
der unerbittlichen Logik der ebenso klaren wie gemüth-
vollen, weil tief empfundenen Argumentation, mit
welcher der Herr Verf. die aufrechte Stellung der
Denkmals-Figur als die allein zulässige bezeichnet.
Die Charakteristik Lessing's, seiner ganzen Thätigkeit,
seines innersten Wesens, ist kernig, markig, gehaltvoll,
wennschon sie begreiflicherweise uns nichts Neues zu
bieten vermag; und die Folgerungen, welche der Herr
Verf. daraus zieht, sind ebenso schlagend wie geistvoll.
Es dürfte den Mitgliedern des Komitö's, wie auch
dem Kllnstler, denn doch schwer fallen, sie zu wider-
legen. Und doch müßte das geschehen, bevor die Herren
ernstlich daran denken können, ihre Jdeen zur Aus-
führung zu bringen. Denn daß sie fähig sein sollten,
in unbegreiflicher Verblendung oder etwa gar in vor-
nehmem Dünkel sich der Erkenntniß der Wahrheit ge-
slissentlich zu verschließen und über den Jnhalt der
vorliegenden Schrift, als den Ausspruch eines Laien,
einfach zur Tagesordnung überzugehen, mögen wir
doch nicht annehmen. Ob Laie oder nicht, ist ja über-
haupt gleichgültig, wo die Sache in solcher Klarheit
fllr sich selber spricht. So wie die Bedeutung des
Streites weit über die engen Grenzen der Stadt Ham-
burg hinausreicht, so reicht hinwiederum der Jnhalt
der Schrift weit hinaus über die Veranlaffung, welcher
sie ihre Entstehung verdankt, und verleiht dem Herrn
Verf. vollen Anspruch darauf, daß seine Stimme nicht
ungehört verhalle. Jst es einentheils zu wünschen,
daß sein Mahnruf in den betreffenden Hamburgischen
Kreisen, sowie in dem Atelier des Bildhauers in
Berlin die volle Rücksicht finden möge, wekche ihm
entschieden gebührt, so ist derselbe anderntheils auch
für weitere Kreise nichts weniger als überflüssig. Es

ist nicht eine bloße Gelegenheitsschrift, was wir da
vor uns haben; die in ihr gegebenen Fingerzeige ver-
leihen ihr vielmehr einen bleibenden Werth, und Künstler
wie Kunstliebhaber können dabei nur gewinnen, wenn
sie denselben ernstliche Beachtung schenken. Die ästhe-
tischen Untersuchungen, welche der Herr Verf. anstellt,
gipfeln in der Frage: Wie verhält sich der Schaper'sche
Entwurf nach Jnhalt und Form zu der Aufgabe,
Lessing nach dem idealen Gesammtgehalt seines gei-
stigen Wesens auf öffentlichem Platze zu veranschau-
lichen? Und diese Untersuchungen werden so sachgemäß,
so gründlich durchdacht und warm empfunden den
Lesern vorgeführt, daß selbst ein Künstler sie nicht
lesen kann, ohne Belehrung zu empfangen oder wenig-
stens sich wohlthuend angemuthet und gehoben zu
fühlen. Und wenn sich die Schrift im ferneren Ver-
laufe dem „Abhängigkeitsverhältnisse der jedesmaligen
Aeußerungsformen von dem jedesmaligen Jnhalte des
Aeußerungsdranges" zuwendet, so berührt sie damit
ein Gebiet, von welchem der Herr Verf. unseres Er-
achtens mit vollem Rechte behaupten kann, daß die
auf jenem herrschenden Prinzipien „von der bisherigen
Aesthetik kaum dann und wann einmal gestreist worden
sind". Wir können uns der Auffassung nicht ver-
schließen, daß die hieran sich knüpfenden Erörterungen
eine wahrhafte Bereicherung unserer ästhetischen Kennt-
nisse und Lehren in sich fassen; um so mehr müssen
wir aber auch das Lesen, oder richtiger das Studium
dieser Schrift allen Künstlern und Kunstkennern dringend
empfehlen.

Bringt der Lessing - Streit in Hamburg solche
Früchte hervor, so können wir uns über ihn nur freuen,
so unerguicklich er sonst auch sein mag. Dient er doch
dazu, unsere Jdeen Uber Kunst und Kunstwerke zu
läutern und wieder auf richtige Bahnen zu lenken.
Es liegt auch etwas Erhebendes darin, daß der Genius
Lessing's noch hundert Jahre nach des Letzteren Tode
Veranlassung wird zur Erforschung der Wahrheit, —
der Wahrheit, für welche der herrliche Mann sein
ganzes Leben lang gestritten und gelitten hat! Schade
nur, daß diese Wahrheit gerade dort, wo man sein
Andenken durch ein sichtbares Zeichen zu ehren sich
anschickt, keine rechte Stätte zu sinden scheint! Es wäre
zu wünschen, daß recht viele berufene und wichtige
Stimmen aus ganz Deutschland sich vernehmen ließen,
um in der vorliegenden Angelegenheit auf den rechten
Weg nachdrücklich hinzuweisen. x

Der Alterthums-Verein in A)ien.

Am 18- April d. I. beging der Wiener Alter-
thums-Verein die Feier seines fünfundzwanzigjährigen
Bestandes. Jm Jahre 1854, zu einer Zeit, als schon
loading ...