Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Nekrolog,

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zeichen angiebt, dnrch welche sich eine Kopie von No-
velli oder Cumano von einer Original-Radirung Rem-
brandt's unterscheidet. Ein Novize der Kupferstich-
kunde kann sie allerdings blind unterscheiden, aber
Middleton muß nicht in der Lage sein, in seinem Rem-
brandt-Publikum solche Kenntnisse voraussetzcn zu
können, Und das ist der einzige Entschuldigungsgrund
für diesen Katalog, der nicht selten eine Sachkenntniß
zur Schau trägt, die geradezu nnglaublich ist,

Nr, 215 beschreibt Middleton den 8uint sidroms
sn insäitution, (Bartsch 105; Ech. Blanc 76), Jn
seiner Bemerkung zu diesem Blatte heißt es wörtlich:
„V siillilur subssot, ultbonAb äiösrsntl^ urrunAsä,
uppsurs trvios uinoll§ Uombrullät's puilltillAs; tbs
8uint vitb tiis uoosssoriss ok spirul stuirouss, unä
tlis villäov vitli its ovul xulls, urs rsxroänosä;
botli tlisss vsrs korinsrl^ in tlis Ds Vsnos Ool-
Isotioll; tlis^ Iiuvs bssll sll^ruvsä, tlis ons
Unäovions 8nrn§ns, in 1754, tlis otksr Uon^Iii."

Das ist richtig; aber es ist zu dürftig, denn
nicht nur das eine wurde von Surugue gestochen
und das andere von Longhi, sondern beide; nicht nur
von Beiden, sondern noch von zehn anderen Stechern;
aber dies ist nebensächlich; Thatsache ist auch, daß
beide Bilder ehedem in der Sammlung ds Vence
sich befanden; aber Lies war vor 129 Jahren der Fall,
denn die Sammlung de Vence wurde im Jahre 1750
verkauft, und darum möchten wir wissen, wo diese
beiden Bilder heute sich befinden, denn Middleton
selbst müßte fünfmal so lange Rembrandt studirt haben,
als er dies in der That gethan, um diese Bilder in
der Sammlung de Vence zu sehen, die doch sehens-
werth gewescn sein müssen, Und gewiß waren sie das,
ja sie waren sogar berühmt, sehr bertthmt und hoch-
geschätzt, Denn Lie franzvsische Krone hat sie bereits
im Jahre 1784 für den damals hohen Betrag von
13,000 Livres angekanft, in Folge dessen sie noch heute
im Louvre hängen und unter dem Namen der „beiden
Philosophen" eine kunstgeschichtliche Berühmtheit besitzen,

Es ist bedauerlich, ja kläglich, daß dies dem Ver-
fasser des „Ossorixtivs OutuloZus" unbekannt ist, denn
sonst hätte er im Katalog des Louvre (wir citiren
die Ausgabe vom Jahre 1872) Nr, 408 der nieder-
ländischen Schule aufgeschlagen; da wird er wörtlich
finden: „Dieses Bild ist links unten, in außerordentlich
feiner und schwer lesbarer Schrift bezeichnet: L, vun
H^ll 1633". Ja, auch die „Philosophen" im Louvre,
zwei über jeden Zweifel erhabene Wcrke Rembrandt's,
sind wie dis von Middleton bezweifelte „Große Er-
weckung des Lazarus", und wie der „Blutige Rock"
bezeichnet: L. H. vun odcr L. vun L^n.

Damit dürste wohl die Echtheitsfrage der großen
Erweckung des Lazarus ein für alle mal entschieden

sein. Diese Unkenntuiß der Elementarbegriffe wissen-
schaftlicher Untersuchung verurtheilt aber die sämmtli-
chen haltlosen Hypothesen, von welchen das Buch strotzt.

Jn der That, dicser „Ossoriptivs OutuIoAus"
der Nembrandt-Radirungen von Middleton macht uns
denselben Eindruck, den uns ein Buch über Raffacl
machcn würde, dessen Berfasser keine Kenntniß hätte
von dcr Existenz der Sixtinischen Madonna.

Wir glauben uns hiernach jedes weiteren Urtheils
über den inneren Werth desselben enthalten zn können.

Alfred von Wurzbach.

Nekrolog.

Thomas Couture ch. „Mit dreißig Jahren ein
preisgekrvnter Meister, mit vierundsechzig ein Ver-
schollener!" möchte man Thomas Couture, dem am
30, Mürz gestorbenen Schloßbesitzer von Villers-le-Bel
nachrusen, Der gefeierte Maler der „Rönier der Verfall-
zeit" im Luxembourg und des durch Kolorit und Zejch-
nung gleich ausgezeichneten „Falkners" in der Samm-
lung Ravens lvar sreiwillig von seiner stolzen Höhe
herabgestiegen, seit er die Kunst zum Handwerk er-
niedrigt hatte und, selbst ein „Pariser der Dekadenz",
die er so wohl zu zeichnen wnßte, seinen Ruhm in
Gold Prägen ließ, Thomas Couture hat seinen Platz
in der Kunstgeschichte, aber seine Biographie ist gleich-
sam in den Titeln seiner Gemälde enthalten, Die
unterlegenen Mitbewerber um die Preise von 1847
und 1855 hätten ihm am Abende seines Lebens die
Worte aus Juvenal's 6, Satire, welche er seinen „Rö-
mern der Verfallzeit" als Motto mitgab, zurufen können,
indem sie lmxurig, als das Laster der Sucht nach
Geld und Gnt auffaßten:

..Lusvior ui'mis,

sinxuriu inoubuik, viotumgus uloisoitur orbsm."

Der srühe glänzende Erfolg hatte ihn berauscht
und ihm als Selbstüberschätzuug Verderben gebracht.
Mehr als zwanzig Jahre lang malte er fast nur
für das Ausland, vorzüglich Amerika, und bot seinem
Vaterlande, das vergeblich neue Proben seines meteor-
artig anfgetauchten, vielverheißenden Talentes.erwartete
und sich endlich enttäuscht von ihm abwendete, voll
kindischer Thorheit Trotz. Seit dem für ihn glorreichen
Jahre 1855 hat er nichts Hervorragendes mehr aus-
gestellt, und ein letzter Versuch, die achtlos verscherzte
Gunst der Pariser durch ein größeres Gemälde auf
einem der letzten Salons wieder zn gewinnen, mißlang
in traurigster Weise, das alte Prestige war dahin,
sein Pinsel hatte im hastigen Schaffcn für den Markt
die Leichtigkeit eingebüßt, und die Kritik ersparte ihm
die bittere Wahrheit nicht, es war zu spät, wieder in
die Arena zu treten, Hand und Blick ließen ihn im
Stich,

Thomas Couture wurde am 21, Dezember 1815
zu Senlis als Sohn eines Schuhmachers geboren und
erhielt keine weitere Ausbildung als die der Kommunal-
schule. Frühreif wanderte er erst fünfzehnjährig nach
Paris nnd trat 1830 in das Atelier des damals all-
gewaltigen Baron Gros, des Meisters der „Pestkranken
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