Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Restaurationen und Bauprojekte in Venedig,

neu angebrachten Konsolen des Balkenträgers, Der
letztere ist, wie schon gesagt, noch rein gothisch und
vffenbar wegen seiner mächtigen Wirkung und edlen
Profilirung von den Werkmeistern des Renaissance-
Plafonds als ein stilvoller Abschlußpunkt der konstruk-
tiven Einrichtung des Saales erhalten worden, Die
ursprünglichen Konsolen des Trägers waren daher,
seinem Charakter entsprechend, gothische und zwar nach
den vvrhandenen Zeichnungen zwei charakteristische
Grinköpfe, Nachdem die an Stelle der letzteren wäh-
rend der Fremdherrschaft angebrachten Holzträger ent-
fernt waren, hätte zunächst die Frage ernsthaft erwogen
werden müssen, ob die nunmehr erforderlichen als
Kragsteine eines gvthischen Unterzuges und gewisser-
maßen integrirende Theile eines in seiner konstruktiven
Gliederung dem 15, Jahrhnndert angehörcnden Saales
nicht ebenfalls gothisch zu behandeln oder aber ob
dieselben dem Formenkreise der dort an der Decke
und Täfelung vorhandenen Renaissance - Einrichtung
anzupassen wären, Ein Einblick in die alten Stiche
hätte wahrscheinlich die Frage am allerleichtesten zu
Gunsten der früher vorhandenen Maskenträger ent-
schieden, Anstatt dessen hat man unter Jnnehaltung
der geschmacklosen Längenverhältnisse der entfernten
Hvlzstreben eine Konsole in dem verwirrten Re-
naissance-Geschmack der Neuzeit und in deren Lieblings-
material, in Stuck, dort angebracht, welche sich aus
folgenden Motiven zusammensetzt: direkt unter den
Balkenträger legt sich ei» viercckiger, ctwa acht Zoll
hoher Kasten mit einem Deckgliede und einem in
Relies gearbeiteten Friese mit Renaissance-Motiven,
Den Träger dieses Absatzes bildet eine zurückspringende
Schneckenkonsole, welche sich seitlich äußerst flach in
dem Charakter des Frieses fortentwickelt, vorn aber
ein ganz neues dekoratives Moment erhält durch einen
vorspringenden Löwenkopf, an dessen Oberkiefer ein
modernisirtes Wappenschild im Stil des Cinquecento
befestigt ist, Dadurch, daß letzteres ungefähr in der
cntgegengesetzten Linie des hinteren Schnvrkels unten
aufsetzt, bildet sich ein leerer Raum zwischen seiner
Rückseite und dem Schnörkel; dieser lichte Ranm wird
durch eine Streu naturalistischer Eichenblätter sinnreich
ansgefüllt, während der Schlußabsatz der Konsole,
damit ja keine Stilperiode unvertreten sei, Tropfen
eines griechischen Gebälks als Abschluß erhält. Die
Schilde endlich zeigen statt einer dem Saale glcich-
zeitigen Heraldik das neue deutsche Reichs- und das
preußische Wappen, Abgesehen davon, daß diese ein-
zelncn Gliederungen nun wieder unter sich in einein
schreienden Mißverhältniß stehen, finden sich also in
dem Gcsammt-Ausbau der Konsolen ebenso sehr die
Einheitlichkeit der dekorativen Mittel als die den-
selben entsprechenden Zeitperioden vergewaltigt, was

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nm so auffallender ist, als sich im Rathhause aller-
wärts die stilvollsten Vorbilder für dieselben vorfinden,
(Schluß folgt,)

Restaurationen und Bauprojekte in Benedig.

(Schluß,)

Bei dcr Kirche S, Salvatore scheint der Be-
richtigung lverth, daß schon Giorgiv Spavento 1506
nach dem von ihm entlvorfenen Plan den Bau begann,
der dann lange Zeit geruht, da erst 1530 Tullio
Lombardo mit dem Weiterbau beauftragt wurde.
Spavento hat allerdings nur die Apsidcn errichtet,
doch auch den Grund zu den übrigen Theilen gelegt,
Sansovino's Thätigkeit an dem Bau beschränkt sich nur
auf Hilfeleistungen bei der Ausführung, höchstens sind
Einzelheiten im Kreuzgang ihm zuzuschreiben, Da-
gegen ist allerdings von ihm das schöne Denkmal des
Dogen Francescv Venier, datirt 1556; die Figuren
in den Nischen, Spes und Caritas, sind von seiner
eigenen Hand, Hier (im rechten Kreuzarm) ist auch
ein Grabmal der Caterina Cornaro, von Bernardo
Contini, einem Bruder Antonio da Ponte's, und
andere, Die Fatzade der Kirche wird dem Baldassarc
Longhena (1663) zugeschrieben, scheint aber doch eher
von Guiseppe Sardi zu sein und ist auf Kosten des
reichen Kaufmannes Jacopo Gallo mit einem Aufwande
von 50,000 Dukaten errichtet,

Die Kirche S, Giovanni e Paolo ist, da
Gottesdienst darin abgehalten wird, Jedem geöffnet und
eine reiche Fundgrube für Grabmälertppeu, unter denen
die Perle das des Vendramin ist, deni die Erschließung
des Lichtes durch Einsetzen der Fenster des Chores,
welche seit dem Brande bis jetzt zum Theil durch
Bretter vernagelt waren, sehr zu Statten kommen wird,
Langsam geht es aber auch hier, Weniger bedauerlich,
schon mit Rücksicht auf das nüchterne Restaurationsprojekt,
welches am Eingang unter Glas und Rahnien hängt,
ist es, daß die dort befindliche Kapelle del Rosario bis
heute in ihrem verfallenen Zustande geblieben ist, Sie
brannte im August 1867 nieder, und es soll damit ein
Werth von einigen 20 Millivnen Frcs. zu Grunde
gegangen sein, Jn ihrem früheren Gewande mag sie
allerdings einen nngleich prächtigeren Eindruck gemacht
haben, doch wirkt sie anch in ihrcm Verfall, den blanen
Himmel zum Theil über sich, mit dem Tabernakel
Aless, Vittoria's im Hintergrunde noch vortrefflich,

Was in besagter Korrespondenz über die präch-
tigen Wohnsitze der Conti Papadopoli und des
Baron Franchetti gesagt, ist vom künstlerischen
Standpunkt aus doch nicht zu unterschreiben — hier
wie dort, am Palazzo Tiepolo wie am Palazzo
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