Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Ausstellung von Handzeichnungen alter Meister in PariS.

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lingue's gleichfalls angekanfter „Etienne Marcel
vor dem Dauphin Karl, 1358." Beiden liegt der Ge-
danke an den Sieg der Demokratie zu Grunde, nnd das
erklärt den ihnen gespendeten Beifall. Flameng hat
hauptsächlich Angst und Schrecken in seinem „Aufrufe
der Girondisten in der Conciergerie, 30. October 1793"
veranschaulicht, man vermißt Lei diesen bleichen Jam-
mergestalten die geniale Kraft, das ivilde Aufbäumen
der Verzweiflung, den bittren Trotz und die düstere
Ergebung in das Unvermeidliche. Dclacroip ivürdc
dem Gegenstande andere dramatische Seiten abgewon-
nen haben.

Laut Delanoy wäre der arme Ritter Della
Mancha über Nacht zum wohlhabenden Manne ge-
worden, denn cine reiche Waffentrophüe, Rüstungen,
Schilde und Schwerter, dazu Bücher und Perganient-
rollen, ist „Don Quichote" betitelt. Aus J eann in's
Atelier holte sich der Staat eine ganze „Wagenladung"
srischer duftiger Blumen, bei Leon Herrmann da-
gegen das „Halali", eine in wilder Jagd den Abhang
hinabstürzende Meute, sämmtlich Arbeiten von jüngeren
Malern, welche im Luxembourg noch der Vorstellung
bedürfen. Der Schwede Salmson läßt uns der Ge-
fangennahme eines Mädchens in einem Dorfe der Pi-
cardie beiwohnen; die ganze Bevölkerung ist in voller
Aufregung, rings um die ihr Gesicht verbergende An-
geklagte schwirrt es wie in eineiu Bienenschwarme, nnd
die einzelnen Gestalten tragen den Stempel der Lebens-
würme nnd Treue; auch der Einblick in die Dorfstraße
verräth gute Perspektivstudien. Danüt auch der fran-
zösischen Ruhmbegierde ihr Recht werde, reihen einige
Schlachtenbilder sich den Landschaften, welche den Be-
schlnß der vom Staate angekauften Gemälde machen,
an. Medard's „Rückziig" stellt selbstverständlich eine
zwar vom Feinde eingeschlvssene, dvch vvn einem Liiüen-
bataillon wieder befreite Batterie dar; die Gestalten
und die Landschaft, die geknickten Baumwipfel nnd der
traurige Charakter des Kriegsschauplatzes sind gut
wiedergegeben, obgleich derartige Gemälde im Ganzen
monoton erscheinen; nicht jedcr Schlachteninaler kann
ein Meissonier oder ein Horace Vernet sein. Die
„Episode des Kampfes von Eaux Septiennes" ist der
Römerzeit entnommen. Morot belauschte die ambroni-
schen Frauen, als sie nach der Niederlage der Männer
ihre Wagenburg mit deni Muthe der Verzweiflu-ng ver-
theidigten und dic Reiterei der Sieger zum Rückznge
zwangen. Wahre Megären von Häßlichkeit, wcrfen
sie sich halbrasend den Andringenden entgegen und
scheuchen sie schon durch ihren Anblick zurück: es ist
der Triumph des Unschönen. Die Landschaften, fünf
an der Zahl, entstammen den verschiedensten Gebieten.
Guillaumet's auf dem Salon 1863 für den Lnxen-
Hnrg-Palast erworbenes „Abendgebet in der Sahara"

erhält ein Pendant: „Laghouat in der algerischen Sa-
hara." Das figurenreiche Gemälde giebt den Charakter
des Landes wie der Bevölkerung getreulich wieder,
vhne daß man sich darnm eines leisen Seufzers im
Gedanken an Fromentin erwchren könnte. Welcher
Gegensatz zu dem „Lande des Durstes" in der Privat-
galerie Kuns zn Antwerpen odcr selbst zu dem letzten
unvollendeten Werke des 'entschlafenen Meisters, dem
„Arabischen Lager" im Luxembvnrg! Ebensv wird das
1872 angekauftc Bild von Pclouse, die „Erinnerung
an Cernay" im Luxembonrg, „Cernay im Winter" von
demselben zum Gegenstücke erhalten. Das Gemälde
^ hat schätzenswerthe Eigenschaften, aber man fragt sich
trotzdem, warum die Wahl des Komits's sich nicht
lieber einem Genrebilde mit landschaftlichem Hinter-
grunde zuwendete, umsomehr da Bastien Lepage's
„Oktoberzeit" erreichbar war. Ebenso empsahl sich
Lansycr's „Bai von Dvuarnenez" zum Ankaufe.
Demont's „August im Norden" führt uns in die
volle Ernte, man fühlt die Gewittcrschwüle der Luft
nnd athmet danach nüt Freude die frische, über H ag-
borg's „Hochfluth im Kanale" schwebende Seebrise
ein. Frauen und Kinder waten hier hochaufgeschürzt
durch das Wasser und heimsen dort die Ernte ein,
des Meeres und dcr Erde Gaben, wie Hans Makart
sagen würde. Es sind zwei schöne wohlgelungene
Landschaften, allein tvo blieben das Genrebild und das
Porträt bei der vom Staate getroffenen Answahl?
Manches anziehende Knnstwerk, das vor der Eröff-
nung des Salons noch weniger bekannt war, lockt
vergcblich im Kreise: die übereilte Erwerbnng hat
schlimme Frucht getragen.

Hcrmann Billung.

Ausstellung von k)andzeichnungen alter Aüeister
in j)aris.

(Schluß.)

Was uns von Blättern der altflandrischen
Meister vorgeführt wird, ist der Zahl nach wohl
wenig, aber dem Werthe nach viel. Borerst das be-
rühmte Porträt Philipp's des Guten von Jan van
Eyck (Mitchell, Silberstistzeichnung feinster Ausführnng),
gestochen von Gaillard in der lün^otto Ü68 donux-nrts
Bd. XXII, S. 84, ein Mönchskops desselben Meisters
(Malcolm, Silberstiftzeichnnng) ganz ähnlich ausgesührt
wie das Portrttt des Kanonikus Jvdokus Vydts im
Dresdener Kabinet; sodann zwei Federskizzen Rogier's
van der Weyden (d'Anmale), Krenzabnahme und Ver-
klärung, Studien zu den Flügeln eines Diptychon, und
ein todter Christus desselben Meistcrs (Arniand, Silber-
stiftzeichnung) vvn genauester Wwdergabe des anato-
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