Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Dis antike Kunst auf dem Trocadero.

Aegyptens Licht und Sonne nnd Staub hat er nicht
weniger sorgsam und treu stndirt als die verschieden
gearteten Menschenra^en des merkwürdigen Landes.
Aües aber ist durchtränkt von dem eigenthümlich an-
heimelnden Humor des Künstlers, der vielleicht eben
darum so ansprechend wirkt, weil er so discret, so nn-
absichtlich auftritt. Müller hat da mitten in die
Menschenmenge ein wunderbares nacktes Mohrcnkind
hingestellt, das jedem Hypochonder ein Lächeln abge-
tvinnen wird.

I. Schindler excellirt mit einer virtuos ge-
machten Mondlandschaft, G vttlieb mit einer Gruppe
interessant gemalter betender Juden. Nnangenehm fällt
bei dem letztgenannten, noch ganz jungen Künstler auf,
daß er, wo es nur angeht, sein eigenes Conterfei an-
bringt. Es scheint, er kokettirt — nicht mit seiner
Schvnheit. Wertheimer hat eine schwarzlockige Wal-
küre ausgestellt, die keinen Fortschritt des Künstlers
verräth. Wertheimer ist der Faprestv unter unseren
jnngen Malern; aber seine Fruchtbarkeit droht werthloS
zn bleiben, wenn er nicht streben wird, durch ernste
Sammlnng sich zu vertiefen. Wir wollen nicht schlicßen
ohne ein koloristisch fein gestinnntcs Bildchen von
Karger: „Conversirende Damen" mit gebührendem
Lobe hervorgehoben zu haben. Karger gehört zu jenen
erfreulichen Erscheinungen unter der jungen Künstler-
gencration, die mit jedem Bilde wachsen. Es ist ein
wahres Vergnügen, dieses Wachsthmn zu beobachten
und zu versolgen. Balduin Groller.

Die antike Aunst auf dein Trocadero.

(SchluH.)

Die römische Kunst war auf der Ausstellung bei-
weitem nicht so glänzend vertreten, wie die griechische,
wenigstens was die Qualität der einzelnen Werke betrifft.

Geradezu arni ist die Ausbeute an Marmvr-
skulpturen, von denen keins einzige eine besondere
Bedeutung beanspruchen kann. Das Beste ist eine Kopie
des Kopfes der Matteischen Amazone im Vatican
(Lecomte) und ein bediademter Venuskopf (Grafen
Dzialynski). Mehrere wenig bedeutende Kaiser- uud
Kaiserinnen-Büsten stammen aus den Sammlungen
Rollin und Feuardent, ein archaistisches Relief eines
Bacchusreigens, von guter Arbeit, sowie ein spätes
Relicf: Odysseus an den Sirenen vorübersegelnd, aus
der der Grafen Dzialynski. JuleS Grsau, dessen Samm-
lnng sonst fast in jcdem Zweige Bedeutendes bietet,
hat hier auch nicht viel aufzuweisen: eine etwa meter-
hohe Rednktion (?) der koischen Aphrodite des Praxi-
teles, zu Rom gefunden, von mittelmäßiger Arbeit,
cine Kaiserinstatuette in weißem und schwarzem Mar-
mor, ein spätes unbedeutendes Werk, eine etwas bessere

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Augustusbüste aus Konstantinopel, endlich mehrere
lorbeerbekränzte Männerköpfe in Kalkstein, aus Cypern
stammend, von tüchtiger Technik.

Reicher war die Ausstellung an Bronzen. Dem

1. Jahrhundert n. Chr. gehören davon an: vor allem
das künstlerisch vollendetste Stück, die ungefähr 40
Centimeter hohe Statuette eines nackten Athleten, ge-
funden 1867 zu Annecy und gegenwärtig im Besitze Vvn
A.Dutuit (Rouen). Die Lebendigkeit deS Mvtivs, (beide
Arme leicht erhoben, ist die Figur im Borwärtsschreiten
begriffen) und der schvne Fluß der Linien ließen dariu
ein Werk griechischer Künstlerhand vermnthen, wenn
nicht die allzu stark betonte Muskulatur und eine ge-
wisse Schwere der Formenbildung den römischen Ur-
sprung verriethen. Sodann ein Hermaphrodit des
Muscnms zu Epinal, der sich in graziöser Körper-
wendung, den einen Arm herabhängend, den andereu
erhoben, gleichsam nach den Spuren seiner eigenen
Tritte umsieht, römische Arbeit, vielleicht schon aus dem

2. Jahrhundert, aber sicherlich nach griechischem Vor-
bild; eine hübsche Athletenbüste der Grsau'schen Samm-
lnng, etwa 10 Centimeter hoch, bekränzt, mit lang-
herabflatterndem Bande, zu Anfang des Jahrhnnderts
in Pompeji gefunden, von entschieden lysippischem Typus
und schöncr Arbeit. Endlich der Henkel einer Bronze-
vase (Sammlnng Fillon in Paris), worauf die trau-
ernde Gallia sitzt (Freiskulptur), während vor ihr
Krieger eine Feste vertheidigen (Flachrelief) und hinter
ihr zwei Männergestalten gefesselt daliegen (Freiskulp-
turen), ein Werk von tüchtiger Arbeit, etwns pomp-
haftem Stil und auch der Seltenheit des Gegenstandes
wegen von Jnteresse. Zahlreicher find die Werke der
hadrianischen Kunstepoche, darunter hervorragend eine
Matronenstatuette des Museums von Lyon, etwa 40
Centimeter hoch, von reichsten Gewandmotiven, in
vollendetcr Technik ausgeführt, dann die über doppelt-
lebensgrvße Büste Hadrian's (Museum von Coutances),
sehr scharf und detaillirt in der schvnerhaltenen Arbeit,
kenntlich an der vvrne am Kinn nicht durchgeführten
Ciselirnng des Barthaars, mehrere weniger bedeutende
Kaiserbüsten und eine vollständige, reich ciselirte Gla-
diatorenrüstung des Museums von St. Germain. Von
den zahlreichen Grsau'schen Bronzen gehören dieser
Epoche an: ein ruhender Apoll (Fundort Nheims) mit
langem Lockenhaar und weichen Formen, den rechten
Arm über das Haupt legend, mit dem linken an cin
Postament gestützt, ein Typus, der ebenso auf dem
Revers einer großen Bronzemünze des Kaisers Com-
modus Vorkvmmt; ein ganz nackter (etwa 10 Centi-
meter hoher) Juppiter, den Blitz in der halberhobenen
Rechten; eine verhüllte Matrone (etwa 20 Centimeter
hoch), die Patera in der ausgestreckten Rechten haltend,
dem einfachen Faltenwurfe des reichen Getvandes nach
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