Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Pariser Salon.

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Ser es denn genug der Beschreibung, welchc, wie
ich hoffe, dem Leser wcnigstens einen ungefähren Be-
griff von der Aufgabc nnd deren Lösung geben wird!

Die Schöpferkraft nnd der Fleiß, den Fitger in
dem kurzem Zeitraum der letzten dritthalb Jahre ent-
faltet hat, sowie die Zahl seiner darin vollendeten
Werke grenzt nahezn an's Wunderbare; die bloße
Anfzählung derselben wird dies schvn hinlänglich dar-
thun. Seit den Rathskellerbildern entstanden vor
Allem die ebcn beschriebenen neun Kvlvssaldarstellnngen
im Seefahrtssaale; damit fast zugleich die fünf halb-
lebensgroßen Centaurengruppen sür das Postgebäude,
mit deren Aguarellkopien er im Anftrage des General-
postmeisters Stephan (für das Reichspostmuseum zu
Bcrlin) gegenwärtig beschäftigt ist; danach ein Plafond
fnr Mainz (reicher, von Vögeln, Schmetterlingen und
achtzehn reizenden Putten umspielter Blumenkranz);
dann die Decken- und Wandmalereien in den Ge-
mächern zweier hiesiger hervorragender Renaissance-
bauten unseres hochbegabten Architekten Karl Poppe,
nämlich in der Knvop'schen Villa zu Oberneuland die
Darstellungen der vier Jahreszeiten, wo ein Liebes-
paar im Nvsenhag den Frühling, ruhende Schnitter
den Sommer, heimkehrende Winzer den Herbst nnd
alternde Eltern, die den Sohn aus ihrem Heim eut-
lassen, den Winter bezeichnen; im Deetjen'schen Hause
aber eine reiche Decke mit den Gestalten der Nacht
und des Morgens, sowie mit eineni mächtigcn Nosen-
kranz, der den Kronlenchter umgiebt und uni den sich
abermals ein Dutzend fröhlicher, rund- und roth-
wangiger Putten tummclt, während andere zwischen
den Blumen und Vögeln der Nebenfelder ihr lustiges
Wesen treiben und zwar alle in LebenSgröße. Und
endlich ist noch einer Deckenmalerei im Saale des hie-
sigen „Kaufmännischen Bereins" zu gedenken, welche
in halber Lebensgröße nackte Athleten darstellt, aller-
dings für den Zweck des Gebäudes ein eigenthümlicher
Gegenstand.

Bedenken wir zu guterletzt, daß außer den ge-
nanntcn monumental-dekorativen Werken auch noch
vier figurcnreiche, fein durchgeführtc Aguarelle von an-
sehnlicher Größe entstanden, deren phantastische Gegen-
stände (der wilde Jäger, ein Elfenreigen, ilkixen mit
einem ertrinkenden Fischer auf dem Meeresgrunde und
die Umsiedelung eineS Zwcrgenvölkleins in tiefer Berges-
höhle) uns der Künstler in wahrhaft wnnderbarem
Licht- und Farbenzauber vorführt, so können wir über
solchen Fleiß, gepaart mit solcher Schöpferfüllc, unser
Staunen nicht unterdrücken.

So viel aber ist gewiß, in diesen Tagen dcr sast
ausschließlichen Herrschaft realistisch derbster Knnstrich-
tung dürfen wir uns sreucn, in Fitgcr einen Mitbürger
gewvnnen zu haben, der im Standc ist, unsere Vater-

stadt mit Gebildcn zu schmücken, die uns aus der
platten Alltäglichkeit in eine höhere und ideale Welt
erheben können. Möge ihm hicr noch manch herr-
licher Auftrag bcweisen, wic sehr wir seinc Gaben zu
schätzen wissen! ll. L..

Der j)ariser Salon.

II.

Den Erwerbungen des Staates haben sich zwei
weitere religiöfe Gemälde angereiht: Moreau von
Tours' „Blanka von Kastilien, als Königin von Frank-
reich die Liebe der Armen genannt", und Perret's
„Heiliges Viaticum in Burgund". Morean von Tours,
ein Schüler Cabanel's, hatte zwei große Arbeiten aus-
gestellt, eine halbentblößte, lächelnden Antlitzes die
Qualen der Kreuzigung erduldende „Schwärmerin aus
dem 18. Äahrhundert", inmitten einer Gruppe von
Männern und Frauen, deren Züge Bewunderung und
Zweifel, Entsetzen und Freude spiegeln, und diese auf
der Schwelle der Kirchthür Almosen spendende „Blanka
vvn Kastilien". Jrrthümlich ertheilten der Katalog
und die Künstler der „Schwärnicrin" das Ehrendiplom
„uoguiZ pur I'otut", während „Die Liebe der Armen"
die Erwählte der Jury war. Die Haltnng der weiß-
gekleideten Fürstin ist einfach und natürlich, das Ge-
sicht dagegen weniger anziehend als die dunkel gehal-
tenen Köpfe des alten Bettlers und seines Kindes;
an der offenen Thür erscheinen, das würdige Gefolge
Blanka's, zwci Kapuziner und eine alte Danie. — Jm
vollen Ornate schreitet Perret's burgundischer Priester
mit dem Sterbesakramente unter dem von zwei Bauern
in der Zipfelmütze und in Holzschuhen getragenen Bal-
dachine durch die Schneelandschaft dahin, die beiden
Chvrknaben gehen mit dcn Laternen voraus, zwei
Frauen im lnngen Mantel folgen. Ein altes Weiblcin
zögert am Kreuzwege, und die Häuser des Dorfes be-
grenzen den fernen Horizont. Das Bild ist cin Jdpll
in seiner Weise, aber die Jnsassen des Luxembourg-
Palastes werdeu trotzdem den frommen Znwachs dieses
Jahres mit gerechtem Staunen begriißen.

Eine „Heilige Elisabeth" von Gerömc's Schülcr
Wencker hat aus der Villa Medicis den Weg zum
„Salon" gefunden. Nur mit dem Lcndentuche be-
kleidet, sitzt ein greiser verwundeter Bettler im fürst-
lichen Sessel, und die Heilige stöst eben mit sanfter
Hand die blntige Binde vvn seinem müde gesenkten
Haupte, zur Linken hült eine Hofdame das Gewand
znr Decknng seincr Blöße bereit; die Muskulatur des
altersschwachen Körpers ist korrckt und gut, aber das
Kolorit zu zart für einen jeglicher Unbill von Wind
und Wetter ausgesetzten Bettler. Es sollte uns nicht
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