Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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von den Wänden der Akademie anlächelten. Walter
Shirlaw, der Präsident des Vereins, Robert HinckleY,
Mary Cassatt, William Sartain und Georg
Hoeßlin haben in diesem Fach lobenswerthe Leistungen
beigetragen. James Whistler ist in einer slüchtigen
Skizze vertreten, einem kleinen Jnterieur, gerade hin-
länglich angedeutet, um die Bauernstube und ein ält-
liches Paar darin zu erkennen, aber nicht geeignet, dem
Beschauer besonderen Genuß zu gewähren. Hätte der
Künstler diese Arbeit selbst eingesendet, so könnte man
ihm mit Grund die Anmaßung vorwerfen, dem Pu-
blikum etwas so Unfertiges zu bieten, allein da der
Besitzer das Bildchen wahrscheinlich aus eigenem An-
triebe ausgestellt hat, so ist auch nur er dafür verant-
Wortlich. R. Swain Gifford hat sich mit prächtigen
Landschaften hervorgethan. Er hat mit Glück von
den deutschen und französischen Landschaftsmalern ge-
lernt, ohne darum seine Eigenthümlichkeit auszugeben.
Drei Bilder, welche er ausgestellt hatte, sind treue,
charakteristische Darstellungen nordamerikanischer Natur.
Jhm verwandt ist Charles Miller, der sich auch schon
vor längerer Zeit von dem akademischen Konven-
tionalismus frei gemacht hat. I. W. Twachtmann
hat sich durch zwei brillante Ansichten von Venedig
ausgezeichnet. Auch die Landschaften von Wyant,
Enneking und Jnneß sieht man immer mit Vergnügen
an. George Tuller, der sich voriges Jahr durch zwei
eintönige olivengrüne Landschaften mit steifen Figuren
bemerkbar gemacht hatte, die so dunkel gehalten waren,
daß man nur bei Ler günstigsten Beleuchtung heraus-
finden konnte, was eigentlich gemeint sei, hat diesmal
eine ähnliche Sonderbarkeit ausgestellt. Zwei recht
brave Studienköpfe lassen jedoch schließen, daß man
es nicht etwa mit wirklicher Unfähigkeit, sondern nur
mit einer alterthümelnden Grille zu thun habe. Ueber-
haupt störte nur wenig ganz Verfehltes den günstigen
Eindruck der Ausstellung. „L.n imxrossion ob summor"
von Dewey, ein hellgrünes Plattes Dreieck das einen
Hügel bedeutet, über dem ein kobaltblauer Streifen
sür Himmel gelten soll, und zwei dunkle aber viel-
farbige Landschaften von Ryder, mit Figuren und
Thicren als Staffage, welche wie mit einem Stempel
in die Farbe eingedrückt sind und ohne eine Spur
von Modellirung, Licht vder Schatten, im buntesten
Roth, Gclb, Blau und Grün schillern, sind die
groteskesten Kuriositäten in dieser Richtung.

Die große akademische Ausstellung ist seit dem
1. April offen und wird den Gegenstand der nächsten
Mittheilung bilden.

Runstliteratur.

sottsrrausn. Die römischen Katakomben von
Or. Franz Tav. Kraus. Zweite vermehrte Auf-
lage. Mit vielen Hvlzschnitten und chromolith.
Tafeln. Freiburg im Br., Herder. 1879. XXX,
636 S. 8. Preis 12 Mark.

Die seit dem Jahre 1873, wo die erste Auf-
lage des bezeichneten Werkes veröffentlicht wurde, im
Lntlsttino äi arobsoloAia oristiann und im III. Bande
der Noma sottsrrnnsa von Cav. I. B. de Rossi
publizirten neuen Entdeckungen und Forschungen ließen
es wünschenswerth erscheinen, daß die Ergebnisse von
sachkundiger Hand für den weiteren Leserkreis Deutsch-
lands vereinigt und erläutert als faßliches Ganze dar-
gestellt werden. Or. Kraus hat nicht nur durch seine
Herausgabe der ersten Auflage dieses Buches, sondern
auch durch eine Reihe anderweitiger archäologischer
und kunsthistorischer Arbeiten den Beruf zu solcher
Aufgabe bewiesen und noch Uberdies durch seine wieder-
holten Studien an Ort und Stelle für die Darstel-
lung jene lebendige Frische erlangt und jene Sicherheit
gewährleistet, die derartigen komplizirten Werken er-
höhten Werth und der Darstellung einen einheitlichen
Charakter verleihen. Die Gelegenheit zu solcher Arbeit
bot die seitdem nöthig gewordene zweite Auflage des
Buches, welche in der That neu durchgesehen und um
mehr als 50 Seiten vermehrt ist. Wenn der Leser
z. B. den Plan der Umgebung Roms in dieser Aus-
lage mit dem früheren vergleicht, wird er die erfreuliche
Wahrnehmung von Verbefferungen und neuen Angaben
sowohl im Norden und Westen, als auch im Süden
und Osten der Stadt machen können. So ist die
Grnppe bei S. Callisto jetzt detaillirt und das Jüdische
Cömeteriuni hier wie weiter westlich nicht vergessen,
S. Tertullino, S. Eugenia und Nemesius sind wie
die Privat - Hypogäen theils neu eingetragen, theils
richtig situirt, die intereffante S. Stefano - Basilika
findet sich ebenfalls verzeichnet, das Cömeterium der
h. Generosa und das des Nieomedes, sowie das nörd-
liche von S. Aproniano haben ihre richtige Stelle
erhalten, desgleichen das Cömeterium des Calepodius
sowie der HH. Processus und Martinianus — der vielen
genaueren Bestimmungen bei der nordöstlichen Gruppe
gar nicht zu gedenken. Als neue artistische Beilage
schmückt die schöne Statue „des guten Hirten" im
Lateran-Museum diese zweite Auflage, und statt der
früheren 77 Holzschnitte sind hier 92 gegeben — so
daß auch in dieser Rücksicht das Buch nen ausgestattet
erscheint. Das Literarische ist hinter den erwähnten
Bereicherungen nicht zurückgeblieben, wie ein Blick in
die Kapitel über die oberirdischen Cönieterien, über
die Katakomben der h. Soteris nnd des Hippolyt, über
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