Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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Cavalli, hätte sich niit weniger Geldaufwand Be-
deutenderes, Entsprechenderes schaffen lassen. Eine
Entfaltung von Pracht kvnnte ich nicht finden, wohl
aber beim neuen Flügelbau des Pal. Tiepolo eine
langweilige Kasernen-Fa^ade — von deu Fenstern ist
nur die allgemeinere Form, nicht aber auch die son-
stige Theilung rc. von der aus der Zeit von 1.475—
1485 stammenden Canal-Fayade herübergezogen —
und bei dem Palazzv Cavalli ist es doch wohl zu
bedauern, daß die schöne, malerische Partie der Garten-
seite (der Thurmbau mit der nach außen tretenden
Treppe) einer in ihrer Wirkung sicher sehr zweifel-
haften, glattlaufenden Fayade Platz machen mußte. Ob
hier die Besitzer die Schuld trugen vder die bau-
leitenden Jngenieure-Architekten, tveiß ich nicht.

Die endliche Ueberführung des Museo Corrör
in die hergerichteten Räume des alten Fondaco dei
Turchi ist mit Freudeu zu begrüßen; die jetzigen
Räumlichkeiten sind ja so unzulänglich, daß Vieles
nicht aufgestellt tverden konnte, sonderu in Kisten ver-
packt steht.

Die Jdee, die im fertigen Projekt vorlag, die
Eisenbahn vermittelst einer neuen Brücke von 700
Mtr. Länge nach der Giudecca iiberzuführen nnd die
Station an's Epde, gegenüber S. Giorgio maggiore,
hinzuverlegen, angesichts der Salute und Dogana, der
Piazzetta mit der Bibliothek Sansovino's, dem „Präch-
tigsten Profanbau Jtaliens", dem mächtigen Dogen-
palaste, im Hintergrunde S. Marcv, angesichts der
Riva — scheint man fallen gelassen zu haben und
sich nun mit der billigeren Ueberführung nach den
Zattere, lediglich aus Rücksichten für den Frachten-
verkehr, zu begnügen. Schade, daß die Geldmittel —
das Projekt war auf ca. 8 Millionen veranschlagt, an
denen die Regierung, Stadt und Handelskammer par-
ticipiren sollten — nicht aufzutreiben waren. Den
Besucher der Lagunenstadt müßte beim Aussteigen —
übersähe er doch gleich auf eimnal alle Herrlichkeiten — der
Anblick überrascht und beivältigt haben, mehr als jetzt in
der Station Sta. Lucia, ivv der Wunderbau der eisernen
Brücke, auf die zuerst der Blick fällt, einen sehr nüch-
ternen Eindruck hervorbringt. Denkt man sich bei
Anlage dieser Jdealstation auf der Giudecca nvch das
Projekt stlapoleon's I. durchgeführt, der durch Vor-
legung von Terrassenbauten (bestimmt zu Verkaufs-
buden, Bädern, Gondelstationen u. s. w.) die Riva ans
gleiches Niveau bringen wollte, so hat man die Summe
dessen, was für die architektonische Neugestaltung der
Stadt wünschenswerth uud fruchtbringend wäre. Mit
der Anlage der Terrasse ginge der Neubau der Hänser,
die ja nicht in dem jammervollen Zinshauscharakter der
Viu Vittorio Lwanusls gehalten zu werden brauchen,
Hand in Hand. Jmmerhin aber wird dies Alles

nvch lange frvmmer Wunsch bleiben, wie der längst
geplante Durchbruch einer breiteren Straße von S.
Moisö. nach der Akademiebrücke.

Ob man sich jctzt für einen Platz zur Anfstellung
des Victvr Emanuel zu errichtenden Denkmales
in V enedig entschiedeu hat, vcrmag ich nicht anzu-
geben. Als ich Venedig verließ, kursirten darüber noch
die abenteuerlichsten Gerüchte, und ich gestehe, daß
mir, und sicher den Meisten, die in solchen Dingen
ein Urtheil haben, die in mehreren großen kolvrirten
Projekten vvrgeführte Jdee des Prvfessors Castellazzi,
das Denkmal als Anbau an den Marcusthurm zu
setzen, nicht sehr glücklich schien. Die Architektur lehnte
sich ganz und gar an die der Loggetta Sansovino's
an, war jedoch ungleich flacher gehalten; in einer
mittleren großen Nische hatte das Standbild Bictvr
Emanuel's Platz gefunden. Außerdem stritt man über
die Aufstellung eines Reiterstandbildes im Bolksgarten,
im Giardino Reale, auf dcr Piazza S. Marco, auf
Piazza S. Moisb u. s. w. Jch glaube, und habe diese
Jdee schon früher in Venedig ausgesprochen, man
thäte am besten, eine halbkreisförmige Terrasse vor dem
Säulenpaar der Piazzetta in dic Lagune resp. den
Hafen hinauszubauen und dorthin das Standbild zu
stellen — den Halbkreis so weit, daß sich zu richtiger
Uebersicht überall ein Standpunkt nehmen ließe. Dcr
Einwurf, daß durch einen solchen Ausbau die Strö-
mung nach dem Canal grande gehindert iverde, ist
durchaus nicht stichhaltig, ebenso wenig wie ein ande-
rer, daß das Anlegen Ler Triester Dampfer an der
Dogana dadurch gehindert sei.

Den Wünschen, die Herr Wolf am Ende seines
Berichtes ausspricht, pflichte auch ich von Herzen bei.

Otto Schulze.

Aunstliteratur.

Jtnlienisches Skizzenbuch. Organ für das Studium
architektonischer nnd kunstgewerblicher Denkmäler
der italienischen Renaissance. Nebst Erläuterungen.
Unter Mitwirkung von Fachgenossen herausge-
geben von Leopold Gmelin. Erstes Heft: Die
geschnitzten Thüren des Vatikan. Leipzig, E. A.
Seemann. 1879. Fvl.

Das Endziel, welches dieses höchst beachtenswerthe
Unternehmen sich gesetzt hat, ist die Hebung des ganzen
Schatzes der italienischen Renaissance an architektonischen
und kunstgewerblichen Meisterwerken, für Lehre, Stu-
dium und praktische Verwendung unserer Tage. Das
Werk soll demnach ein Gegenstück bilden zu Ortwein's
„Deutscher Renaissance", nur mit dem Unterschiede,
der sich aus der verschiedenen Stellung der beiden
Kunstgebiete in der einschlägigen Literatur von selbst
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