Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Katalog der Sammlung Richard Fisher's in Hill Top.

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leer und Gabriel und dem Antwerpener Oppenvorth
stehen der produktive Holländer Mesdag nnd sein Ge-
nosse Maris gegeniiber; aus Briissel kamen der tüch-
tige Thiermaler de Haas mit Ochsen und Kühen, de
Pratere mit belgischen Pserden und nvrmännischen
Ochsen und Henriette Ronner mit überaus natürlichen
Katzen, Wauters wendet sich leider dem Porträt zu,
statt wie früher gewaltige Histvrienbilder zu schaffen,
Slingeneyer führte sich mit zwei schönen weiblichen
Studienköpfen und einem minder gelungenen „Ca-
mvsns" ein, Hermans mit seiner schon 1875 gemalten
„Morgendämmerung" und „Nach dem Cafs", Frau-
stadt bekundete durch zwei im Detail fein ausgeführte
Darstellungen aus dem Nibelungenliede, daß er im
Herzen ein Deutscher blieb. Frankreichs Sendung wird
voraussichtlich an Zahl alle anderen Länder übertreffen,
da auch der Staat eine Auswahl der neuesten Er-
werbungen des Luxembourg angekündigt hat. Wie hoch
man dort überhaupt die internationale Ausstellung
schätzt, wird durch den Umstand bewiesen, daß cine be-
deutende Summe votirt ward, um bedürftigen Künst-
lern die lehrreiche Studienreise nach München zu er-
möglichen.

So steht es mit den Gästen von fern und nah,
und München selber hat ein bedeutendes Kontingent
von Kunstwerken dazu gestellt. Wohl ist es zahlreich
und gut vertreten, vom Nestor der Münchener Land-
schaftsmalerei, dem alten Heinlein, bis zu den jüngeren
Talenten auf allen Gebieten; aber die Strenge der
Jury droht eine einseitige, drückende Wirkung auszu-
üben, und eine etwas freiere Auffassung wäre ein zweites
Mal zu wünschen. Wir hatten Gelegenheit, Arbeiten
der Malerei und Plastik zu sehen, deren Zurückweisung
überrascht. Piloty's Hilfe ward so wenig wie sein
kaum vollendetes Rathhausbild begehrt, man that keine
Schritte zur Erlangung des Gemäldes und hatte später
den guten Vvrwand, es sei zu umfangreich znm Trans-
porte. So hat sich denn mit dem Parteigeiste manche
Lücke eingeschlichen; aber der Rest bildet immerhin
noch eine stattliche Phalanx. Willroider und Schön-
leber, Lier und die beiden Zwengauer, R. S. Zimmer-
mann, Wagner und Seitz, Löfftz, A. Keller, Hermann
und Fr. Aug. Kaulbach, H. Lang, Liezen-Mayer,
A. Gabl, Gysis, Eberle, Faber du Faur, Chelminski,
Dill und Beyschlag sind mit einem Kranze von Ge-
nossen erschienen.

Die Aguarelle und Zeichnungen wie die gra-
phischen Künste stehen diesmal weit höher als sonst.
Die Engländer Herkomer und Karl Haag, der Hol-
länder Bisschop, die Jtaliener Ferrari und tüchtige
Deutsche und Oesterreicher, wie R. Alt, Piloty, Liezen-
Mayer, Hermann Kaulbach, Pixis und Rottmann
verbürgen die Gegenwart hervorragender Arbeiten im

Aguarell, als Grisaille und als Zeichnung. Die gra-
phischen Künste bieten gleich der Architektur reiche Ans-
wahl ohne, wie es 1876 der Fall war, durch Ueber-
fülle des Gebotenen zu ermüden.

Hinter den verhängten Thüren aber hämmert
und lärmt es, daß die Bohlen zittern: die Franzosen
sind im vollen Anzuge. . II. L.

Der Aatalog der 5ammlung Richard Fisher's
in Hill Top.

Unter dem anspruchslosen Titel: „OntnloAns ol
a sollsstion ok sngrs.vinAs, stollinAs anck vooä-
snts 1879" ist kürzlich ein Prachtwerk herausgegeben
worden, welches uns nach Jnhalt und Form in muster-
hafter Weise mit dem Bestande einer hervorragenden
englischen Privatsammlung bekannt macht. Jhr Be-
sitzer, Mr. Richard Fisher, ist in weiten Kreisen als
ein feinsinniger ,,g.inntsur", der an die goldenen Zeiten
der Sammellust erinnert, geschätzt, sein Kabinet gcnießt
eincn glänzenden Ruf. Da mehrere Blätter seiner
Sammlung, als sie inderNnnoksstsr-Lxbibition 1857
öffentlich ausgestellt waren, andere, wie das köstliche
Leben Mariä Dürer's, in älteren Sammlungen von
uns besichtigt wurden, so dürfen wir die Berechtigung
des glänzenden Rnfes aus persönlicher Ueberzeugung
bestätigen. Aber wenn dieses auch nicht der Fall
wäre, wenn auch die Vortrefflichkeit zahlreicher Blätter
der Fisher-Collection, wie der Ostade's, nicht längst in
Kreisen der Kenner von Mund zu Mund ginge, so
würde schon ein Blick auf den Katalog genügen, den
feinen und gediegenen Sinn des SammlerS zu be-
weisen. Wer so viel Liebe und so gutes Berständniß bei
der Herausgabe des Kataloges zeigt, der kann auch bei
der Anlage der Sammlung nicht fehlgegriffen haben.
Nicht die Ausstattung des Kataloges allein verdient
unbedingtes Lob; Papier, Druck, Jllustrationen wett-
eisern mit dem Besten, was in unseren Tagen in dieser
Hinsicht geleistet wnrde. Die Jllustrationen sind keines-
wegs ein zufällig zusammengeraffter, äußerlicher Bilder-
schmuck. Die Jnitialen, Bordüren, Titeleinfassnngen
wurden aus den Jncnnabeln und Holzschnittwerken der
Sammlung ausgewählt, die einzelnen Seltenheiten der
Sammlung in facsimilirten Abbildungen dem Kunst-
freunde vor die Augen gebracht. So bietet gleich die
erste Jllustration einen bisher noch nicht beschriebenen
Holzschnitt: die Kreuzigung des Meisters I. L. mit
dem Vogel, gewöhnlich Giovanni Battista del Portv
genannt und dem Kreise Nicoletto's da Modena an-
gereiht. Wir wissen nichts Sicheres über diesen Meister,
als daß er aus der Paduaner Schule hervorging, den
Einfluß Dürer's empfand und eine Zeit lang in Rom
thätig war. Eine Hcliogravnre lehrt uns das
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