Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Amsrikanische Kunstausstellungsn.

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chener Professor Karl Cornelius und dem verstorbenen
Komponisten Peter Cornelius, svwie einer in Düssel-
dorf lebenden Tochter in wunderbarer Aehnlichkeit
ausprägte; ein Sohn des Professvrs schien mit den
Zügen einen Abglanz von dem Geuius seines großen
Verwandten geerbt zu haben, aber die Blüthe hatte
nicht Zeit sich zu erschließen, er starb kaum siebzehn-
jährig. — Die Figur ist nicht minder naturgetreu
wiedergegeben, freilich zum Schaden des Gesammt-
eindruckes, denn man fragt sich unwillkürlich, ob der
Künstler denn so klein gewesen sei. Der Hintergrund
der hohen Bäums und die weite sich vor dem Monu-
mente ausdehnende Fernsicht hätten mehr noch eine
Erhöhung des Postaments befürwortet. Auf den
Schultern rnht ein schwerer Mantel, dessen dicke Falten
einer Stütze bedurften; es ist der einzige unschvne
Anklang an Zopf und Rococo an dem ganzen Stand-
bilde. Wohl ist es der alte Cornelius, wie er leibte
und lebte, aber er zog den wvhlbekannten Pelzmantel
dem Künstlermantel vor.

Zur Rechten und zur Linken von dem Meister
haben sich die Poesie und die Religion, die leitenden
Genien seines Schaffens, niedergelassen. Relief-Me-
daillons und Figuren ziehen sich uuterhalb eines aus
Eichenlaub und Lorbeerzweigen gewundenen Kranzes
um den Sockel. Aus der Vorderseite, gleich nnter der
einfachen Jnschrift „Peter von Cvrnelius", deutet der
dlaine „Düsseldorf" das erste Streben des Kunstjüngers
an, Pegasus trägt die Phantasie im raschen Fluge
dahiu; auf der Rückseite setzt „Rom" der Germania
den Lorbeerkranz auf das laugwallende Haar: Cornelius'
erste Erfolge. Faust und Helena symbolisiren die Ver-
schmelzung der Antike uud der Rvmantik und die
nach Bereinigung strebendeu Gestalten von Natur und
Genius wurden durch das Wort des Künstlers selbst
in's Leben gerufen. Wohlgelungen sind auch die beiden
lebensgroßen Seitenfiguren: „München" heißt es und
die großartigen Kompositionen der Glpptothek und der
Pinakothek tauchen aus Lem Dunkel empor; die Poesie,
das göttliche Weib mit dem stolzen Siegerblicke und
der edeln Stirn, stand ihm dort, den Lorbeerkranz auf
dem freien Lockenhaare, Brust und Nacken entblößt,
zur Seite und kredenzte ihm fort und fort aus ihrem
unerschöpflichen Borne neue Lust und neue Krast; die
Pvesie der deutschen Romantik und die Allgewalt der
Antike siud Beide in dieser schönen sitzenden Frauen-
gestalt verkörpert, es ist die nnsterbliche Jugend des
Meisters, welche ihm bis zum Grabe treu blieb und
jetzt in Erz gebildet zu seinen Füßen die Ehrenwacht
hält. „Berlin" lautet es drüben und die Muse des
Canipv Santo erstand verhüllten Hauptes im langen
faltigen Gewande, ernste milde Hoheit im Antlitze;
bie Nechte hält das Buch der Bücher, die Linke das

Kreuz; mehr noch als die Genossin hat sie Cornelius
beherrscht und seinen Griffel geführt.

Das Gesammtgewicht des verwendeten Erzes be-
trägt 50 Centner, wovon 20 auf das Standbild, je
8 auf die Seitenfiguren und etwa 13 auf das Posta-
ment kommen. Der gelungene Guß macht der Bier-
ling'schen Anstalt in Dresden Ehre.

Die Düsseldorfer Künstlerschaft hatte der Ent-
hüüungsfeier am Morgen Lurch einen kostümirten Fest-
zug einen originelleii Anstrich verliehen, und der Künstler-
verein „Malkasten" machte den Tageshelden zum Mittel-
punkte eines von Professor Camphausen gedichteten
geistvollen Festspieles mit lebenden Bildern. Unter
Fackel- und Musikbegleitung defilirten die Gestalten
aus seinen Werken an einer improvisirten Kolossal-
statue von Cvrnelius vorbei und legten Lorbeerkränze
und Palmzweige am Sockel nieder. Gleichsam die
Einleitung zu den Festlichkeiten hatte die damit ver-
schmolzene Äubelfeier des fünfzigjährigen Bestehens des
Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen ani
23. Äuni gebildet.

Eine Ausstellung von Werken des großen Düssel-
dorfers in der Aula Les neuen Akademiegebäudes blieb
der schwächste Punkt der Festlichkeiten. Die Arbeiten
seiner genialen Schüler waren gänzlich davon ausge-
schlossen, obgleich gerade der Vergleich mit ihnen und
die Verfolgung der von Cornelius ausgehenden Rich-
tuiigen überaus interessant gewesen wären. H. L.

Amerikanische Aunstausstellungen.

II.

Neiv-Aork, Anfang Juni 1879.

Die am 1. April eröffnete Ausstellung der
Akademie wurde vor wenig Tagen geschlossen. Sie
enthielt 615 Nummern und ist im Ganzen als ein
Erfolg zu bezeichnen. Nur derjenige, welcher sich der
Ausstellungen vor etwa fünfzehn Jahren und selbst
noch später erinnert, kann ganz den Aufschwung er-
mcssen, welchen die Kunst hier seitdem genommen hat.'
Es waren damals noch die Zeiten der naivsten Un-
wissenheit, als die grellen, schlechten Theatervorhängen
ähnelnden Landschaften Cropsep's und Hennessp's von
dem großen Publikum fiir mustergiltig angesehen
wurden, als Page in der Akademie das Scepter führte
und uns seine leblosen steifen Gestalten, die mit ihrem
harten, unmöglichen Kolorit den Eindruck von Metall-
figuren machten, als nachahmenswerthe Modelle oc-
troyiren wollte, Winslow Homer's geschmacklose Dar-
stellnngen in perspektiv- und hintergrundlosen Gegenden
selbst von der Kritik als anziehende Genrebilder ge-
rühmt wurden und sogar dic biov-lorlr Iribims sich
in Lobeserhebungen über Th. Farrer's abgeschmackte
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