Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die Jahresausstellung im Wiener Künstlsrhause.

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selbeu das energische Profil seines Freundes und die
Hauptpartien des Haares nvch einmal in jener eigen-
thnmlichen, nicht jedein Geschmack znsagenden Manier
nmrissen und markirt, welche Genelli zu seiner
charakteristischen Ausdrnckslveise geniacht hatte: ein
harmloser, aber aniüsanter Scherz, der bei den innigen
Beziehungen zwischen der beiden Männern sicherlich
den Betroffencn selbst, wenn er je zu seiner Kenntniß
gelangte, am meisten belustigt haben wird.

Ueber Preller's deutsche und nvrwegische Land-
schaften, über seine Marinen ist in den beiden Artikeln
des Weimarer Korrespondenten bereits sv viel Treffendes
gesagt worden, daß ich auf eine weitere Ausführung
verzichten kann. Auch diese Ausstellung hat im gleichen
Maaße wie die früheren alle Kunstfreunde und Kunst-
fvrscher zu aufrichtigem Danke gegen den Herrn Direktor
verpflichtet. L.

Die Iahresausstellurig im N)iener Aünstlerhause.

I.

Am 20. März wurde die 10. Jahresausstellung
der Wiener Künstlcrgesellschaft im Beisein des Kaisers
und mehrerer Erzherzoge feierlich eröffnet. Die Be-
sucher nahmen dabei, außer deni etwa vierhuudert
Nummern aufweiscnden Katalog, zur Feier des glück-
lich überstandenen ersten Decenniums eine Denkschrift
retrospektiven Jnhaltes in Empfang und wurden, ehe
sie noch das Künstlerhaus betreten hatten, einer künst-
lerischenUeberraschnng theilhaftig. Wagner's Michel-
angelo und Schmidgruber's Albrecht Dürer sind
endlich in Marmor vollendet worden, nachdein die
Gypsabgüsse der Modelle schon Jahre lang die
Zierden des Vestibules gebildet, und hatten ani Er-
vffnungstage der 10. Jahresausstellung ihre Plätze
vor dem Portale des Künstlerhauses eingenoinnien.
Die beiden sunkelnagelncuen Marmorstatuen waren
festlich bekränzt und versetzten die Besucher gleich beim
Eintritt iu gehobene Stimmung. Ein reicher Pflan-
zenschmnck war aufgeboteu, um das Stiegenhaus und
die Ausstetlungssäle zu zieren, und da auch das son-
stige Arrangement mit Geschick und Geschmack getroffen
war, machte die Ausstellung, als Ganzes genommen,
eincn recht gefälligen und behaglichen Eindruck. Die-
scr günstige crste Eindruck kommt der gesammten
Ausstellung nicht wenig zu Statten; er wirkt aus-
gleichend und versöhnlich, weun man dann bei näherem
Zusehen nach und nach darauf kommt, daß die Aus-
stellung sür eine festliche Jahresausstellung doch etwas
ärmlich ausgefallcn ist.

Als Thatsache, nicht etwa als Vorwurf, sei es
erwähnt, daß sich unter den in diesem Jahre zusam-

mengelesenen Kunstschätzen kein Sensativnsbild befin-
det, wenigstens keines im Stile vvn Matejko's
„Schlacht bei Grunewald" oderMunkücsy's „Miltou
und seine Töchter", die wir jüngst bcsprvchen haben.
Einen fragwürdigen Glanz verleihen der Ausstellung
die hervorrageudsten deutschen und österreichischen
Maler — den Glanz ihrer Abwesenheit. Dic
deutschen Künstler sind fern geblieben, weil sie die
große Ausstellung in München zu beschicken haben,
und unsere heimischen Küustler haben sich für ihre
eigene Unternchmung nicht sonderlich echauffirt. Angeli,
Canon, Felix, Makart, Pettenkofen haben
gar nicht ausgestellt, Defregger und Gabriel Max
haben auch nichts geschickt, selbst Stammgästc, wie
Lenbach und die Gebrüder Achenbach, sind dieses Blal
ausgeblieben, von Knaus nnd Vautierund den mci-
sten der übrigen namhaften dcutschen Künstler ganz.
zu geschweigen.

Reicher, als es sonst gewöhulich der Fall zu sein
pflegt, ist dieses Mal die Plastik vertreten, und dic
geschickte Vertheilung und ansprechende Gruppirung
der Plastischen Werke trägt nicht wenig dazu bei, der
Ausstellung zu ihrem gefälligen Gesammteindrucke zu
verhelfeu. Eine besondere Anziehungskraft erhält
dieselbe außerdem durch eiuen klcinen Staat i»i
Staate, der durch eine im Stistersaalc ausgebreitete
Kurzbauer-AuSstellung gemacht wird. Letztcre
besteht vorläufig aus neuiiunddreißig Bildern, Skizzen
und Studien des jüngst verstorbeneu Meisters; doch
soll sie in kurzer Zeit noch wesentliche Bereicherungen
erfahren.

Wenn wir vom Stiegenhaus den großen Mittel-
saal betreten, so fällt uns zuerst das von Sigm.
L'Allemand gemalte großeReiterbildnißdesGenerals
Loudon in dis Augen. Dem Bilde wurde nicht ohne
Berechtigung der Ehrenplatz auf der AuSstellung an-
gewiesen. Es hat bereits auf der Pariser Weltans-
stellung, wo es prämiirt wurde, seine Feuerprobe be-
standen; es ist frisch gemalt, von lebendigster Auf-
fassung, dabei ganz geeignet, patriotische Gesühle zu
erwecken; eS bildet im Ganzen einen gnten und glück-
lichen Mittelpunkt für eiue österreichische Ausstellung
und bietet endlich auch eine vortreffliche Folie für die
beiden Tilgner'schen Büstcn des österrcichischen Kaiser-
paares, die zu beiden Sciten des Bildes, von reichem
Blätterschmuck umgeben, aufgestellt sind. Keinem zwei-
ten Künstler hat die Ausstellung so viel zu verdanken,
wie Tilgner; keiner hat mehr, keiner Besseres, und
keiner auch Wirkuugsvolleres geliefert als er. Fünf-
zehn Büsten von ihm beleben die Ausstellung in allcn
ihren Räumen, und keine ist unter denselben, die nicht
dnrch eine frappirend scharfe Charakteristik, durch Frei-
heit der Behandluug, durch effektvolles Arraugement
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