Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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55 Nekrolog, 5g

zu einem schönen Bilde inspirirt, das auch ohne die
Kenntniß der Ballade jedem Beschauer sofvrt ver-
ständlich ist. Es ist dieselbc Ballade, die auch den un-
mittelbaren Anlaß zu Goethe's Erlkönig gab. Ritter
Olof, ein schöner unbärtiger Jüngling, jagt auf schwarzem
Rosse, dessen Hufe kaum die Spitzen des Schilfs zu
berühren scheinen, über das Moor. Noch herrscht die
Nacht und ihr Spuk. Nur ein schmaler, gelbgrüner
Streifen am fernen Horizonte, deni die äufgescheuchten
Sumpfvögel eutgegenfliegen, verkündet den herauf-
dämnwrnden Morgen. Eine weiße, nur unterwärts
von einem dünnen Schleier umwallte weibliche Gestalt,
des Erlkönigs Tochter, schwebt iiber dem schwarzen
Pferde. Jhr Oberkörper hebt sich scharf gegen dcn
breithinflatternden Mantel Olof's ab, während sich die
schlanken Füße im Nebel verlieren. Halb drohend,
halb begehrend streckt sie den weißen Arm gegen den
Nitter aus, der sein Haupt wendet und angstvoll zu
der Nixe emporblickt. Unten im Schilf, das von einem
Gewässer durchschnitten ist, treiben allerhand Elemen-
targeister ihr Wesen: kleine Gesellen mit bläulichen
Flammenkränzen im buschigen Haar, geistreich erfun-
dene Personificationen der Jrrlichter, und eine zweite
Nipe, die wie ein Nebelstreif über dem Gewässer schwebt.
Einer der kleinen Bursche ist der Dogge, ver dem Ritter
in langen Sätzen vorauseilt, hart auf den Pelz.
Schon greift cr nach dem Halsriemen, als wollte er
sich auf ihren Rücken schwingen und den tollen Ritt
um das Leben mitmachen. Das Bild hat nach oben-
hin durch einen Rundstab einen halbkreisförmigen Ab-
schluß erhalten. Die Zwnckel, die durch den Rahmen
entstanden sind, sind mit Drachen nach nordischen Mo-
tiven ausgefüllt. Die geisterhafte Stimmung der alten
Ballade ist durch das Kolorit, das etwas vcrschwommen
ist, aber die Formen doch klar hervortreten läßt, meister-
haft wiedergegeben. Das Bild ist keine Jllustration,
svndern eine selbständige, tief empfundene, von echter
Poesie erfüllte Nachdichtung. Ä.. U.

Nekrolog.

Joliann Baptist Sondcrland, einer dcrAeltesten der
Düsseldorfer Künstler, starb sanft und ohne vorherige
Krankheit den 21. Juli 1878. Er war am 2. Februar
1805 in Düsseldorf geboren und wurde bereits 1819
Schüler der dortigen Akadeniie, die am Ende dessclben
Jahres durch ihren neu ernannten Direktor Peter Cor-
nelius einen bedcutenden Aufschwung nahm. Der Meister
erkannte sofort das sreichesi Talent des jungen Kunst-
eleven, dcn er in jeder Weise zu fördern strebtc. Er
erwirkte ihm ein mehrjähriges Stipendium, und befreite
ihn dadnrch auS einer sorgenvvll drückenden Lage, die
ihn nach dem frühzeitigen Tode des Vaters gezwungen,
durch allerlei Nebenbeschäftigungen für Mutter und Ge-
schwister den Lebensunterhalt zu verdienen. So ar-

beitete Sonderland in der freien Zeit, die ihm seine
akademischen Studien ließen, für die lithographische
Anstalt von Winckelmann und Söhne, die, als ihre
Besitzer nach Berlin übersiedelten, von Arnz und Comp.
fortgesührt wurde und noch heute un-ter der Firma
L. Baumann n. Comp. in Ansehen steht. Diese Thätig-
keit wirkte indessen üußerst günstig anf die Entwickelung
jener Eigenschaften, die ihn später zu einem der viel-
seitigsten und beliebtesten Jllnstrationszeichner machten,
indem sie ihm eine ungemeine Leichtigkeit nnd Gewandt-
heit in der Beherrschung der Technik und eine genaue
Kenntniß der verschiedenen Vervielfältigungsarten ver-
schnffte. Als Schadow im November 1826 an Cor-
nelius' Stelle trat, hatte sich Sonderland soweit heran-
gebildet, daß er sein erstes Bild unter dessen Leitung
beginnen konnte, welches vielen Beifall fand und auf
der Berliner Ausstellung bald verkauft wurde. Es
entstand nun rasch ein Gemälde nach dem andern, und
alle hatten sich gleichen Erfolges zu rühmen. Jhre
Gegenstände waren anfänglich der herrschenden Zeit-
strömung entsprechend romantischen Jnhalts. Zigeuner
und Räuber, Wahrsager und Gaukler, Ritter und Edel-
damen wurden in mancherlei Gestaltungen vorgeführt.
Anch der wilde Jäger nach Bürger's Gedicht (1830),
„Hans und Grete" nach Uhland (1839, in der Preu-
ßischen Nationalgalerie) und andere Poesien boten ihm
willkommenen Stoff. Später aber wandte er sich mehr
dem alltäglichen Leben in Dorf und Stadt zu, bei
dessen Schilderung er oft einen köstlichen Humor ent-
wickelte. Wir nennen „Das gestörte Stelldichem (1833)

— Der Fischmarkt (1835) —Berspätete Reisende (1837)

— Kosaken bei einem Gelehrten einkehrend^ (1841,
Eigenthum der Prinzessin Friedrich v. Preußen) —
Der ungestüme Freier (1847) n. A. Viele derselben
mußten wiederholt ausgeführt werden, manche wurden
auch durch verschiedene Vervielfältigungen ein Geniein-
gut des Volkes. So erwarb allein der Kunstverein
für Rheinland und Westfalen im Laufe der Jahre drei-
zehn Bilder. Ungeachtet dieser Erfolge als Oelmaler,
beschäftigte sich Sonderland seit dem Jahre 1848 fast
ausschließlich mit Jllustrationen, deren er nebenbei eine
große Menge geschaffen hat. Es war dies auch offen-
bar das geeignetste Feld für seine fruchtbare, beweg-
liche Phantasie und seine unerschöpfliche Kompositions-
gabe, da seine Gemälde doch in der Farbe und der
feineren Charakterisirung Manches zu wünschen übrig
ließen. Seine „Nandzeichnungen zu veutschen Dichtcrn",
die in den vierziger Äahren in großer und kleinerer
Ausgabe im Verlage von Ä- Buddeus erschienen, müssen
als ein durchweg sehr gelungenes Werk anerkannt wer-
den. Viele der darin enthaltenen vierzig Radirungen
sind geradezu vortrefflich und auch die minder be-
deutenden machen durch geschickte und geschmackvolle
Anordnung einen günstigen Eindruck. Dies gilt auch
von den sechs Radirungen zu den Hausmärchen, sowie
von den meisten seiner fast unzähligen Kompositionen

> dieser Art. Am glücklichsten aber erwics er sich in
der Darstellung komischer Situationcn, die er immcr
launig und wirksam auszufassen verstand. Mit nimmer
rastendem Fleiß und einer beispiellosen Leichtigkeit des
Schaffens hat Sonderland die verschiedenartigsten Werke
mit Titelblättern, Jnitialen und größercn und kleinercn
Ällustrationen geschmückt, die seincn Namen weithinaus-
trugen über die Grenzen unseres Paterlandes. Kalender
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