Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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zugsweise praktischen Bewohnern dieses jugendkräftigen Staats
hat sich die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß die Kunst
für die gewerbliche Thätigkeit eines Volkes ein außerordentlich
wichtiges Moment ist. Dieser richtigen Ueberzeugung sind
dann auch entsprechende Leistungen gefolgt. Die Zahl der
wissenschaftlichen Museen hat sich in Amerika seit 1876 ver-
mehrt, man hat die bestehenden wissenschafttichen Anstalten
bssser dotirt. An vielen Ortsn hat man jetzt in der neuesten
Zeit zur Hebung des Gewerbebetrisbes Gewerbemuseen an-
gelegt, und ich bin gewitz am wsnigsten geneigt, die gesegnete
Wirksamkeit dieser Anstalten zu bestreiten, ich will nur vor
dem Jrrthum warnen, als seien sie die allein fruchttragenden,
dagegen die Kunstmuseen nnr theoretisch wissenschaftliche
Anstalten nnd daher nicht fruchtbar. Jch glaube, daß für
die Weckung des Kunstsinnes und der Kunsterziehung des
Volkes die wissenschaftlichen Kunstinstitute noch unentbehrlicher
sind wie die praktischen. Beide vsrhalten sich untereinander
wie Fachbibliotheken zu universellen, wie in gewissem Sinne
Volksbibliotheken zn wissenschaftlichen Bibliotheken.

Paris, dessen Kunstindustrie gewiß unbestritten aus
einsr bedeutenden Höhe steht, besitzt bis auf die heutige
Stunde noch kein eigentliches Gewerbemuseum; dort verstehen
die Künstlsr und die Kunstindustriellen Bildung und An-
regnng aus den reichen Schätzen zu schöpfen, welche die
Stadt in ihren großen wissenschaftlichen Sammlungen besitzt.
Wenn das verhältnißmäßig nicht reich dotirte Gewerbe-
museum in Wien große Erfolge erzielt, so ist dies zum
Theil dem Umstande zuzuschreiben, daß dort die Kunst-
industriellen von frühester Jugend auf gewöhnt sind, an den
alten sehr reich dotirten Museen ihren Kunstsinn zu bilden.

Jn Berlin ist das Alles anders bestellt. Das Gewerbe-
museum ist seinem Jnhalte nach gut dotirt, dagegen stshen
die anderen, dis Königlichen Museen, in vielen Beziehungen
hinter denen von Paris, London und Wien zurück. Sie sind
eben Schöpfungen neueren Datums, stückweise zusammen-
gebracht zu einer Zeit. als die Erwerbung der Kunstwerke
schon große Fonds erforderte.

Jch halte daher dafiir, datz es eine unabweisbare Pflicht
der Staatsregierung ist, ihrerseits Alles aufzubieten, um
diese Kunstinstitute auf die Höhs zu bringen, die das Kunst-
bedürfniß längst dringend erheischte. Statt dessen macht
man gsrade an dem Erwerbungsfonds für die Museen einen
Abstrich!

Die frühere Summe von 325,000 Mark mag sich groß
aussprechen, aber, meins Herren, sie erscheint knapp, wenn
man bedenkt, daß sie auf sieben Abtheilungen vertheilt
wird, von denen jede ein Museum für sich bildet; wenn man
ferner erwägt, wie theuer jetzt der Ankauf von Gemälden,
Skulpturen oder eines Kupferstiches sein kann, so wird die
Sammlung nicht in der gewünschten Weise rasch wachsen
können. Um so empfindlicher macht sich hier der dem großen
Etat gegenüber klsine Betrag von 15,000 Mark besonders
fühlbar, ich tröste mich jedoch mit meinem Herrn Vorredner
in der Hoffnung, daß dies nur als einstweilig bezeichnet
ist, ich hoffe, daß die Staatsregierung ihr Augenmerk darauf
richten wird, daß so etwas nicht wiederkehrt, und daß sämmt-
liche unter ihrer Pflege stehenden Kunstanstalten gleichmäßig
dotirt werden. Jch verspreche mir von der Stellung eines
Antrages auf Erhöhung der Posttion keinen Erfolg, ich will
mir daher nur die Bitte erlauben, daß die Königliche Staats-
regierung über die von mir erhobenen Bsdenken eine wo
möglich heruhigende Aeußerung machen wollte."

Der Regierungskommissar Gch.-R. Schöne er-
widert, daß sich die Staatsregierung nur unter dem
Drucke der Verhältnisse und nur sehr ungern zu dem
erwähnten Abstrich entschlosseu habe, und daß sic, so-
bald thunlich, dic Hand bieten werde, um die Fonds
wenigstens aus ihre frühere Höhe zurückzuführeu.

Endlich äußerte sich anch Birchow in analoger
Weise mißbilligend, wie Kaufmann und Mvmmsen den
geschehenen Abstrich angreifend. Er sagte:

,,Jch kann mich doch nur dem anschließen, daß die Re-
gierung hier mit einer Hartherzigkeit gegen die Museen ge-
handslt hat, wie sie kaum irgendwo im Etat weiter hervor-
tritt. Jch kann mir nur denken, daß diese Ausnahmsposition
hervorgebracht ist durch den eigenthümlichen Zustand der
Verwaltung, den wir an dieser Stelle finden, und der nun
seit Jahren die gedeihliche Entwickelung des Museumswesens
gehindert hat. Jn dissem Augenblicke scheint es ja, daß eine
Aenderung sich vorbereitet, und ich muß sagen, ich wünsche
dringend, daß in der einen over andern Weise doch min-
destens das herbeigeführt wsrde, daß die Königlichen Museen
in gleicher Weise vertreten werden, sowohl den andern
Zweigen der Staatsverwaltung gegenüber, als namentlich
dem Finanzminister gegenüber, wie es bei allen andern
parallelen Einrichtungen der Fall ist"

Ferner: „Es ist ja in der That wunderbar, daß so
kleine Summen abgelehnt werden, gegenüber den enormen
Verwendungen, die wir aus Anleihen für die mannichfaltigsten
Dinge machen müssen und die doch nicht dringlicher sind wie
die Ankäufe für die Museen; es ist wunderbar, wenn ich
z. B. bedenke, daß wir in der Budgetkommission eben be-
rathen haben über die Frage, ob wir 28 Millionen für
den Centralbahnhof in Frankfurt ausgeben wollen
und man hier sagt, 15,000 für sachliche Verwaltungsausgaben
in den Museen, die dringsnd nothwendig sind, könne man
nicht anders ausbringen, als wenn man weniger ankauft.
Das ist doch ein tsstimoniuin xnupsrtntis!"

Jn gleichem Sinne sprcich der Abgeorbnete Petri
und stcllte siir die dritte Lesung des Finanzetats den
Antrag auf Wiedereinstellnng der 15,000 Mark in
Aussicht. It. 8.

Aunstliteratur.

Die modernc Knnst nnd dic Ausstellungcn dcr Berlincr
Akadcmic. Von Otto von Leixner. Zweiter
Band: Die Ausstellung vvn 1878. Berlin, Bcr-
lag von I. Guttentag (D. Collin). 1879. 8.

Die Gunst des Publiknms hat sich diesem ver-
dienstlichen Unternehmen wenigstens in dem Grade zu-
gewandt, daß Autor und Verleger die Fortsetzung des-
selben wagen konnten. Der Verfasfer hat sich diesmal
nicht auf die akademische Ausstellung allein beschränkt,
sondern auch Lie hervorragcndsten Erscheinungen auf
dem Kunstgebicte, welche im verflossenen Jahre in den
Berlincr Ausstcllungen auftauchten, in den Kreis seiner
Besprechnngen gezogen. So darf das Buch den An-
spruch erheben, ein umfassendes Bild vvn dem zu
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