Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur,

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Meisterhaud iu eincr Kinderbüste in Thvn; wieder ist
es ein allertiebstes kleines Mädchen boll Unschuld und
Frische, Die vielgeschäftige Dilettantin Sarah Bern-
hardt schreibt sich entschied'en zu viel zu, denn ihre
beiden diesjährigen Arbeiten, Porträtbüsten der Ma-
lcrin Louise Abbema und einer Miß H,, sind über-
wiegend das Werk des Gehülfen, der sie fertig meißelte;
man kann nicht auf allen Gebieten zugleich thätig
sein, Leider haben sie dadurch vicl von der,Weich-
heit dcs ersten Entwurfes^ verloren, Den Bildhauer
Dumvnt vertrat nur eine Pvrträtbüste von seinem
Schüler nnd Genossen Thvmas, Für einen Orient-
rcisenden würdcn Guillemin's sorgfältig ausgeführte
Brvnzcbüsten eineS kleinasiatischen Soldaten und eines
knrdischen Mädchens ein willkommencr Zimmerschmuck
sein, Vvn den Prüden gemieden, von der Kritik ver-
urtheilt, prangte Ringel's vielangefochtene Wachs-
statuctte „Is äsini-monäs" unentwegt am Eingange.
Es ist kein selbständiges, zur Aufnahme in den Salvn
berechtigtes Kunstwerk, da es gegossen, nicht mit der
Hand geformt ward, die aufgetragenen Farben stoßen
es aus der Reihe der bleichen Marinvrbilder rings
umher, und das Mädchen mit dem Vogclneste in der
Hand entspricht dcm Titel durchaus nicht; trotzdem
licgt Talent in dem Ganzen, und man mnß die Ge-
schmackSverirrung lebhaft bedauern,

Hermann Billnng,
(Schluß folgt,)

Aunstliteratur.

F, Jliiinickc, Die Farbenharmvnie mit besvnderer
Nücksicht auf den gleichzeitigen Kontrast in ihrer
Anwcndung in der Malerei, in der dekorativen
Kunst, bei dcr Ausschinückung der Wohnräume,
svwie in Kostüm und Tvilette. Zugleich als
zwcite gänzlich umgearbeitete Auflage der Farben-
harmonie von E, Chevreul, Mit 9 Farbcn-
tafcln. Stuttgart, Paul Neff, 1878, 8, 275 S,
Dcrsclbc, Handbuch der Oelmalerei, Nach dcm
hcutigen Standpunkt und in vorzugsweiser An-
wendung auf Landschaft und Architektur. Stutt-
gart, Paul Neff. 1878. 8. 205 S.

Max Schmidt, Die Aquarellmalerei. Bemerkungen
über die Technik derselben in ihrer Anwendung
auf die LandschaftS-Malerei, 4, vermehrtc Auftage.
Berlin, Th. Grieben. 1879. 8, 77 S.

Wir fasscn dicse drei Arbeiten hier znsammen,
wcil sie dem gleichen Bedürfniß des Dilettanten ent-
sprnngen sind, sich aus der Literatur auf bequeme
Wcise den Rath zu hvlen, den er durch solideS Arbeiten
nntcr sicherer Leitung sich nicht gewinncn will oder
auch viclleicht nicht gewinnen kann, Diescs Publikum

muß ziemlich ausgebrcitet sein, wie der Erfolg dieser
Art Bücher beweist, Ob dcr aus ihnen gewonnene
Erfolg ebenso bedeutend ist, möchten wir bezweiseln.
So nützlich manche technische Vorschriften nnd Winke
sein mvgen, ebenso erfolglvs müssen jene Reccpte für
die Lösung bestimmter Aufgaben sein, falls ihnen nicht
die praktische Leitung zur Seite geht. Schmidt er-
kennt wenigstens an, daß aus den von ihm gcgebenen
Notizen „nur für das'Kopircn bereits vorhandener
Kunstwerke" einiger Nutzen gezogen werdcn könne, wo-
bci er die Bedingung: „fehlt die produktive Kraft",
getrost hätte weglassen dürfen; wer diese hat, wird
am wenigsten zu einem svlchen Bnche greifen oder gar
versuchen, eine Aufgabe zu löseu, wie: „Eine klare Abend-
luft, die Svnne links außerhalb dcs Bildes, etwa eine
halbe Stunde vvr Sonnenuntergang" nach dem Recept:
„Man präparire einen hellen Ton von N^llow-Ochre
und ein wenig Rose Madder, und übergehe Vas Papier
glcichmäßig mit demselben, Svdann drehe man das-
selbe nm und beginne am Horizvnt nüt cinem leichtcn
Ton von Brown Madder, treibe denselben dann bis
zu eiuem Drittel in den Mittelgrund und lasse ihn
daselbst zart verlaufen u. s, w," Jmmerhin ist dies
Büchlein wcnigstens lesbar geschrieben, was man leider
von den Jännicke'schcu Büchern nicht sagen kann, Am
unliebsamsten tritt dies bei dcm Buche über Farben-
harmonie hervor. Einen solchen Gegenstand faßlich
und populär darzustellen, ist eine recht schwcre Aufgabe,
wclche neben vollständiger, nicht einseitig praktischer,
sondern wissenschaftlicher Beherrschung des Materials
eine nicht miuder vvllständige Behcrrschung der Sprache
erheischt, Wenn wir hierbei auch die grvben Sprach-
fehler ganz bei Seite lassen wolleu, die bei einem ge-
druckten Werke überhaupt nicht Vvrkvnnnen sollteu, so
muß in erster Linie ein klarer Gtdanke und cin klarer
Ausdruck vvrhanden scin, wenn erwartet werden soll,
daß Dilettanten das Gelesene auch verstehen. Fehlt
aber der deutliche Vortrag, so bleibt von einem solchen
Buche nichts anderes übrig als eine Sammlung von
Einzelvorschriften, welche an eine Fülle von Be-
dingungen geknüpft sind und gerade dadurch, zumal
iu der vft gewählten bequemen Form der Allgemein-
heit, ganz nutzlos sind, Was soll z, B, Jemand, der
sich in Bezug auf die Wahl der Blunien für seinen
Gartcn Rath holen will, mit fvlgender Vorschrift
machen: „Wo an gut gewählten Punkten Roth in
seinen mannigfaltigen Nüancen, Blau, Weiß, und hier
und da auch Goldgelb, Orange und Biolett erscheinen,
da ist die gute Wirkung gcsichert," Gewiß, wenn
die Punkte gut gewählt sind, so ist die Wirkung gut
— wer wird an der Wahrheit eines solchen sibylli-
nischen Spruches zweifeln? V. V.
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