Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Vom Christmarkt.

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Menschenliebc dictirtc, welcher nns Ernst und Falk,
die Erziehung des Menschengeschlechtes, nvch am Schlusse
seiner Lanfbahn schenkte; mit einem Worte: dem gan-
zen Lessing, wie er in unserer Erinnerung lebt, wie
er in Rietschel's Meisterwerk, in Graff's herrlichem
Bilde uns entgegen tritt und unser Herz und Gemüth
nnwiderstehlich zu sich heranzieht! Aber dazu ist die
Schaper'sche Figur, trvtz all' ihrer künstlerischen Meister-
schaft, zu vornehm gehalten, ja nngeachtet der sitzenden
Stellung, sogar ein wenig zu heransfvrdernd. Sie
kann nie so zu unserem Herzen sprechen, jenes Jdeal
kann sie nicht erreichen.

Aber der Siemering'sche Lessing kann das! Dieser
allein ist so angelegt, daß man von einer Ausführung
im Großen das beste Resultat erwarten dürfte; dieser
allein würde im Stande sein, das auszudrücken, was
uns an dem Rietschel'schen in so hohem Grade fesselt;
ja, er würde diesem letzteren ohne Nachtheil zur Seite
treten können. Frank und frei, hoch aufgerichtet, steht
die Figur da, an einen Baumstamm gelehnt; sehr
charakteristisch hält der Dichter ein Buch in der etwas
nach rückwärts auf die Hüfte gestützten Rechten. Diese
Seiten-Ansicht ist vorzüglich, niit Ausnahme des etwas
eingedrückten Kniees des rechten Standbeins. Mit
der Linken stützt der Dichter sich ettvas krampfhaft auf
einen Eichenzweig. Auch diese Seite würde schvn ge-
nannt werden kvnnen, wenn das zu sehr nach vorn
geschwungene Spielbein weniger vorragte, und die
Rückenlinie weniger hohl wäre. Bei der Vorder-An-
sicht erweisen die Beine sich ebenfalls als schwächster
Punkt, übertrieben in der Bewegung; und die Proe-
minenz der Hüfte des Spielbeins giebt der sonst kräf-
tigen Gestalt etwas Weichliches, ja, Weibisches. Es ist
zu begreifen, daß die Preisrichter, welche, wenn auch
unabsichtlich, die Figur wohl nur vom künstlerischen
Standpunkte aus beurtheilt haben, durch die eben er-
wähnten Mängel zurttckgeschreckt worden sind. Und
doch beruhet das Alles, wenn wir uns nicht sehr täu-
schen, auf einer rein zufälligen Aeußerlichkeit, welcher
leicht abzuhelfen sein würde. Die Figur lehnt sich
nämlich etwas zu sehr an den Baumstamm, und zwar
in solcher Stellung, daß sie nur auf dem rechten Beine,
ganz und gar nicht auf dem linken, ruht. Denkt man
sie sich lediglich weniger fest, vielmehr ganz leicht an-
gelehnt, so werden diese Uebelstände verschwinden. Die
Figur würde, unter dieser Annahme, nothwendig auf
beiden Beinen rnhen, wenn auch selbstverständlich ein
Weniges mehr auf dem rechten als auf dem linken.
Die Hohlheit des Rückens würde sofvrt verschwinden,
ebenso die Ubermäßige, natürlich entgegengesetzte, Krüni-
mung beider Beine, und das Hervortreten der Hüfte;
die linke Hand würde den Eichenast nicht niehr krampf-
haft umklammern, sondern nur leicht berühren. Die

ganze Haltung der Figur aber würde weit sicherer
und festerer werden; sie würde nicht nur den strengsten
künstlerischen Anforderungen genügen, sondern auch dem
männlichen Charakter Lessing's mehr als jetzt, sogar
in hohem Grade entsprechen. Schade, cwig schade,
daß der KUnstler das nicht empfunden, als er seinen
Entwurf anfertigte! Denn anzunehmen, daß er es nicht
bemerkt habe, als der Enttvurf fertig vvr ihm stand,
würde doch allzu naiv sein. Aber die Sprvdigkeit des
Stoffes (die Figur ist in Wachs bvssirt) machte es
ihm unniöglich, so bedeutende Veränderungen noch
nachträglich vorznnehmen. Auch war es seiner aner-
kannten Meisterschaft wohl crlaubt, darauf zu rechnen,
daß Künstleraugen so äußerliche Fehler nicht höher
anschlagen würden, als sie es verdienen. Von einem
Siemering darf man ohne Weiteres annehnien, daß diese
Mängel bei einer Ausführnng im Grvßen Vvn selbst
weggefatlen sein würden, auch wenn Niemand ihn anf
dieselben aufmerksam machte; an eine mechanische Ver-
größerung des Modells wird bei ihni kein Mensch
denken.

Von dieseni Gesichtspunkt aus dürfen wir über-
zeugt sein, daß das Urtheil des Preisgerichts ganz
anders ausgefallen sein würde, und wir wllrden hoffen
dürfen, ein Lessing-Denkmal zu bekommen, zu welchem
wir ebcnso, wie zu dem Braunschweigischen, in jeder
Beziehung mit Bewiinderuiig und Dankbarkeit auf-
blicken könnten.

Hamburg, 19. November 1878. —e—.

Vom Christmarkt.

(Fortsetzung.)

Die sich auf dem Gebiete der Poesie bewegende
illustrirende Verlagsthätigkeit hat heuer nicht viel Neues
von Belang aufzuweisen. Die Hallberger'sche S chiller-
ausgabe in groß Lexicott-Octav, deren Ausstattung
mit Holzschnitten und hübschen Zierstücken in die Hände
einer großen Anzahl hervorragender Künstler gelegt
ist, hat es bis zur dreißigsten Lieferung gebracht. Die
voraussichtlich im nächsten Äahre erfolgende Vollendung
des Ganzen wird uns Anlaß geben, auf diese überaus
stattliche Erscheinung zurückzukomnien. — Jn neuer
Auflage erschien Scheffel's „Trompeter von Säk-
kingen", mit Jllustrationen von A. von Werner,
Stuttgart, Bonz U Co. Wir haben dieser trefslichen
Leistung bereits bei ihrem ersten Erscheinen ausführlich
und mit gebührender Anerkennung gedacht. Nene Jllu-
strationen sind, abgesehen von kleinen Zierstücken, nicht
hinzngetreten, dagegen einige Holzschnitte, die nicht ganz
gelungen waren, durch bessere ersetzt. Die ornamentale
Seite dcr Ansstattung hat wescntlich gewonnen durch
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