Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Das Lessing-Denkmal für Hamburg.

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werl wenig schaden würde. Unv das ist doch unter
allcn Umständen die Hauptsache. Mag immerhin der
Sockel verfehlt sein, wie man das vom Siemering'schen
allerdings sagen muß, — denn die beiden herrlichen
Jnnglings-Gestalten, welche ihn schmücken, sind schwer
verständlich und stehen nur in ganz äußerlichem Zu-
sammenhange mit der Architektnr des Sockels, der sich
überhaupt für den gegebenen Standort als nicht recht
passend erweist; — mag also immerhin der Sockel
verfehlt sein, - darüber läßt sich reden und eine Ver-
ständigung gewiß erreichen. Hat das Preisgericht doch
auch am Schaper'schen Sockel mit Recht noch Einiges
auszusetzen, vhne dabei des Umstandes zu gedenlen,
daß die Reliefs allzu skizzenhaft gehalten sind, um
einen Schluß anf die spätere Ausführung zu ge-
statten. Ueberhaupt mag es hier wenigstens kurz an-
gedeutet sein, daß keinc einzige der ansgestellten Arbeiten
cinen Sockel aufweist, den wir vhne wesentliche Aen-
derungen für ein Lessing - Denkmal geeignet finden
kvnnten. Namentlich soll dies in Bezug auf die Reliefs
gesagt sein, welche wir von jeder Allegorie entkleidet
zu sehen wünschten. Lessing war der Mann, der stets
die Wahrheit suchte, und die Wahrheit ganz allein;
der jeden Schein haßte, vielmehr überall die Dinge
selbst anpackte und sie der staunenden Mit- und Nach-
Welt unverhüllt in ihrer wahren Gestalt zeigte. Das
Wirken cines solchen ManneS läßt sich nicht durch
Allegorien darstellen. Zu diesem nngenügenden Mittel
dürfte man nnr dann greifen, wenn es gar keinen
anderen Weg gäbe. Wir sindcn aber in der Geschichte
von Lessing's Leben eine große Zahl von bedeutenden
Personen, welche auf die Entwickeluug seines Geistes
theils bestimmenden, wenigstens aber fördernden Ein-
fluß austibten und alle Seiten seiner großartigen Thä-
tigkeit, sowie den edlen, einzigen Mann selbst in seinem
ganzen Wesen so überanS charakteristisch repräsentiren,
daß es den wahren Verehrer Lessing's schmerzen mnß,
diese Alle so vollständig in den Hintergrund gedrängt
zu sehen. Wir würden es in der That auf's Tiefste
beklagen, wenn man, wie das auch am Schaper'schen
Sockel geschehen ist, Lessing's Freunde und Geistes-
Verwandte mit einigen mageren, nichtssagenden Me-
daillvn-Porträts abfinden wollte, anstatt sie in ver-
ständnißvollen Gruppen zu vereinigen.

Und nun noch ein Wort über die Figur Lessing's
selbst, wie sie uns in dcn Entwürfen von Siemering
nnd Schaper vorgeführt ist. Das Preisgericht hat
Lctzterem den ersten Preis zuerkannt und seinen Ent-
wurf zur Ausführnng empfvhlen. Jn der Motivirung
heißt es:

„Die sitzende Figur ist als eine in hohem
„Grade gelnngene künstlerische Leistnng zu be-
„zeichnen.

„Dieselbe ist auch schon um deswillen glücklich
„gewählt, weil damit die direkte Konkurrenz mit
„dem allgemein als mustergültig anerkannten Riet-
„schel'schen Standbilde vermieden wird.

„Der geistige Ausdruck der Figur ist völlig
„befriedigend und bringt in eminenter Weise das
„Wesen Lessing's als Dramatiker and Kritiker zur
„ Anschauung."

Dieser Ausspruch ist es vornehmlich, welcher uns
beim Preisgericht das volle Verständniß für Lessing's
ganze Größe vermissen läßt. Schaper hat Lessing
sitzend dargestellt, und zwar, wenn wir die unan-
genehmen Linien der gekreuzten Beine in Abzug bringen,
in wirklich meisterhafter Weiss. Darin stimmen wir
mit dem Preisgericht vollkommen überein. Aber die
Sache ist: Lessing darf nnd kann nicht sitzend
dargestellt werden. Das widerspricht seinem ganzen
Wesen, seinem ganzen Wirken, seiner ganzen Persön-
lichkeit auf das Entschiedenste. Er, der sein ganzes
Leben lang immer auf der Warte gestanden hat, immer
kampfbereit, immer schlagfertig; er, von dcm jeder
Federstrich die volle Kraft nnd Energie seines gewal-
tigen Geistes kennzeichnet; er, der so fest, so selbstbe-
wußt auf seinen Füßen stand, als nur immer Einer,
so daß wir in dieser Beziehung nur Luther ihm ver-
gleichen können; — er, Lessing, — sitzend! Man versuche
es doch, Luther sitzend zu bilden! Den sanften, schüch-
ternen Philipp Melanchthvn mag man ruhig auf einen
Stuhl setzen, wenn man durchaus sitzende Denkmäler
haben will; auch Goethe, Schiller, Klopstock u. s. w.
könncn allenfalls so gedacht werden; der schweig-
same Schlachtendenker Moltke mag sich den Sitzenden
zugesellen! Aber wer wollte es wagen, etwa Blücher,
oder Seidlitz, vder den Freiherru von Stein sv dar-
zustellen? — So schön, so meisterhast die Schaper'sche
Figur auch ist, so vornehm, sv bedeutend in ihrer
Haltung, — ein Lessing ist sie uns nicht und kann sie
uns nie werden, denn ein sitzender Lessing ist un-
möglich!

Aber noch ein anderer Punkt ist hervorzuheben.
Das Preisgericht sagt von der Schaper'schen Figur,
sie bringe „in eminenter Weise das Wesen Lessing's
als Dramatiker nnd Kritiker zur Anschauung". Gut;
allein das genügt uns bei Weitem nicht. Johannes
Scherr sagt in „Schiller und seine Zeit": „Vvn Lessing
zn reden, vermag ein Deutscher nicht, ohne daß ihm
das Herz aufginge". Dieser wundervoll treffende Aus-
spruch voll tief ernster, sinniger Bedeutung, — wem
gilt er? Dem Dramatiker nnd Kritiker? Ganz gewiß
nicht! Damit kann Scherr diesen Ausspruch nicht gut
machen. Er gilt vielmehr Lessing dem Menschen!
Nicht dem Dramatiker, welcher den Nathan schrieb,
sondern dem Menschen, welcher dieses Hohelied reinster
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