Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur. — Kunstvereine.

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mit der Schminke heraus! Auf geschininkte Gesichter
sollte sich cin Maler überhaupt uicht einlasscn; jedenfalls
darf das Nnß'sche Bild ohne seine Etignette nicht einen
Schritt über die Gasse machen, ja sicherheitshalber sollte
der Titel des Bildcs gleich mit auf die Leinwand ge-
malt werden, damit cr da so lange dorhalte, wie das
Bild lebt. — Robcrt Ruß, der Bruder des ebenge-
nannten Künstlers, hat drei Landschaften ausgestellt, die
durch ihre brillante Technik bestechen, ohne jedoch ein
nachhaltiges Jnteresse erwecken zu könncn. ES dürften
nunmehr an zehn Jahre sein, seit Rob ert Ruß durch
seine Eisenerzer Bilder die ersten sensationellen Erfvlge
erzielte, nnd wir kvnnen nicht sagen, daß er scither
cinen nennenswerthen Fortschritt gemacht hätte. Es
scheint, daß er seine Bestrcbungen seit jener Zeit fast
ausschließlich auf die Erreichung einer stupenden Pin-
selfertigkeit gerichtet hat, ohne sich lange mit der Er-
gründung des Gcheimnisses der Stimmnng und des
Farbenzaubers aufzuhalten.

Bon Wertheimcr finden wir cinen lebensgroßen,
etwa zehnjährigen Knaben, dcr hinter einem Vorhang
mit cinem Glase Wasser in der Hand lauert, um den
zunächst Eintretenden meuchlings anzuschütten. Der
Katalog belehrt uns, dnß das ein Porträt sei. Wir
brauchcn uns wohl nicht in Untersuchungen darüber zu
vertiefen, vb eine svlche Ansfassung bei Porträts — und
handle es sich anch um Kinderporträts — zulässig sei
oder nicht. Ein „Faust" desselben Künstlers führt uns
den Gedankenhelden in ziemlich ungenügender Gestalt
vor. Grützner schildert cine „Klvstcrwcinlese"; das
Bild ist mit demselben Humor gemalt, der seine früheren
Wcrke auszeichnet, hat aber Vvr diesen cine gediegenere
Tcchnik voraus. Schönleber ist durch eine sehr
wirkungsvolle Landschaft: „Küste von Hiddensö", und
Prof. Griepenkerl durch drei solid gemalte lebens-
volle Bildnisse vcrtreten. — Damit hätten wir unsere
Wanderung durch den ersten Saal beendigt. Nächstcns
von dem Uebrigcn! Balduin Groller.

Aunstliteratur.

x. Von dcm Textbuche zu Seemauu's knnsthistorischcn
Bilderbogcn ist nunmehr das erste Heft erschienen, welches
sich mit der Kunst des Alterthums befaßt. Der ungsnannte
Verfasser, der sich in Allem als ein gründlicher Sachkenner
kundgiebt, hat stch nicht etwa darauf beschränkt, Tafel für
Tafel und Bild für Bild mit einem trockenen Commsntar
zu versehen; er hat vielmehr die Form einss kunstgeschichte
lichen Leitfadens gewählt, und damit, ganz abgesehen von
seiner besonderen Aufgabe, ein längst vorhandenes Bedürfniß
befriedigt. Knapp in der Form und klar in der Darstsllung,
ist dis Arbeit in ihrer Art ein kleines Msisterwerk, dessen
Urheber sich in einzelnen Ausführungen, namentlich bei dem
mit besonderer Vorliebe behandelten Abschnitt über das
antike Kunsthandwerk, als ein Mann von reifsm Urthsil und
selbständigen Jdeen kennzeichnet. Von einem so trefslichen
Führer begleitet, werden die „Bilderbogsn" srst den rechten
Nutzen stiften können. Hoffentlich lassen die beiden noch in
Aussicht gestellten Hefte, welche die Kunst des Mittelalters und

der neueren Zeit bshandeln sollen, nicht zu lange auf sich
warten. — Bsigegeben ist dem ersten Hefte ein Künstler-
und ein Ortsregister für die gesammte Folge der „Bilder-
bogen", eine Zugabe, welche allen Besitzern derselben nur
willkommen sein kann.

« Monographie über Wenzcl Iamißer. Jm Verlage
von Paul Bette in Berlin erscheint demnächst ein von Prof.
Bergau herausgegebenes Werk mit stwas über hundert
Tafeln: „Wenzel Jamitzer's Entwürfe zu Prachtgesäßsn in
Silber und Gold", welches eine möglichst vollständige Samm-
lung von guten Nachbildungen aller Blätter des sogenannten
Meisters vom Jahre lSSl und jsner Radirungen, welche
Virgil Solis uach betreffenden Zeichnungen dss Goldschmieds
ausgeführt hat, enthalten wird. Da alle diese Kupferstiche
jetzt überaus selten, wohl kaum in irgend einer Sammlung
vollständig beisammen sind, mußten die Originale für diese
Publikationen aus den verschiedensten öffentlichen und pri-
vaten Sammlungen zusammengeholt werden.

Aunstvereine.

Der Barmer Kunstverein hat nach den Angaben seines
vor Kurzem veröffentlichten 13. Jahresberichtes auch im ver-
flossenen Jahre trotz der schlechten Zeiten im Ganzen recht
befriedigende Erfolge erzislt. Die Anzahl ssiner Mitglieder
hat sich zwar zum ersten Male ssit dsm Bestehen des Vereins
vermindert (von 1311 auf 1272) und der Besuch der Ge-
mälvsausstellung war ebenfalls geringer als in dem Vor-
jahre, allein die Verminderung war nicht so bsdeutend, daß
dadurch die bisherige erfolgreiche Wirksamkeit des Vereins
wesentlich beeinträchtigt wurde. Auf dis Beschickung dsr
vorjährigen Ausstellung und, was als ganz besonderS er-
freulich hervorgehoben zu werden verdient, auf den Ankauf
von Gemälden durch Private hatten die Zeitvsrhältnisse
keinen störenden Einfluß. Es waren im Ganzen 440 Kunst-
werke ausgestellt, also mehr als je zuvor, darunter recht
viele durch Größe und Kunstwerth hervorragende. Da die
Ausstellung bishsr in der Kunst-Chronik noch nicht besprochen
wurde, möge es gestattet sein, bei dieser Gelegenheit nach-
träglich einige dsr bedsutendsten ausgestsllten Bilder kurz
zu erwähnen. Zu diesen gehört vor Allem das umfang-
reiche Bild von Hugo Louis: „Junius Brutus zeigt dem
Volke von Collatm die ermordete Lucretia", ein Historien-
bild im wahrsn Sinns dss Wortes, das, wenn es auch in
der malerischen Durchbildung noch Einiges zu wünschen ließ,
doch durch die lebendige Auffassung, durch die ergreifende
Wahrheit des Ausdrucks und durch die schwüle Stimmung,
wis vor einem drohenden Gewitter, die sich über die Volks-
versammlung ausbreitete, die historische Bedeutung des Vor-
gangs vollständig vergegenwärtigte; ferner das große Rund-
bild von M. Grönwald „Wieland der Schmied", auf dem
neben diesem mythischen Schutzpatron der Grabschmiede be-
sonders die schöne Riesentochter dem Charaktsr der nordischen
Sage recht gut entsprach; dann „der gefesselte Promstheus"
von O. Seitz, der die verzweifeltsn Anstrengungen des Ti-
tanen zur Befreiung von seinen Fesseln und seinen grauen-
vollen Qualen in höchst realistischer Weise zur Darstellung
brachte. Erfreulicher jedoch war die „Lorelei" von W. Kray,
die „schönste Zungfrau", auf hohem Rheinfelsen vom Abend-
sonnenschein umflossen, in der sich der Zauber der Schön-
heit in seiner dämonischen Gewalt offenbarte. Großes Jn-
tsresse erregten, auch fchon durch ihrsn Gegenstand, üie
„Abführung Napoleon's bei Sedan durch Bismarck" von
W. Camphausen und der „Einzug der Deutschen in Orleans"
von L. Braun, von dsnen letzteres besonders durch die glück-
liche Benutzung der verschiedensn Beleuchtungsmotive eine
vortrefflichs Wirkung hervorbrachte. Durch lebendigen Aus-
druck und drastische Wirkung der Kontraste übtsn eine große
Anziehungskraft „Lavoisier's Verhaftung" von L. von Langen-
mantel und „Götz von Berlichingen" von B. Knüpfer.
Unter den Genrebildern fanden besonders „Jm Herren-
stübchen" von E. Schultz in Düsseldorf, frühsr in Barmen,
und die „Rückkehr vom Schützenplatze" von A. Lüben durch
die lebensvolle Darstellung des gemüthlichen kleinstädtischen
Philisterlebens wohlverdienten Beifall, das letztgenannte
namentlich durch eine reiche Fülle übersprudelnden Humors;
ferner durch koloristischen Reiz und sorgfältige Ausführung
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