Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die ersts Pariser Aquarell-Ausstellung.

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doch in der Volksvertretung vierzig Stimmcn gcfunden,
wclche diesen Kunstmord in Permanenz erklären.

Was aus alledem mit trauriger Gewißheit hervor-
zugehcn scheint, ist, daß man in einem solchen Lande
es aufgeben muß, künstlerisches Leben wecken und för-
dern zu wollen. Vergeblich! Die Folgcn freilich werdcn
für die Kultur des Landes nicht ausbleibeu. Die
jungen Kunstschulen von Karlsruhe und Weimar haben
nns bereits überflügelt, weil ihnen Raum, Licht und
Freiheit geboten wird, ebenso wie dic neuen Knnst-
gewerbcschulen vou Karlsruhe, München, Nürnberg,
und viele andere im Sinnc der Zeit nnt Klarheit und
Entschiedenheit fortschreiten, während die einst gerühmten
württembergischen Fortbildungsschulcn eincn immer be-
denklicheren Grad von Plan- und Stillosigkeit in ihrer
Leitung und ihrcn Leistungen an dcn Tag legen. Was
das Land in dem großen Wettkampf menschlichen
Strebens nnd Schaffens auf dem gewerblichen Gebiete
durch den in Permanenz crktärten Kunstmvrd an An-
sehcn und Wohlstand einbüßen wird, werden wir bald
genng erlebeu. Sv. Lübke.

Dic erste jDariser Aquarell-Ausstellung.

Die „Looists äss nqunrsllistss IrnnpLis" in
Paris ist dem Beispiele ihrer englischen und belgischen
Genossen gefolgt und hat in der Rne Laffitte die erste
eigene Ausstellung ervffnet. Wohl zählt sie nur einen
engen Kreis von Mitgliedern, aber es sind fast lauter
Künstler, deren Name einen guten Klang hat und deren
Begnbung fiir das Aquarell bisher im „Salon" nicht zur
vollen Geltung kam, weil ihre eigenartigen Schöpfungen
unter der Fülle des Unbedeutenden verschwanden.
F. L. Franpais, Jules Jacqnemart und Jsabep, De-
taille, de Beaumont und die beiden Leloir, Heilbuth,
Lambert und Vibert stehen an der Spitze, die Land-
schaft, das Genre- und das Schlachtenbild sind ver-
treten, und diese erste Ausstellung berechtigt zu der
Hoffnung, daß eine lange Reihe nachfolgen werde.

Gleich beim Eintritte fühlte man sich sn kamills;
die Wände zweier mäßig großer Räume genügten für
die eingesandten Arbeiten, und auch der Zufluß der
Besucher concentrirte sich im Mai und Juni anf den
„Salon", so daß die Rue Laffitte nur von wirklichen
Kunstfreunden aufgesucht ward. Jhres Werthes be-
wußt, verschmähte die Gesellschaft jene Posaunenstöße
und Paukenschläge, welche den „Inäsxsnännts" in der
Avenue de l'Opöra Tausende zuführte.

Franpais, der Meister in der Landschaft, hat
der Ausstellung durch sechs seiner Aguarelle ein statt-
liches Ansehen verliehen. Das „Ende des Winters",
wo der goldene Sonnenuntergang, das Nahen des
Lenzes verkttndend, durch die Zweige bricht, nnd „Früh-

lingsanfang im Thale von Cernay", zartes jungfräu-
liches Grün und blüthenübersäte Obstbäume, sind seiner
Hand würdige Werke. Bei dem „Waschbassin in
Douaruenez" fällt wiederum dcn sich über das Wasser
neigenden, schattenspcndenden Bäumen der Löwenantheil
des Jnteresses und der Ausführung zu. Eine kleine
ovalc „Ansicht von Tivoli" ist besonders fein und an-
mnthig. Jules Jacguemart zieht dic Städteansicht,
Parkeinblicke oder große Landschastsbildcr vor, welche
er mit raschen kühnen Strichcn sast skizzenhaft hin-
wirft. Er hat nicht weniger als neun Ansichten von
Paris, Nizza und Mentone im Kreise. Unser LandS-
mann Heilbuth vereint das Genre mit der Land-
schaft; anmnthige Fraucngestalten ruhen hier behaglich
nuter Bäumen „am Ufer" des Flusses, unweit des
kleinen Bootes, und halten dort am Strande „zu
Saint-Adresse" Siesta auf der Düne. Der Künstler
führt uns auch in die „Billa Borghese" und stellt uns
„römische Waisen" vor. Jourdain's Manier ist ähn-
lich, sein „un eonp äs inain s. v. q>." zeigt in der
männlichen Gestalt, welche den Nachen iu das Wasser
zu schieben sucht, Kraft und Bewegung. „vspart
ponr la psolis", von H. Baron, behandelt fast das-
selbe Thema; cin jnnges Mädchen reicht der schon im
Boote befindlichen Gesellschaft noch eine dickbauchige
Flasche nach und stützt sich dabei, in gefährlicher, über-
aus naturgetreuer Stellung, auf dcn hülfreichen Stamm
der alten knorrigen Weide, deren Aeste über das Wasser
hinabreichen. Blane Flut und heller Himmel, lustige
Gesichter und bunte Tviletten sind stets willkommene
Dinge für den Aguarellisten. „Oiis^ nn üna^sr"
und „sli62 un soulptsur" fesseln durch Zeichnung und
Kolorit; trotzdem darf mnn dabei nicht an Alma
Tadema's gleichnamige Pendants denken. B eau m o nt's
„ports ä'un stuäiant", mit der Hasenpfote an der
Kordel und der daran befestigten Rose, greift in die
Zeit der Grisette zurück. „O'sst äoinmaAs, Nnris"
steht als Erläuternng des Blumengrußes mit Kreide
in ungeübten Hieroglpphen auf der Thür. Das Bild
gehört Alexander Dunias' Galerie an, wie überhaupt
ein großer Theil der Aguarelle aus dem Privatbesitze
hergeliehen ward. st Lsbs" ist weit affektirter,

auch giebt Baron seinen Gesichtern leicht einen zu
rothen Schimmer.

Mit Detaille treten Humor und Leben in die
Arena, Säbelgerassel ertönt und ein derber Fluch von
bärtiger Lippe klingt dazwischen. Sein „vsmsimAS-
insnt intsrroinpu" zeigt diebische „vrussisns", welche
Betten als gute Beute für die müden Glieder an-
sahen, und die zum Fächerschmucke gruppirten Pen-
dulenfreunde entlocken selbst jedem unbefangenen Deut-
schen ein Lächeln. Das wüste Treiben des „Barrikaden-
baues" weiß er im engen Rahmen zur Geltung zu
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