Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstausstellung in Florenz.

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cs für einen Berichterstatter gar keine gewagte Auf-
gabe ist, über ein svlches Fest einen glänzcnden Bericht
zn schreiben, ohne dabei gewescn zn sein.

Aber welche Fülle von neue» nnd frapstanten
Motiven weiß der grvße Hnmvrist und Menschen-
kenner, der selbst ein ständiger Besucher svlcher Feste
ist, aus diesem scheinbar so wechsellosen Meer Vvn
Alltäglichkeiten herausznfischen. Wie oft haben wir
ihn gesehen, wie er seine blitzenden Augen durchbohrend
a»f die hin- nnd herwogende Menge einer Ball-
gesellschaft richtete! Da hat cr scinem bewundernngs-
wnirdigen Gedächtniß die Studien eingeprägt, die er
auf seinem figurenreichen Bilde so überraschend vcr-
werthet hat.

Links im Vvrdergrnnde sehen wir einen hohen
Offizier, der eben einen kaltcn Trnnk genommen hat.
Um seinen Magen nicht in Gefahr zu bringcn, hält
er den Schluck noch in der hohlen Wange znrück, bis
er eine angemeffene Temperntur gewvnnen. Eine solche
Figur zu erfindcn nnd mit so köstlicher Natnrwahrheit
durchznführen, ist nnr Menzel im Stande. Fortnny
wäre ihm vielleicht am nächsten gekommen, wenn in
seiner Kunstrichtung nicht zu sehr das satirische Ele-
ment die Oberhand gehabt hätte. Nicht minder kvstlich
ist einc Figur in der Nähe des Generals, ein Gerichts-
rath, der, um sein Glas in Ruhe zu schlürfen, den
nnbeguemen zweispitzigcn Hnt zwischen die einwärts
gebogenen Kniee geklemint hat. Oder die Dame in
kvstbarem Atlasgewandc mit endloser Schleppe, Ivelche
ai» Arme eines Herrn in den Saal hineinrauscht und
natürlich sofort mit cinem Ballgast, der sich nicht beson-
ders in Acht nimmt, in Collision gcräth. Die Mitte des
Vordergrundes nimmt eine Gruppe von Damen in
kostbaren Toiletten cin, wclche sich anf Sessel nieder-
gclassen und einen Cercle gebildet haben, welcher fleißig
von Cavalieren umschwärmt wird. Eine andere Gruppe,
die sich ganz auf der rechten Seite des Bildes in cinem
leichten Halbdunkel verbirgt, ist vielleicht die Krone
des Ganzen, wenn man sich einmal dazu versteht, das
Bild in Einzelheiten zn zerreißen, statt es anf seine
Gesammtwirkung zu betrachten. An der Seite einer
snngen Dame sitzt in nachlässiger Haltung ein junger
Diplomat, dcr Vertreter Spaniens, Portugals oder
einer sndamerikanischen Großmncht, augenscheinlich ga-
lante Worte mit seiner Nachbarin wechselnd. Ein
korpulenter Seeoffizier, der dritte im Bunde, vielleicht
der Gemahl der Dame, wendet dem Paare halb den
Rücken, offenbar höchst mißvergnügt über den beengenden
Einfluß seiner Uniform und die Temperatur des
Saales.

Das sind einige dürstig geschilderte Blüthen ans
cinem üppigen Strauß. Wie sich die nnzahligen Fein-
heiten der holländischen Sittenmaler, mit welchen

Menzel allein zu vergleichen wäre, nicht in Worten
crschöpfen laffen, so muß anch hier das Wvrt um so
mehr versagen, als sich das gesellschaftliche Leben,
welches der Maler des nennzehnten Jahrhunderts nnt
dem Scharfblick dcs Psycholvgen und dem Weitblick
des Kulturhistorikers schildert, fast in's Unendliche ver-
breitert und vertieft hat. , Adolf Rosenberg.

Aunstausstellung in Florenz.

Eincn sonderlich befriedigenden Gesammtcindrnck
zu cmpfangen, darf der Besuchcr moderner italienischer
Kunstausstellnngen in der Regel leider nicht erwarten;
selten dürfte man indeß einer so trostlosen Enttäuschung
anheimfallen, wie angesichts der gegenwärtig in Florenz
von der „Looistn ck'inoornAAiauiönto äolls bollo nrti"
gebotenen. Das Mißbehagen, wclches dieselbe hervor-
rnft, wird gesteigert durch die Erwägnng, daß man
es nicht etwa lediglich oder auch nur überwiegend mit
Erstlingsversuchen zu thun hat, sondern daß unter den
Ausstellern nicht weniger als siebzehn yrokss8ori, Bild-
hauer und Maler, siguriren.

llm mit den ersteren zn beginnen, so genüge es,
die Titel einiger Skulpturwerke anzuführen, um we-
nigstens das Stoffgebiet zu bezeichnen, dem sie ange-
hören: „Großvaters Pfeife" — ein nackter Knabe von
Lncchesi — „Die ncuen Schnhe" — ein kleines
Mädchen von Lori — „Ohnc Gedanken" (noiusu st
omsn!), ein lächelnder Knabenkopf, den der Künstler,
Prof. Trojani, mitsammt dem Hnte praktischer Weise
noch für eine Gipsfigur, einen Mandolinenspieler,
unverändert verwerthet hat, ein Terracottarelief mit
dem an Hübner'sche oder Conrbet'sche Sensations-
gemälde gemahnenden Titel: „Die Gebrechlichkeit zu
Fuß nnd die Gesnndheit zu Wagen" n. s. w. — Be-
achtung verdient höchstens unter den etwa dreißig
Nummern, deren Beschreibung wir nns ersparcn dürfcn,
eine durch ein feines Köpfchen nnd cine tüchtige Be-
handlung des Nackten ausgezeichnete sitzende Psyche
von Mencarelli.

Von den Oelbildern — ungefähr 250 an Zahl
— kann nnr eine verschwindende Minderheit Anspruch
auf das Prädikat halbwegs anständiger Mittelmäßig-
keit erheben; die große Maffe entzieht sich jeglicher
Qnalifikation, und namentlich die Landschaftsmalerei
ist durch Leistungen vertreten, von denen man in der
That nicht begreift, wie sie in einer Stadt wie Florenz
der Oeffentlichkeit preisgegeben werden dürfen. Dahin
gehören, um nur das Aeußerste zu bezeichnen, zwei
Gemälde von cincm gewiffen Camillo Pifsarro, das
eine, wie der Katalvg besagt, eine in Frankreich nach
der Natur gemachte Studie; dieselbe führt uns eine
Wiese vor, auf der Grün, Gelb nnd Violctt in ciner
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