Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Pariser Salon.

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uni dem Königsplatz eine klare architektonische Um-
grenzung zu geben.

Jn Bezug auf die ästhetische Wirkung weniger
günstig ist der zuerst bei der großen Konkurrenz in Aus-
sicht genommene Platz, auf welchem die Raczynski'sche
Bildergalerie steht, dagegen hat dieser den Vorzug,
daß er der Stadt wesentlich näher liegt als die anderen
hier besprochenen Plätze. Auch dieser Platz ist auf ein
gegenüberliegendes Parallelgebäude angewiesen, kann
aber, wie schon bemerkt, durch Einsügung einer neuen
Achse von der Nordseite-einen besonders schönen Ab-
schluß erhalten, wenn auch die Hauptfront immerhin
nach dem Königsplatz zu richten sein würde. Bei der
seitlichen Lage zur Siegessäule würde hier das Gebäude
auch wohl noch näher, als von der Reichsregierung
vorgeschlagen ist, an die Siegessäule. heranrücken kvnnen,
wenn dieses auch nach erfolgtem Ankauf von Privat-
grundstücken uicht gerade nothwendig ist.

Um das Urtheil noch einmal kurz zusammen-
zufassen, würde dasselbe so lauten:

Der Raczynski'sche Platz ist in archilektonischem
Sinne durchaus annshmbar und liegt der Stadt am
nächsten, ist aber der am wenigsten schöne; der Platz
nördlich des Königsplatzes ist bei wesentlicher Er-
weiterung über die Bismarckstraße hinaus sehr schön
und achsial und hat gewisse ästhetische Vorzüge, liegt
aber der Stadt gleichwie der Kroll'sche Platz wesent-
lich ferner; der Kroll'sche Platz endlich theilt aller-
dings letzteren Fehler, gestattet aber dafür eine freiere
künstlerische Bewegung als bei den anderen der
Fall ist und schließt sich am besten der Straße „Unter
den Linden" an. Alle drei Plätze sind unter den vor-
geschlagenen Modifikationen gleich geeignet für ein
monumentales Gebäude ersten Ranges.

Berlin, im August 1879. Orth.

Der jDariser 5alon.

III.

Die bedeutenden französischen Landschaftsmaler
sind dem Salon am treusten geblieben und auch die
frcmden Gäste zeichnen sich auf diesem Gebiete vortheil-
haft aus. F. L. Franyais vertritt die alte Garde
durch cine vortreffliche stimmungsvolle Landschaft: „Das
Thal von Rossillon bei Morgenbeleuchtuug". Der „Alte
Mühlteich bei Montoire" von der Hand seines her-
vorragenden Schülers Busson wirkt angenehm er-
frischend nach der Rundschau unter den historischen
Sensationsgemälden der Ausstellung; die Natur kennt
kcine Pvlitik und keinen religiösen Parteigeist, ihre
Poesie ist unter der Nepublik dieselbe wie unter dem
Kaiserthume, und zu ihrer Wiedergabs bedarf es nur
eines offenen Auges und einer geübten Hand neben

dem inneren Verständnisse für ihre Schönheit. Lang-
sam wandeln Bnsson's Kühe am Waldesrande hin,
man glaubt ihr behagliches Brüllen in der stillen
Abendluft zu vernehmen, und ihr Gcsammttypus bleibt
gleich fern von den salonsähig aufgestutzten Thieren
eines Verboekhoven und der übertrieben realistischen
Ausfassung des Zürichers Koller, bei dessen sonst so
schvnem, 1876 in München und 1878 in Paris aus-
gestelltem „Gewitter auf der Alm" man allen Schmutz
der Gebirgsweide und zwar noch etwas mehr als ge-
wöhnlich mit in den Kauf nehmen muß. „Die
Sümpfe von Hautebut", vier beim Sonnenuntergange
von der Weide heimkehrende Kühe auf einfach schönem
landschaftlichen Hintergrunde, von dem jungen Lothrin-
ger L. Barillot wurden, als Ermuthigung zu weiterem
Streben, vom Staate erworben. Das Pendant dazu,
„Der Pachthof von Onival", zeigt dieselben Kühe
unter den schattenspendenden Obstbäumen nnweit des
Bauernhauses. Echte Schafe schuf Vaison in einem
umfangreichen, fleißig ausgeführten Thier- und Land-
schaftsbilde aus seiner südlichen Heimat: „Proven-
yaler Schafe auf der Weide". Der Holsteiner Schenck,
ein Schüler Cogniet's, brachte Humor in das Thier-
bild; sein „Strohwisch", wo der treue Hund die Grenze
des verbotenen Gebietes mit Gewissenhaftigkeit gegen
seine lüstern andrängenden und über das plötzliche
Hinderniß verblüfften Schutzbefohlenen vertheidigt,
wirkt unendlich komisch. Der Belgier van Leem-
putten führt uns in den „Schafstall", sein Lands-
mann van derMeulen in den „Hundezwinger", beide
Arbeiten sind wohlgelungen. Die Landschaft ohne
Staffage kam außer Mode, auch Segs, der Meister
der „Eichen von Kertregonnec" im Luxembourg, brachte
im Vordergrunde seines hellen lachenden Einblickes in
das „Thal von Courtry" einen seine Sense dengelnden
Schnitter an, obgleich die kleine Gestalt auf der großen
Leinwand fast verschwindet. Mit Freude begrüßtsn
wir in Lavieille's „Ulmen des Rocher Besnard"
eine Reminiscenz aus der Vergangenheit der älteren
französischen Schule, deren Atelier und Heimath der
Wald von Fontainebleau war. Die romantische „Bucht
von Douarnenez bei Ebbe" und die „Fluth zu Gran-
ville" lieferten dem talentvollen Vendeer Lansyer
den Vorwurf zu zwei Kolossalgemälden. Karl Dau-
bigny, — wer gedächte nicht mit Wehmuth dvr neun
im vorigen Sommer auf deni Marsfelde vereinten
Werke seines entschlafenen Vaters, — bestrebt sich mit
guter Aussicht auf Erfolg in dessen Fnßtapfen zu treten;
sein Wald am Meeresufer bei Sonnenuntergang „Aus
der Umgebung des Pachthofes St. Simeon bei Honfleur"
bezeichnet einen neuen Fortschritt auf der eingeschlagenen
Bahn. Bernier fchwebte wohl der große Erfolg,
welchen das „Alte Gitter" des Engländers Walker auf
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