Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Der Platz für das deutsche Reichstagsgebäude,

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punkt mehr für das Reichstagsgebäude 'gewinnen
würde, während dasselbe bei einem Standpunkte vor
der Siegessäule und selbst in der ganzen Sieges-
allee erdrückt würde, wie dieses von Bohnstedt richtig
hervorgehoben wird. Es ist auch bei dem interessanten
Konkurrenzprojekte dieses Architekten der Hauptge-
bäudekörper nicht wesentlich höher als der Unterbau
der Siegessäule, welcher dabei von der Siegesallee
aus den mächtigen triumphbogenartigen Pvrtalbau
fast ganz decken würde.

Dabei steht die Vordersrvnt des Alsenplatzes in
merklicher Weise schiefwinkelig zur Platzachse, und die
Front des ReickStagsgebäudes würde diesen schiefen
Winkel beibehalten müssen. Wenn auch eine architek-
tonische Lösung trotz dieses mißlichen Umstandes nicht
unmöglich ist, so ist sie doch sehr erschwert; jedenfalls
würde der schiefe Winkel zur Schvnheit des Platzes,
welcher in der einen Seitenfrvnt über 10 Meter breiter
ist als in der anderen, nicht gerade beitragen.

Zudem ist der Alsenplatz für eine zweckmäßige
und schöne Lösung des Grundrisses von zu geriuger und
anch von geringerer Tiefe, als dieses bei der Neichs-
tagökonkurrenz als zweckmäßig angenommen war.

Es läßt sich allcn diesen Ucbelständen aber sehr
wohl abhelfen, wenn man Las Reichstagsgebäude über
die Bismarckstraße hinüber verlegt und die bezüglichen
Häuser ankauft. Jn diesem Falle würde sich an der
Nordseite des Königsplatzes für das Reichstagsgebäude
ein sehr schöner Platz schaffen lassen, wclcher zugleich
nahezu die Achse von Siegesallee, Königsplatz nnd
Siegessäule einnehmen würde. Wenn dabei auch zu
bcdauern wäre, daß der Durchblick von der Alsen-
brücke zum Königsplatz, wvrauf ich grvßes Gewicht lege,
verloren geht, so siele dies dvch gegen den Vortheil,
einen schönen Platz für das Reichstagsgebäude in er-
hvhter Lage gegen Len Königsplatz zu erhalten, nicht
in's Gewicht. An und für sich ist die jetzt vor-
handene, besonders großartige Straßen- und Platz-
anlage zwischen Thiergartenstraße und Humboldtshafen
so schön entwickelt, daß man sie ohne genllgenden Grund
ungern aufgiebt.

Es ist demnach der Alsenplatz, welcher, von der
Straße abgesehen, dem Kronfiskus gehört, sür das
Reichstagsgebäude uur bei einer sehr wesentlichen Er-
weiterung zu empfehlen, welche gestattet, dasselbe von
der schiefen Front des Königsplatzes, soivie von der
mächtigcn Siegessäule wesentlich zu entfernen.

Von hervorragenden Architekten seit langer Zeit
am meisten empfohlen ist der Platz, auf dem das
Kroll'sche Etablissement steht. Dieses müßte dann mit
seinen Gebäudeanlagen ganz angekauft werden, jedoch
vhne die Bodenfläche, welche dem Kroiifiskus gehört.

Da der Platz zur Seite der Hauptachse des Königs-
platzes liegt, würde es nöthig sein, die gegenüber-
liegende Seite ebenfalls in einer mehr monumentalen
Weiss zu bebaucu, als dieses jetzt der Fall ist. Dvch
wird es schwer sein, feit das Reichsgericht nach Leipzig
verlegt ist nnd das Reichskanzleramt in der Wilhelms-
ltraße eine voraussichtlich dauernde Stätte gesnnden hat,
eine gleichbedeutende Parallele zu finden. Anderer-
seits bietet aber gerade diese Lage so bedeutende Vvr-
theile, wie sie keine andere besitzt. Kommt man aus
der Stadt vom Schloß und vom Lustgarten, dem ar-
chitektvnischen Mittelpuukt der Stadt, wo Vvraussichtlich
dermaleinst auch der Dom stehen wird, und Verfvlgt
llber die schöne monumentale Schloßbrücke hinüber die
„Linden", welche reich mit monumentalen Gebäudcn
des Staates wie mit Denkmalen besetzt sind, dann
wendet sich beim Heraustreten aus dem Brandenburger
Thor der Blick uuwillkürlich der Siegessäule zu, welchc
auf der Achse der Friedensallee sich in besvnders glück-
licher Weise darstellt. Die Friedensallee bildet sodann
den Hauptzugang für den Königsplatz. Beim Ver-
fvlgen derselben findet das Auge sein Ziel nach dcr
Seite des Kroll'schen Etablissements, sv daß hier das
Reichstagsgebäude am schönsten dem erwähnten großen
Zuge von mvnumentalen Platz- und Straßenanlagen
sich anreihen und denselben in besvnders würdiger
Weise abschließen würde.

An dieser Stelle ist außerdem, mehr als an irgend
einer anderen, eine freie Disposition für das Reichs-
tagsgebäude möglich, insofern Garten- und Park-
anlagen sich anschließen können. Man braucht nur
ein kleines Stück des Thiergartens zum Platze zu
schlagen. Die Umgebung würde hier weit mehr als
auf dem Alsenplatz für ein Monumentalgebäude ersten
Ranges sich eignen, auch würde zwischen Siegessäule
und Gebäude eine ausreichende Distanz vorhanden sein.
Zudem ist bei einer Lage seitwärts von der Sieges-
säule die Entfernung von derselben nicht in gleicher
Weise als hinter derselben nöthig, da, besonders von
der Siegesallee, der Hauptachse des Königsplatzes aus
gesehen, das Neichstagsgebäude perspektivisch dem Be-
schauer näher sein würde als die Siegessäule.

Bei dieser Lage des Neichstagsgebäudes würde
auch an Stelle eines Parallelgebäudes eine neue Straße,
annähernd in der Längenachse, auf die Mitte der Sieges-
säule von der Front des französischen Gymnasiums
an der Marschallsbrücke aus sich richtend, angeordnet
werden können, welche für den Platz eine zweite, wenn
auch weniger bedeutende, Zugangsachse in der Richtung
auf das Reichstagsgebände bilden würde. Jn diesem
Falle wiirden in dem Abstande desselben von der Platz-
mitte zwei Monumentalgebäude mit hoher Front zu
beiden Seiten dcr neuen Straße Platz sinden müssen,
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