Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstlitsratur.

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glaubt eiucm Theil seiner Kulturinission darin suchen
zu müssen, daß er uns zwingt, historische Spe-
zialstudien, mcist sehr unfruchtbarer Art zu machen.
Brozik hätte sich schon etwas Besseres heraussuchen
könneu. Die Brautwerbung Ladislaw's ani Hvfe
Karl's VII. wurde abgewiesen, sie hatte weder einc
historisch oder politisch, noch eine psychologisch inter-
essante uud bemerkenswerthe Konseguenz; es scheint,
wir bekommen das kolossale Bild nur darum zu seheu,
damit wir sehen sollen, daß sich einmal auch czechische
Abgesandte an dem franzllsischen Hofe präsentirt haben.

Die „Via Cassia Lei Rom" von Oswald Achen-
bach ist ein vorzügliches Landschaftsbild, wenn es auch
nicht zu den leuchtendsten Mustern gehört, die dieser
Meister schon für die nachstrebende Generation hinge-
stellt hat. Sonst haben wir von dieser Ausstellung
nur wenig noch hervorzuheben, so vielleicht einige kleine
humorerfüllte Genrebildchen von Hugo Kauffmann,
und ganz besonderS einige mit ungewöhnlicher Ge-
schicklichkcit, mit vieler Zartheit und Grazie modellirte
moderne Genrefigürchen von K. Sterrer. Seine „Vier
Jahreszeiten" in moderner Auffassung, sein „Heim-
kehrender Krieger", der von Weib und Kind förmlich
erdrückt wird in liebkosender Zärtlichkeit, sind aller-
liebste Leistungen. Die letztgenannte Gruppe verträgt
sogar eincn sehr ernsthaften kritischen Maaßstab; sie ist
mit einer Umsicht komponirt, mit einer weisen ökono-
mischen Fürsorge für eine gleichmäßige künstlerische
Wirkung und für Gefälligkeit der Linien bei jedem
Standpunkt, den man auch wählen möge, welche alle
Achtung verdienen.

Das Neueste ist übrigens, daß diese Ausstellung
auch bei bengalischer — Pardon! — bei elektrischer
Belenchtung gezeigt wird. Man macht im Künstler-
hause Experimente, das liebe Sonnenlicht, wenn schon
nicht ganz zn verdrängen, so doch zu ersetzen und
unnöthig zu machen. Solche Experimente schaden nun
freilich Niemandem, aber uns will es denn doch frag-
lich erscheineu, ob es einer Künstlergenossenschaft auch
würdig sei, sich in solche Experimente einzulassen, die
erstlich sich doch a priori als fruchtlos darstellen
müssen, und die weiter eigentlich sich nur wie
eine Jronie auf die Kunst der Malerei ansnehmen.
Die Maler hätten doch von vornherein wissen müssen,
eine wie unendlich heikliche, sa schier heilige Sache
für sie das ehrliche Licht des Tages sei, und sie hätten
protestiren sollen gegen Versnche, welche die Kunst pro-
faniren. So stellt sich nnserer Empfindnng nach die
Sache dar, bei aller Hochachtung, die wir dem elek-
trischen Lichte zollen. Man denke sich doch die gött-
liche Kunst eines Tizian oder Rembrandt geübt bei
elektrischer Beleuchtung — wem eine solche Vorstellung
nicht wie ein Hohn auf diese Kunst erscheint, von dem

darf man wohl sagen, daß ihm der Sinn nicht auf-
gegangen sei für das Geheimniß und den Zauber der
Farbe. Man sagt zwar, das elektrische Licht habe
vor allen anderen künstlichen BeleuchtungSarten den
Vorzug voraus, daß eS die Farben nicht verändert
erscheinen lasse. Wenn wir das nun auch im Allge-
meinen gelten lassen wollen, so will es uns darum doch
als eine ziemlich rohe Auffassung erscheinen, wenn man
meint, ein Licht, das grün nicht blau, und blau nicht
grün macht, sei darum auch schon gut, um Werken
der Malerei lcuchten zu können. Ehe in Wien niit
dem Baue des kunsthistorischen Musenms begonnen
wurde, wurde ein großes hölzernes Gebüude auf dem-
selben Platze, aus welchem das Musenm herauswachsen
sollte, errichtet, lediglich zu dem Zwecke, um einmal
genau zn erforschen, ob Oberlicht oder Seitenlicht für
eine Gemäldesammlung zuträglicher sei. Man scheute
die Kosten und Umständlichkeiten nicht, nm ein klares
Urtheil in dieser Frage zu gewinnen — und doch, wie
verschwindend gering ist der Unterschied zlvischen Sei-
ten- nnd Oberlicht im Verhältniß zu dem zwischen
dem ruhigen Tageslicht und dem fahlen, gleißenden,
irrlichtelirenden elektrischen Licht. Der Architekt des
kunsthistorischen Museums ist jetzt der Obmann der
Genossenschaft; er weiß es von dem Museum her,
wenn nicht schon länger, gewiß genau, ein wie un-
geheuer schwieriges Ding es um die Beleuchtung für
Gemälde ist. Das elektrische Licht ist bei vollkommener
Physikalischer Theilbarkeit und bei billigerer Erzeugung
sicherlich dazu berufen, große Umwälzungen in unserem
sozialen Leben hervorzurufen — aber von der Kunst,
wenigstens von der Malerei — sür die Plastik
mag es angemessen sein — halte man es ferne! Und
was ist eingestandenermaßen der Endzweck dieser Ver-
suchc? Man will womöglich auch zu abendlichen Aus-
stellungen Publikum heranziehen. Nun steht aber die
Sache so: wird nichts Rechtes geboten, dann kommt
das Publikum weder bei Tag noch bei Nacht; wird
aber für sehenswerthe Ausstellungen gesorgt, dann
wird man auch das Auskommen finden durch die Besuche
bei Tage. Macht also gute Ausstellungen, und ihr
braucht Lie ganze Elektricität nicht, die ja ohnedies nur
den Scheintod zu konstatiren, nicht aber wirklich Todtes
zum Leben zu erwecken vermag! Balduin Groller.

Aunstliteratur.

Das königlichc Schlotz zu Brühl am Rhcin. Photo-
graphische Aufnahmen nach der Natur von Her-
mann Rückwardt, kgl. Hofphotographen. Berlin
1878. Nicolai'sche Verlagsbuchhandlung (R.
Stricker.)

Eine halbe Stunde von Köln, an der Eisenbahn
nach Bonn, liegt eine Perle der Rococo-Architektur, die
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