Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstgeschichtliches.

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ital. Mal. IV, 327) käme Letzterer hier allein in Frage.
Der Katalog giebt vorsichtiger Weise dem Bilde die
Aufschrift: „Umbrische Schule". Alles erwogen, wird
man das Gemälde kaum genauer als mit „Schule
Perugino's" bezeichnen dürfen. Aus demselben Besitze
stammt die Geburt Christi vyn Botticelli. Nach
fünf nicht eben belangreichen Werken des geistreichen
und liebenswürdigen AltflorentinerS, welcher seine Zeit-
genossen vielleicht nicht mehr begeistert hat als das
englische Pnblikum, — endlich ein Meisterwerk ersten
Ranges (beschrieben bei Crowe u. Cavalcaselle. III, 176).
Originell und etwas seltsam, wie seine künstlerischen
Conceptionen, ist auch die Jnschrift, eine lange Periode,
in die mystischen Wendnngen der Apokalypse gekleidet
und dabei griechisch: „Dies Gemälde malte ich Ale-
xander am Ende des Jahres 1500, in den Unruhen
Jtaliens" u. s. W. Die Anbetung der Magier, eine
Komposition von ca. 70 Figuren, ebenfalls von Mr.
Fuller Maitland erworben, ist in der National-Gallery
noch nicht sicher bestimmt. Es ist zur Zeit nur
Filippino Lippi zugeschrieben, wobei Sandro Botti-
celli noch in Frage komnien soll. Jch halte es für ein
unverkennbares Jugendwerk des Ersteren, ziemlich die-
selbe Stufe mit Nr. 592 derselben Gallerie einnehmend,
wo ebenfalls der Einfluß des Botticelli deutlich her-
vortritt. Das Bild scheint übrigens in der früheren
Literatnr übersehen zu sein. Von neu aufgenommenen
italienischen Bildern sei noch erwähnt Las Porträt von
Francia Bigio, mit dem Monogramm des Meisters
bezeichnet, ein interessantes wohlerhaltenes Werk,
1514 datirt, ausführlich besprochen bei Crowe und
Cavalcaselle IV, 514. Aus der Sammlung Fenaroli
in Brescia wurde eine Magdalena von Savoldo er-
worben, dem bekannten Bilde der Berliner Galerie
Nr. 307: Die Venezianerin, cihnlich, aber nachstehend
(vergl. Crowe u. Cavalcaselle VI, 494). Von einer
Magdalena hat die schelmische Nachtwandlerin in Lon-
don auch nicht mehr als — das Salbfläschchen. Paolo
Veronese's Sta. Helena, aus der Novara-Sammlung
erworben, ist ein schönes, aber kein außerordentliches
Werk des venezianischen Farbenzauberers, dessen in
London untergebrachte Werke unter dem Einfluß der
russigen Atmosphäre leider ganz besonders zu leiden
haben.

Ein altvlämisches Porträt, bei Mr. Fuller Mait-
land unter Holbein's Namen, nach Mr. James Weale's
Vermuthung von Gerhart Horebout, ist unter
„unbekannt" aufgenommen worden (Nr. 1036), wäh-
rend ein anderes männliches Porträt (Nr. 1042) mit
der Bezeichnung der seltenen Malerin Katharina
van Hemessen versehen ist. Von altniederländischen
Meistern ersten Ranges besaß die Galerie bislang drei
van Epck, einen ächtcn Memliuk (neben drei unächten,

was die neueste Auflage des Katalogs eingesteht) und
eincn Rogier van der Wepden. Die übrigcn klang-
vollen Namen sind Suppositionen und auch weniger
noch. Dazu ist jetzt ein ächtes Werk von Gheeraert
David gekommen, ein Vermächtniß von Mr. William
Benoni White, während dessen Lebzeiteu es absolut
unzugünglich war. Mit dem bekannten Bild in Ronen
steht es auf der gleichen Höhe. Dargestellt ist ein
Kanonikus mit seinen Schutzheiligen. Der Biograph
des G. David, Mr. James Weale — die Kunstge-
schichte verdankt ihm alles, was über ihn bekannt ge-
worden ist, — hat bereits früher die Dokümente auf-
gefunden und publicirt, welche die Echtheit dieses
Bildes unumstvßlich darthun. Der Auftraggeber war
auch hier, wie so oft im alten Flandern, ein italie-
nischer Kaufmann, der Florentiner Bernardino de Sal-
viatis. Das Gemälde bildete übrigens mit einem be-
dauerlicherweise verschollenen linken Flügel ein Brügger
Alkarbild. I. Paul Nichter.

Aunstgeschichtliches.

lleber das Alter der Apsismosaiken von S. Costanza
bei Nom. Die beiden Apsiden - Nischen in S. Costanza
sind mit den Darstellungen des Heilands inmitten von
Jüngern geschmückt, über deren Datirung die Meinungen
sehr auseinander gehen. Wennschon nicht anziehend, haben
diese figürlichen Darstellungen doch Anspruch auf eine be-
sondere Werthschätzung, falls sie sür gleichzeitig zu gelten
haben mit den dekorativen und emblematischen, wenn auch
nicht symbolischen Verzisrungen im Tonnengewölbe des Rund-
ganges. Diese gehören anerkanntermaßen der Constan-
tinischen Zeit an, stehen also auf der Grenzscheide der heid-
nischen und christlichen Künst in öffentlichen Denkmälern. —
Plattner behauptet in dsr Beschreibung Roms (III, 2, 4L2),
jsne figürlichen Kompositionen seien unterPapstAlexander lV.
(1254—1261) ausgeführt rvorden. Schnaase setzt sie in den
Beginn des siebenten Jahrhunderts (Gesch. der bild. Künste
III, 567) und polemisirt gegen die Bestimmung der Ent-
stehung in der Constantinischen Zeit. Für das siebente Jahr-
hundert spricht sich auch neuerdings Burckhardt's Cicerons
aus <S. 800), nachdrücklich auch A. Woltmann in seinem
Handbuchi Die Malerei dss Mittelaltsrs und der Neuzeit,
S. 179. Den Constantinischen Ursprung vertreten dagegsn
Ciampini in seiner Schrift: Os suoris usäiüoiis, S. 131,
de Rossi, Crowe und Cavalcasells (Geschichte der ilal. Mal.,
deutsche Ausg. I, S. 11). Aus Grund eingehender Studien
erklürt sich ebcndahin E Müntz in Len diotss sur Iss mo-
suiciuss oüröt. äs 1'Itulis (Itsvus urollso1oAi<gus 1875),
welchem ich in meinen Mosaiken von Ravenna bsipflichtete.
Jn dem Juniheft jener Zeitschrift von diesem Jahre werdsn
von E. Müntz neuaufgefundene sehr wichtige Dokumente
publicirt, welche in dem Streit über die chronologische Frage
sehr schwer in die Waagschale zu fallen scheinen. Pomponio
Ugonio, Freund Bosio's, einer der namhaftesten römischen
Antiquare, Verfasser der 1588 erschienenen Üistoria, äslli
statinui äi Uoiua, hat in einer auf der Bibliothek von Fer-
rara erhaltenen Handschrift eine aussührliche Beschreibung
der Mosaiken von S. Costanza hinterlasssn. Die Darstellung
in der sinen Apsis wird von ihm folgendermaßen geschildert:
„Weiter oben ein Bruchtheil eines Mosaiks, bestehend in
drei Figuren; man sieht Christus in der Mitte, S. Paul
zur Rechten, S. Peter zur Linken, doch ist dessen Kopf
ausgefallen. Hier das Fragment einer Schrift, obschon
es unklar bleibt, öb sie Petrus oder Christus in der Hand
hält. Sie lautet:

6I-MV8 „
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