Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur.

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schaften, und ordnet jede dieser vier Abtheilungen fnr
sich chronologisch.

Wir haben also nicht ein, sondern oier chrono-
logische Verzeichnisse bekommen, und haben bei der
ganzen Procedur nichts gewonnen als eine neue
Nummerirung der Rembrandt-Radirungen, welche
unhaltbar, undurchsührbar und nicht einmal praktisch
zu verwenden ist. Alsred vo» Wurzbach.

Aunstliteratur.

I-ss tuxisssriss ässorntivss äu Kuräs-Nsubls

par Rä. Ouiolinrä. Isxts xar L.rmuuä

vnrosl. Paris, Baudry, 1878. Fol. (10 Lie-

ferungen zu 10 Blättern).

Zur Herausgabe dieses Werkes, das man wohl
als eine Sammlung von Urkunden zur Geschichte der
dekorativen Kunst bezeichnen darf, haben sich zwei be-
wtthrte Mttnner vereinigt. Der „Xroliitsots ätteorn-
tsur" Ed. Guichard, dem das Berdienst gebührt, die
auf dem Gebiete des Geschmackes und der Mode ton-
angebende ,,Uuiou osutruls äss Usnnx-Xrts upxli-
guss n l'Iuäustris" gegründet zu haben, besorgte die
Auswahl der schönsten Musterstücke aus der Schatz-
kammerdes dnräs-Nsubls; Armand Darcel, gegen-
wttrtig „L.äiuini8trntsur äss 6-obslius", übernahm
den Text, der, da die geschichtliche Einleitung dem
Schlusse des Werkes vorbehalten ist, sich vorderhand in
den Grenzen fachmttnnischer Beschreibung der theils
in Lichtdrucken, theils in Farbendrucken vervielfttltigten
Kunstteppiche, Gemttlde auf Seide, auf Leinwand,
Plattstickereien u. s. w. httlt. Ueber die Auswahl des
Gebotenen steht uns kein Urtheil zu, da wir weder
von dem Umsang des staatlichen Borrathes, noch von
dem Zustande der überhaupt benutzbaren Tapeten
irgend welche Kenntniß haben. Anders verhält es
sich mit der eingehenden Behandlung jedes Blattes
unter der Feder A. Darcel's; da können schon jetzt,
obgleich uns erst drei Liefernngen vorliegen, die Akten
mit einem unbedingten Lob geschlossen werden. Jeder
in der französischcn Literatur bewanderte Kunstfreund
weiß ja, wie gründlich und anziehend zugleich der
Verfasser des „Trssor äs Oongnss", der „Lxonrsion
nrtistigns sn XIIsmn^ns", der treue Mitarbeiter der
„rLnnalss arobsoloAignss" nnd der „Oneistts äss
donux-nrts" zu schreiben versteht.

Es ist bekannt, in welch genialer Weise Colbert
durch die in ttußerst kurzer Zeit bewirkte Hebnng der
Jndustrie der verschwenderischen Prachtliebe Ludwig's
XIV. in die Httnde arbeitete. Kanm zehn Jahre nach
seiner Thronbesteigung besaß das Land schvn 44,200
Webstllhle für Wolle, erzcugten die Seidcnarbciter
schvn um mehr als 50 Millivnen Francs Stoffe,

wetteiferten die französischen Spitzen, Tücher, Glas-
und Töpferwaaren mit den Erzeugnissen der am meisten
vorgeschrittenen Staaten. Der nnvergleichliche Luxus,
mit dem der junge König sich zu umgeben wünschte,
svllte dem trügerischen Glück seiner ersten kriegerischen
Erfolge entsprechen. Die Sonne begnügte sich in
ihrem Reiche nicht damit, zu glttnzen; sie sollte blenden.
Wer schickte sich hiezu besser als Maler und Weber?
Sie hatten auch vollauf zu thun, um alle Gemttcher,
Sttle und Galerien der Residenzen mit steifen, hoch-
trabenden Geschichtsbildern vder heiteren Phantasie-
gebilden zu zieren. Es galt, ungewöhnlich großeFlttchen
sinnig und sinnlich zu beleben, gleichsam zn beseelen.
Allein nicht nnr das Talent, die Uebung auch macht
erfinderisch; ein ganzes Geschlecht von Künstlern entwarf
mit erstaunlicher Leichtigkeit, eine Schaar geschickter
Schüler führte ihre Skizzen mit unglaublichem Eifer
aus. Doch selbst die leichtsinnigste Berschleudernng
aller Kunstmittel konnte nicht die Tuileries, Versailles
und all' die andern königlichen Lustschlösser gleichzeitig
dekvriren. Die Oodslins waren entmuthigt, die Nnnn-
Inotnrs äs Lsauvnis griff ihnen nach Möglichkeit nnter
die Arme, endlich wurde auch die Hilfe der „Unnu-
tnoturs ro^nls äss tnpis äs 'l'nrgnis" zu Chaillot
aufgeboten, und dennoch mußten auch in Flandern
Tapeten bestellt werden, ja man verfiel sogar, um Zeit
zu gewinnen, auf das Aushülfsmittel, auf gespannte
Seidenzeuge Tapetemnuster zu malen! Unter Ch.
Lebrun, der von 1660 bis 1690 als Direktor der
Oodslins wirkte, und unter seines Nachfolgers P. Mi-
guard Leitung lieferten die beiden Coypel, Char-
les und Nvsl, Claude Halls, Fr. Desportes,
I. B. Oudry die geistvollsten und lebendigsten Ent-
würfe, ans welchen uns der Geschmack des frivolcn
XVII. Jahrhunderts mit einer liebenswürdigen Un-
gebundenheit anspricht; doch bringen die Herausgeber
auch Bltttter aus dem XVI. Jahrhundert: Jagden nach
Bernard van Orley und einen „Triumph" nach
einem Karton Giulio Romanv's.

Die Darstellungen dieser beiden unterscheiden sich
wesentlich vvn den Vorwürfen der französischen Künstler.
Jhre Gemalde sind keineswegs speziell für den Web-
stuhl entwvrfen, gehören, wie so manche Kvmpositionen
Lebrnn's oder Mignard's, zu jenen Leistungen, die auf
der Leinwand gezeichnet und gemalt, vom Kunstweber
nur nachgebildet worden sind. Die anf svlche Art
vervielfttltigten Bilder enthalten sich sclbstverstttndlich
des reichen Beiwerks, der überguellenden architektv-
nischen und figürlichen Zierathen, der Blnmengewinde,
Fruchtschnüre, Blätterornaniente und Chimttren aller
Art und Unart, knrz all des hvlden UnsinnS und
spielendcn Uebermuthes, den wir gemeiniglich als
„Arabesken" begrüßen. Sie aber, diese launigen nnd
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