Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Middlston's chronologischer Katalog der Radirungen Rembrandt's.

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Wir müssen ihm die Fähigkeit zutrauen können, daß
er in der Lage ist, ein Gesetz für seinen Meister zu nor-
nriren und müssen überzeugt sein, daß er, wenn er
auch nicht jedes Wort mit seinem Motivenberichte be-
gleitet, diesen doch stets zur Verfügung hat, um auf
jede Jnterpellation antworten zu können. Und dies
ist der wunde Punkt des Middleton'schen Buches; er
bringt nicht nur keinen ausreichenden Motivenbericht
bei, er verfügt nicht einmal über einen solchen.

Trotz der angeführten Schwierigkeiteu ist die be-
sprochene Aufgabe für Rembrandt verhültnißmäßig
leicht, denn eine bedeutende Anzahl seiner Original-
Radirungen ist datirt, und wir haben datirte Blätter
nahezu aus allen Jahren seiner künstlerischen Thätig-
keit. Das Mißliche an diesen datirten Radirungen ist
nur das Eine, daß auch unter ihnen falsche Blätter
enthalten sind, d. h. Blätter, welche betrügerischer Weise
mit der Bezeichnung Rembrandt t'. und einer Zahl
versehen wurden. Diese Blätter müssen vor allen
anderen bestimmt und unumstößlich aus deni Werke
ausgeschieden werden, denn sie äffen uns unaufhörlich
in der Bestimmung der anderen.

Ueber diese erste und wichtigste Frage ist aber
Middleton mit sich nicht nur nicht klar, sondern er ist mit
sich überhaupt nicht einig darüber, was an Rembrandt's
Radirungen wirklich echt oder falsch ist. Allerdings
ist die Lösung dieser Hauptfrage erst das Schluß-
Resultat eines chronologischen Kataloges; aber für
denjenigen, der einen solchen publicirt, muß die Frage
bereits unabäuderlich erledigt sein. Jn diesem Punkte
darf sich keine Unsicherheit, kein Herumtasten, vor Allem
kein Rathen zeigen, sondern ein positives, fest gegrün-
detes Wissen, basirt auf die genaue Kenntniß des
Entwicklungsganges des Meisters. Von wem die
Fälschung oder das unterschobene Blatt herrührt, das
ist eine andere Frage; darüber kann man verschiedeuer
Ansicht sein; aber ob es von dem Meister, oder ob
es nicht von dem Meister ist, darüber darf der Ver-
fasser eines solchcn Katalogs nicht in Zweifel sein.
Middleton ist auch nicht in einem cinzigen Falle seiner
Sache gewiß. Sein Motivenbericht, wenn er cinen
zu geben in der Lage ist, beschränkt sich auf eine ver-
zweiselte Hin- und Her-Ratherei; in zwanzig Fällen
muß der arme Bol, in anderen zehn Fällen der gute
Livens, in weiterer Noth der wackere Vliet zu der
haltlosen Muthmaßung herhalten, daß er cs gewesen
sein könnte, von dem irgend ein Blatt herrührt; in
anderen Fällen wird noch ein vierter oder fllnfter her-
geholt; Middleton glaubt stets, nieint stets, vermuthet
stets, daß dies nicht Rembrandt's Hand sei, svndern die
eines Anderen; er glaubt es! — Ja, wenn Middleton's
Glaube nur sicher, nur überzeugungstrcu wäre, wie
irgend ciu anderer Glaube, so möchten wir ihm auch

glauben; aber so glauben wir ihm nicht nur nicht,
sondern wir sind eher geneigt, das Gegentheil dessen
zu glauben, was er sagt, und werden in den meisteu
Fällen gut daran thun.

Wir haben mit den vorstehenden Zeilen nur den
Standpunkt klar zu stellen gesucht, von welchem eine
derartige Aufgabe ausgehen muß, wenn sie den An-
forderungen genügen oder überhaupt ein Resultat
haben soll. Auf Nebenumstände einzugehen, ist un-
thunlich, weil Middleton anderer Ansicht sein dürfte,
als wir, und eine Meinungsverschiedenheit darüber,
ob ein Blatt in das Jahr 1630 oder 1640 gehört,
nicht das Geringste entscheiden kanu, sondern lediglich
gesignet wäre, das Chaos noch zu vergrößern.

Es handelt sich also um einen Prmzipienpunkt,
um einen Grundpfeiler, aus dessen Fallen oder Stehen-
bleiben sich entweder ein unbilliges Urtheil unserer-
seits oder die Unfähigkeit Middleton's, eine solche
Arbeit anzufassen, die Werthlosigkeit dieses Katalogs
und die Nichtkgkeit seiner sämmtlichen Hypothesen er-
geben muß.

Ehe wir aber an diese theoretische Erörterung
gehen, müssen wir der praktischen Seite des Buches
mit einigen Worten gedenken; wir meinen damit die-
jenige Fassung desselben, die es vom Standpunkte des
gesunden Menschenverstandes haben muß, um über-
haupt literarisch brauchbar zu sein. Es hat beinahe
den Anschein, als hätte Middleton 25 Jahre lang
darüber nachgedacht, wie er es anfangen müsse, um
sein Buch für Jedermann — auch für ihn selbst —
unbrauchbar zu machen.

Man citirt die Rembrandt-Radirungen nach der
von Bartsch, Claussin, Wilson oder Ch. Blanc einge-
führten Nummernfolge. Jeder der Gencmnten hat
eine eigene Nummerirung vorgenommen; weil dies
aber der Fall ist, hat es noch jeder Nachfolger des
Bartsch für unumgänglich nöthig gehaltcn, da er nicht
allein auf der Welt ist, seiner Nummer jene seiner
Vorgänger beizugesellen, um einen Rückwcis zu er-
möglichen, und überdies seinen Katalvg mit rückfüh-
renden Verzeichnissen versehen, um, wenn die Bartsch-
oder Claussin-Nummer eines Blattes bekannt ist, die
Ch. Blanc-Nummer zu finden. Middletvn hat nicht
nur unterlassen, die altcn Nummern anzugebcn, son-
dern sich auf ein einziges solches Verzeichniß beschränkt,
in welchem sich der Leser, wenn er Lust hat, zurecht-
finden mag; uns ist dies nicht gelungen. Nun svllte
man aber erwarten, daß Middleton sein chrvnvlogisches
Verzeichniß durchführen werde? Weit gefehlt! Er führt
es nicht durch.

Er theilt seine Radirungcn abermals nach Sujets
und unterscheidet: Studienköpfe uud Porträts, biblische
und religiöse Darstellungcn, Phantasiestücke und Land-
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