Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

Page: 235_236
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1879/0119
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
235

Korrespondenz,

236

des Erechtheions nachgebildet sind, Zehn Nischen
aus gelblich weißem Marmor beleben die mit Pavo-
nazzo zu vertäfelnden Wände, und der Fußboden ist
aus mächtigen Steinplatten zusammengefngt, Dcn
hinteren Abschluß gegen die Mittelhalle macht eine
prüchtige Thüreinfassnng, deren Gebälk nnd Dreiviertel-
Säulen aus Salzburger Marmor einst eine reich ge-
schnitzte Thür aufzunehmen bestimmt sind.

Jn der Mittelhalle selbst sieht es noch vde aus.
Zwar ist bereits einer der vierundzwanzig lolossalen,
8 Meter langen kanellirten Säulenschäfte aus rothem
Salzburger Marmor auf den Platz gekommen, und die
Hälfte der übrigen soll eben sertig sein, aber die Auf-
stellung derselben auf den steinernen Fußbodenplatten
wird erst im laufenden Jahre begonnen werden
können. Die hierfür bestimmten vierundzwanzig Stück
korinthischen Kapitäle dagegen, ans Medolinostein,
stehen vollendet in der nahen Werkstätte der Stein-
metzen. Jn den zwei hinter der Mittelhalle gelegenen
Sälen lenken einige prachtvolle Säulenschäfte aus
rothem und weißem Marmor mit einfachern ionischen
Kapitälen die Aufmerksamkeit auf sich.

Treten wir nun, zum Vestibül zurückkehrend,
hinaus vor den Haupteingang auf den Stereobat, dessen
mächtige Quadern die Säulen des Portikus tragen,
so bewundern wir zunächst die kolossalen Gewände
der 3 Meter breiten und entsprechend hohen Haupt-
thür. Ringsherum mit einer doppelten Reihe von
Blattwerk und Rosetten plastisch im Marmor verziert,
erinnern sie mit ihren Konsolen und der ebenfalls reich
verzierten Sima lebhaft an die berühmte Seitenthür
des Erechtheions, der diese Thür auch durch ihre tief
zurücktretende kräftige Profilirung gleicht. Unsere und
jedes Fachmannes vollste Bewunderung muß aber den
1,25 Meter starken Säulenschästen des großen Portikus
selbst gezollt werden, welche aus zehn Trommeln von
je 1 Meter Höhe zusammengesügt sind, die nach antiker
Weise an den Rändern vollkommen auseinandergb-
schliffen, trocken aufeinandergesetzt, bloß durch den
Steindübel festgehalten, nur einem sehr aufmerksam
suchenden Auge die Fuge verrathen; es geschah zum
crsten Male bei uns, daß in solcher Weise an einem
antikisirenden Bau anch die antike Technik wieder ge-
übt wurde. Die Trommeln sollen im Steinbruch des
Karst selbst aufeinanvergeschliffen worden sein und erst
nachdem eine Säule in solcher Weise zusammengesetzt
war, die Kanellüren erhalten haben. Auch sämmt-
liche Kapitäle, 1,50 Meter hoch, welche die Schäfte nach
oben abschließen, nebst den Architraven, welche sie über-
spannen, sind bereits vollendet und geben bis zum Be-
ginn der nächsten Baukampagne eins vorläufige Ahnung
von der großartigen Wirkung dieses Portikns. Wie
erwähnt, sind vier Jahre seit dem Beginn des Baues

verstrichen, und wohl dieselbe Zeit wird noch noth-
wendig sein zu seiner gänzlichen Vollcndung.

Um schließlich auch von den materiellen Mitteln,
über welche der Bau verfügt, einen Begrisf zu geben,
sei erwähnt, daß von den auf 7 Millionen Gulden
veranschlagten Gesammtkosten die Baumeisterarbeiten
etwa l^ Millionen und die Steinmetzarbeiten ca.
2H2 Millionen Gulden für sich allein beanspruchen,
sowie daß bis jetzt etwa 3 Millionen für den Bau
ausgegeben worden sind.

Leider wurden bei der Genehmigung des Kosten-
anschlages durch den Reichsrath die für die plastische
Ausführung angesetzten Summen gestrichen und deren
Genehmigung überhaupt einer späteren Zeit vorbe-
halten. Wir müssen dies im Jnteresse des Baues so-
wohl als auch der Plastik, welche hier esii so ansehnliches
Gebiet zu beherrschen hatte, auf das lebhafteste be-
dauern; denn so schön der Bau auch in seiner Ein-
fachheit, in seinen edeln Proportionen und den kräf-
tigen Details wirkt, so würde er ohne das belebende
Elenient der plastischen Ausstattung in und auf den
Giebeln und an den Friesen u. s. f. besonderS auch
auf und vor der Rampe leicht eine etwas trockene
und nüchterne Physiognomie bekommen: eine Gefahr,
welche der Anwendung des griechischen Stils immer
nahe liegt und die glücklich zu vermeiden, der Meister
des Baues bisher immer verstanden hat. Mvge es
ihm auch hier gelingen, mit seinen Jntentionen noch
rechtzeitig dnrchzudringen, damit die österreichischen
Parlamentsmitglieder bei ihrem Einzug in den neuen
Palast denselben harmonisch abgeschlossen und nicht
als einen Torso vorfinden! *

Aorrespondenz.

Venedig, im December 1878.

Das wegen künstlerischer Unthätigkeit arg ver-
schrieene Venedig, welches in der That mit scinen
132,000 Einwohnern fast nichts producirt, was in den
Bereich der bildenden Kunst fiele, dessen Akademie in
letzter Zeit sogar zu einer Kunstschule degradirt worden
ist, die jetzt nicht weiß, ob leben oder sterben aus
Mangel an entscheidender ministerieller Verfügung, —
dieses arme Venedig hat es doch in letzter Zeit
wenigstens zu ganz ehrenwerthen Restaurationen ver-
schiedener Bauwerke gebracht.

Um zuerst ein wenig in die Augen springendes,
aber desto verdienstvolleres Werk zu nennen, sei vor
Allem der völligen Neulegung des Marmorfußbodens
unter den alten Procuratien gedacht, wodurch der un-
vergleichliche Marcusplatz um eine Beguemlichkeit reicher
wurde. Die alte Zeichnung der weißen Marmorfließen
ist genau beibehalten. Eine schöne Jnschrift sagt nns,
loading ...