Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Iahrgang.

Beiträge

7. Noveinbcr

Nr.

Inserate

ü 25 j)f. für die drei
Mal gesxaltene j?etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.r<nnsthandlung
angononrmen.

^-878.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.


Inhalt: Die akademische Kunstausftellung in Berlin. II. — I. B. Londerland f-. — Zur Roftüm- und Maffenkunde. — Der österreichische Runst-
verein. —Das neue Theater in Augslmrg; Runstgewerbliches aus Ltuttgart; Denknial für Giorgione. — Leipziger Rupferstichauktion;
Auktionspreise; Runstauktion in Amsterdam; Auktions-Rataloge. — Zeitschriften. — Inserate.

Dic akademische Aunstausstclluna in Berlin.

II.

Kcin zwcites Historienbild dcr AuSstcllung kann
sich hinsichtlich des Unifanges mit dem Defregger'schen
Hoserbilde inessen. Aber mehrere sind koloristisch in-
tercssanter und geistig bedeutender. Sv vor allen Dingen
Joscf Brandt's Tartarenschlacht, welche der geniale
Künstler für die Nationalgalerie gemalt hat. Es ist
die grvßte Komposition, die bisher auS dem Atelier
Brandt'S hervorgegangen ist. Sie beweist, daß es auch
seine Sache nicht ist, große sigurenreichc Kompvsitionen
zu bewältigen. Sein Bild ist nach der Seite der
Komposition betrachtet kein Bild, sondern cin Neben-
einander von einzelnen Scenen, die sich nur mühsain
aus dem ungeheuren Gcwirr zahlloser Figuren hcraus-
lesen lassen. Trotzdem wird aber durch das Kolorit
eine gewisse Harmonie erzielt. Das Bild ist mit eincr
gcradezu crstauiilichen Bravour gemalt, von größter
Delikatesse des Tons. Nicht wie gewöhnlich bei Brandt
sind alle Farben aus denselben grauen Ton gcstimmt,
obwohl letzterer dominirt, was aber durch dcn schwülcn
Gcwitterhimmel, der sich über der weiten Scenerie aus-
spannt, vollkommen motivirt ist. Es koniiiien viclmehr
die Farben ungebrochen zur Gcltung, aber sie sind mit
fabelhalstein Geschick zu eincr vollendeten Harinonie
verschmolzen. Was Brandt auf seinem Bilde darge-
stellt hat, läßt sich nur iu großcn Umrissen schildern.
Es ist eine Scene aus den Kämpfen der Polen gegen
die Tartaren am Beginn des 17. Jahrhunderts. Pol-
nische Panzerreiter überfallen eine Tartarenhorde, die

iii cincr Steppe am Dnjestr Rast geniacht hat. Hohe,
kahle Berge schließcn den Horizont zur Rechtcn des
Bcschauers ab. Aus eineni der Seitenthäler, wclche
diese Berge durchschneiden, scheint die Reiterschaar wie
ein Gewittersturm über die gelben Rüuber hercingc-
brochen zu sein. Zur Linken ist das Terrain von
Sümpfen coupirt, in welche einige Tartaren mit ihren
struppigen Pferden hineingcsprungen sind, um sich vor
dcm drohenden Verhängniß zu retten. Jn der Mitte
der staubigen Ebene hnt sich ein ungeheures Handge-
menge entsponnen. Arme nnd Säbel fahren durch die
Luft — man sindet nicht immcr die Körper, zu welchen
die Arme gehören, — Nosse bäumen sich wild empor,
Tartaren werden aus den Sätteln gchoben und von
den Hufen der Pferdc zertreten —. es ist eiu Getümmel,
das jeder Beschreibnng spottet, aber trotz seines Wirr-
warrs von grvßartiger Wirkung. Jm Bordergrunde
lassen sich einige Gruppen deutlicher unterschcidcn.
Man sieht eine Schaar gefangener Polinnen mit einem
Priester, die sich vor einem Wagcn angstvoll zusaminen-
drücken und sehnsüchtig ihre Befreier crwarten. Anf
einem schwarzen Klepper jagt ein Mongolc mit einein
schönen nackten Weibe davon, die sich mit allen Kräften
gegen den Räuber stränbt. Ganz vorn sprengt ein
gelber häßlicher Kerl mit plattgedrückter Nase gleichsain
aus dem Bilde heraus, ein Götzenbild in scinem Mantel
bergend. Schwarzgraue, bleierne Gewitterwolken haben
sich am Himinel zusammengeballt und werfen ihren
fahlen Schein auf die granenvolle Scene, die mit
immenser dramatischer Kraft dargestellt ist. Ein kleineres
Genrebild desselben Meisters, polnisches Fuhrwcrk bei
der Rast am Bruimen, ist wieder stärker in dcn ein-
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