Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunstliteratur. — Preisbcwerbungen. — Kunstvereine.

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Jnschrift, ivelche über Alter und Verfertiger der Platte
AuSkunft ertheileu könnte, ist nicht vorhauden. Doch
weiseu die Buchstabenforinen der Jnschrift, das Maß-
werk, das Granatapselmuster deS Hintergrundesf die
stilistische Behandlung dcr beiden Figurcn, die volleudete
Technik, die Farbe dcr Bronce uud Andercs mit Ent-
schiedenheit auf dic zweite Hälfte des fünfzehntcn Jahr-
hunderts und die Bischer'sche Gießhütte zu Nürnberg
als Zeit und Ort der Entstehung des Reliefs hin.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß dasselbe bald nach deni
Jahre 1464 zur Fcier des siebenhundertjährigen Be-
stehens dcS Klosters unter dcm Probste Albert I.,
Grafen von Ncchberg angefertigt Ivorden ist. ES kann
demnach auch nnr cine Arbcit von Hernian Vischer,
dem Vater (f 1487) sein. llnd in der That stimmt
die Art der Behandlnng ganz nnd gar mit der Be-
handlung der von demselben Meister gefertigten Grab-
platten in den Donien zn Bambcrg nnd Meißcn
überein.

Das zweite Relief, 1,31 M. breit nnd 1,22 M.
hoch im südlichen Qnerschiffc der Stiftskirchc zn Ell-
wangen stellt, ebenfalls i» flachein Relicf, von eincni
durch reiches Blatt-Ornament gebildcten Rahmcn nin-
geben, eine Pictn dar, d. h. die zu dcn Füßen des
Kreuzes sitzcndc Maria, welche den Leichnam Christi
in ihrei» Schoße hält. Zn Füßcn der Maria knieen
zu beiden Seiten in anbetender Stellung zwei Prvpste
in bischöflicher Tracht (Pluviale und Mitra), den
Bischofsstab in Händen haltcnd. Bon ihnen gehcn
vielfach verschlnngene Sprnchbänder aus, welche den
ganzen oberen Raum bis znin Krenzesarm ausfüllen.
Auf dcm cincn liest man in gothischen erhabcnen
Minnskeln: „0 mnwr Xzn üiL propioin einsm Asnnisti's
auf dem anderen: „0 mntor 6si missrsro moi".
Unterhalb der Madvnna und zlvischen dcn beidcn
Pröpsten ist ein lebhaft bewcgtcr Engel angebracht,
welcher zwei große Wappcn hält. Ans diesen Wappen
ergiebt sich, daß die beiden kniecndcn Donatoren die
beiden erstcn gefürstetcn Pröpste von Ellwangen Jvhann
von Hirnheim (1452 — l461) nnd Albert I., Graf von
Rechberg (1461 —1502) darstellen. Äohann von Hirn-
heim, dcr letzte Abt von Ellwangen, resignirte, nach-
dcin das Kloster im Jahre 1460 säcularisirt nnd in
ein wcltliches Ritterstift verwandelt worden war, im
Jahre 1461 anf scin Amt, starb aber erst 10 Jahre
später. Diescs Relicf ist also, Ivie anch cine unter
deinselben angebrachtc, 1,33 M. breite, 0,51 M. hohe
Tafel mit eincr poctischen Jnschrift zum Lobe diescr
beiden Männer bestätigt, ein Epitaph znm Andenken
an die genanntcn Pröpstc.

Der Stil dcs Relicfs ist frcicr als derjcnige dcs
vorhcr beschricbencn, mchr nialcrisch. Er weist mit
Entschiedcnheit auf die fränkische Schule und speciell

auf die Kunstweise des Adam Kraft hin. Die künst-
lerische Durchbildung ist noch besser als beim ersten
Relief. Die Technik ist von gleichcr Bollendung. Namen,
MonoIramm vder Jahrcsznhl fehlen; dvch ist es nicht
zweiselhast, daß dicses Relief eine am Ende deS fiinf-
zehnten Jahrhnnderts (vor 1502, dem Todesjahre
Albert's I.) cntstandene Arbeit des Peter Vischer ist.

N. Bergau.

Aunstliteratur.

Dic vormaligcn geistlichen Stifte im Großherzogthiim Hessen,
von G. I. ZÜilhelm Wa gner. II. Bd.: Provinz Rhsin-
hessen: mit 15 Taseln Äbbilvungen. Untsr Mitwirkung
von Or. Fr. Al. Falk bearbeitet von Friedrich
Schneider. Darmstadt, Selbstverlag des histor. Ver-
eins f. d. Großherzogth. Hessen. Jn Comm. v. Klingel-
höffer. 1878. 8.

Ilnter diesem Titel hat Friedrich Schnsider, dem
wir schon so viels kunstgeschichtlich werthvolle Beiträge über
hessische Bauwerke verdanken, eine durch dsn verstorbenen
Wagner begonnens Zusaminenstellung aller historifchen ur-
kundlichen Nachrichten herausgegebeu, welche fich auf rhein-
hossische gsistlichs Stifte beziehe». Die Klöstsr, Beguinen-
häuser, Ritterorden, Hospitäler, Collogiatstifte, Bruderschafton,
Jesuitenkollegien und andero Stifte finden nach der Neihe
ihro Besprechung. Jst dieses Lexikon auch vorzugsweise sür
die Lokalgeschichte von Werth, so enthält es doch auch einen
reichsn Schatz an kuiisthistorifchen Daten, namentlich in den
Nachträgen und Verbesserungen zu beiden Bänden des
Werkes, und in den Tafeln eins Sammlung interessanter
Grundrisse verschiedener, gar nicht mehr oder nur uoch thsil-
wsise bestehender Klosteranlagen. Das historische Material
über vie Mainzer und Wormssr Bauten ist hier vollständig
init Quellennachweis nach den neuesten Forschungsresultaten
vereinigt. Für weitere baugeschichtliche Lokalforschung ist
disss Ärboit jedenfalls von nicht geringem Werth, und für
die Kulturgeschichte bietet sie eine Msnge schätzbarer Beiträge,
die uns einon Einblick in das kirchliche Leben vom frühesten
Mittelalter bis auf die Neuzeit in den Rheingegenden ge-
währen. Möchte dieses dankenswsrthe Ergebniß unermüd-
lichen Fleißes und des warmsn Jnteresses an den Bau-
werken der Vergangenheit von Nouem iu weiteren Kreisen
Anregung dazu geben, daß dis urkundliche Erforschung der
Baugeschichte lebhaftere Pslsgs erfahre. II. 0.

preisbewerbungen.

Aus der Louis Boissonct-Stistung wird vom Senat der
k. Bauakademie in Berlin Las erste Stipendium im Betrage
von 3000 Mk. zur Bswerbung nusgesetzt. Es ist für Archi-
tekten bestimmt und an die Bedingung geknüpft, daß der
Stipsndiat eins auf eigener Aufmessung bsruhsnde Dar-
stellung der Propyläen zu Athen in I I „stichfertigen" Zeich-
nungen und eine „druckfertige" Abhandlung hierzu liefere.
Bewerber haben sich Lis zuin 3l. Jauuar 1879 zu melden.

Uunstvereine.

8. Archäologischc Gcscllschaft i» Berlin. Die Feier
des Winckelmannsfestes, welche äußerer Verhültnisse halber
dieses Mal schon am l. Dezember begangen werden mußts,
hatts die Mitglieder der Gesellschast uud viele Verehrer des
großen Meist'ers im Saale des Architekten-Vereiiishausös
zahlreich versaimuelt. Der Vorsitzende, Herr CurtiuS, leitete
die Sitzung ein mit eineiu Vergleich "des Denkmäler-Vor-
raths, welcher dem Gründer der alten Kunstgeschichte vorlag,
und der Fülle des Materiäls, welches jetzt der Wissenschaft
zu Gebote steht, iudem er über die in letzter Zeit geöffnetsn
Fundstntten des klassischen Bodsns und die daraus zu-
strömeiide Bereicherung nller Gebiete der Archaologie eineu
Ueberblick gab. Dn»n hob er ein besonders wichtigeS Denk-
mal der Funde von Olympia hervor, das in Gipsabdruck,
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