Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Middleton's chronologischer Katalog der Radirungen Rembrandt's.

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Theil aus Gemälden des 17. Jahrhunderts zusammen-
setzt. Sustermans ist, wie erwähnt, stark vertreteu; von
Carlo Dolci sindet sich ein Madonnenkopf und ein
Brustbild der Judith, von Bassano eine Taufe Christi,
eine Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten
und ein Presepio; Thierstücke von Rosa da Tivoli und
mehrere Landschaften von Salvator Rosa, ein keck ge-
maltes kleines Bild von Tiepolo, die Auffindung des
h. Kreuzes durch Helena. Für eine schöne Darstellung
des h. Sebastian wird sm Katalog, wohl sicher mit
Recht, Schiavone als Urheber angesprochen. U. 8.

Middleton's chronologischer Aatalog der
Radirungen Rembrandt's*).

I.

Standpunkt der Forschung und Anforderung der Praxis.

Es ist ein offenkundiges Geheimniß, daß die
Klassifikation der Kupferstiche, welche von Bartsch
in die Literatur eingeführt und von ^Passavant und
Anderen bis auf den heutigen Tag fortgesetzt und ge-
übt wurde, allerdings dem praktischen Bedürfnisse ent-
spricht, daß sie aber den Anforderungen, welche die
Wissenschaft an einen beschreibenden Katalog eines
Stecher- oder Radirer-Werkes stellt, nach keiner Rich-
tung hin genügt. Die einzig rationelle Lösung dieser
Aufgabe besteht in der Aufstellung chronologischer Ka-
taloge, und die Herstellung solcher, nach der Zeit der
Entstehuug der einzelnen Blätter geordneten Verzeich-
nisse bildet die nächste und dringeudste Aufgabe der
Kupferstichkunde.

Bei der wissenschaftlichen Erörterung kunstge-
schichtlicher Fragen ist die Zeit der Entstehung des
Kunstwerkes die erste Frage, aus deren Beantwortung
alle übrigen zu entscheiden sind. Es muß unwider-
leglich sichergestellt sein, wann cin bestimmtes Kunst-
werk entstandeu ist, um entscheiden zu können, wer es
hervvrgebracht hat. Dem umgekehrten Vorgange fällt
mehr als die Hälfte der zahllosen Jrrthümer, welche
die Kunstgeschichte entstellen, zur Last. Die Frage
ist ebenso wichtig für Dürer, sür Marc Anton, fiir
Lucas van Leyden wie fllr Rembrandt und jcden An-
deren, aber bci keinem der Genanntcn spielt sic cine
sv maßgcbende Rolle, wie bei dem Letzten.

Der erste Schriftsteller, der für Rembrandt eincu
derartigcn chronologischen Katalog aufzustellen versuchte,
war Vosmaer, und wir haben au cinem anderen
Orte**) dic Vorzüge uud Sckstvächen dieser Arbeit

4. Ovsoriptirs LatalvAus ok tbs otobocl IVorlcs
ok komdranät van ktk^n bzc vbarlos klonr^ Nickckloton
L. 4. London, John Murray. 1878.

**) Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 1878, Nr. 68, 69
und 73.

^ hervorgehoben; hier wollen wir nur erwähnen, daß
Vosmaer in anerkennenswerther Weise das gesammte
Werk des Meisters, seine Gemälde, Radirungen und
Handzeichnungen in den Bereich seiner Aufstellung
zog. Gestützt auf diesen Versuch Vosmaer's und an
der Hand der Ausstellung von Rembrandt's Radi-
rungen, welche der Burlington Fine Arts Klub im
Jahre 1877 in London veranstaltete, ist nunmehr
Middleton an die Lösung dieser Frage herangetreten,
indem er sich hierbei lediglich auf die Radirungen
des Meisters beschränkte.

Bisher ordnete man die Radirungen oder Stiche
cines Meisters, selbstverständlich auch die Rembrandt's,
nach dem Gegenstande, den sie darstellen; man grup-
pirte biblische und mythologische Sujets, Selbstporträts,
Studienköpfe, Porträts rc. zusammen, um das Auf-
finden bestimmter Blätter zu erleichtern und über-
haupt zu ermöglichen. Es ist einleuchtend, daß dieser
Weg ein verhältnißmäßig einfacher ist; man braucht
nur darüber einig zu sein, was ein Blatt vorstellt,
um über den ihm anzuweisenden Platz zur allgemeinen
Befriedigung entscheiden zu können. Dies kommt aber
selbstverständlich bei einem chronologischen Kataloge
nicht mehr in Betracht; die Produktionen einss Meisters
sind in Beziehung auf den klassifikatorischen Werth des
Gegenstandes ganz unabhängig von seinem Schaffen;
dagegen ihrem inneren Gehalte, ihrer Wesenheit,
Form und technischen Behandlung nach in weit höhe-
rem Grade an seinen Entwicklungsgang gebunden.
Ein chronologischer Katalog kann somit nicht nach
äußeren Unterscheidungszeichen, sondern er muß nach
inneren unumstößlichen Beweisgründen geordnet sein;
oder mit anderen Worten: die Schwierigkeiten, die sich
eineui derartigen chronologischen Verzeichnisse entgegen-
stellen, sind so bedeutend, sie crfordern eine so voll-
kommene und minntiös genaue Kenntniß der Jndivi-
dualität, des gesammten Schaffens und jeder Phase
des genuinen Entwicklungsganges des Künstlers, daß
es Niemanden befremden kann, wenn es bis heute noch
keineu, nur halbwegs genügenden Katalog eines Meister-
werkes gibt und auch noch lange nicht geben wird.

Die Gründe, Wclche die chronologische Einreihung
eines Blattes bedingcn, sind nur dann für Jedermänn
leicht kenntlich, wenn das Blatt echt bezeichnet und
datirt ist. Wenn es aber nicht bezeichnet und nicht
datirt ist, dann liegt die Sache anders; dann ist sür
die Einreihung eines solchen die Entscheidung vou Fall
zu Fall zu treffen, und derjenige, der dieselbe füllen will,
muß über so imponirende Kenntnisse verfügen, daß er
seine Klassifikation entweder motivircn kann, oder daß
wir ihm, wcnn er dies zu thun nicht in der Lage wäre,
welcher Fall unzählige Malc vorkommcn dürfte, aus
sein Wisscn und seiue Erfahrung hin glauben kvnnen.
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