Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Florentiner Privatgalerien.

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digung und andere Arbeiten vertreten. Es befindet
sich ferner dort eine wenn auch nicht sicher auf Se-
bastiano del Piombo zilrückzufiihrende, so doch höchst
bedeutende Kreuztragung Christi.

Wir übergehen die Bilder der Bologneser Schule,
die Schlacht- und Marinegemälds des Salvator Rosa
sowie das von Riberä Vorhandene und die Porträts
des fruchtbaren Susternians, die hier wie in der weiter-
hin zu erwähnenden Galerie Berte sehr zahlreich sind,
und wenden uns zu der jenfeits des Arno liegenden
Sammlung Torrigiani, die ebenfalls einige in-
teressante ältere Stücke enthält, so im 2. Zimmer die
zum Schmucke von Hochzeitstruhen bestimmten figuren-
reichen Kompositionen aus der Geschichte des David,
die, früher dem Benozzo Gozzoli zugeschrieben, nach
der sehr wahrscheinlichen Vermuthung von Crowe und
Cavalcaselle wohl vielmehr auf einen der Peselli zu-
rückzuführen sind. Das eine der zwei trefslich er-
haltenen Tafelbilder zeigt in erzählendem Nebenein-
ander den jungen Helden als Hirten bei seinen Rindern,
seine Vorbereitung zum Kampfe, sein Erscheinen vor
Saul und den Kampf mit dem Riesen und dessen
Fall; in der anderen Darstellung hält der Sieger seinen
Einzug in die Stadt, mit der Schleuder und Goliath's
Haupt auf dem Triumphwagen stehend; die Sicherheit
in den kühnsten Verkürzungen des Pferdeleibes erinnert
an Gozzoli und Paolo Uccelli, von welchem das Bild
Nr. 13, ein Argonautenzug, in dieser Hinsicht zum
Vergleich auffordert. Demselben Zwecke, wie die vor-
erwähnten Kompositionen dienend und ebenfalls dem
alttestamentlichen^ Stoffkreise angehörig sind vier Hi-
storien der Esther, eine schöne Jugendarbeit des Filip-
pino Lippi. Von Pollajuolo sindet sich im 3. Zimmer
unter Nr. 20 ein männliches Brustbild von trefflicher
Charakteristik, desgleichen eines von Luca Signorelli,
angeblich ein Selbstporträt, mit zwei Hirten im Hinter-
grunde, ähnlich denen in dem bekannten Rundbilde der
Madonna, welches im ersten Korridor der Uffizien
aufgehängt ist. Mit den dem Pinturicchio zuge-
schriebenen Hochzeitsscenen kommen wir freilich in die
Sphäre gewagter Nomenclaturen, an welchen der Ka-
talog eine selbst für eine Privatsammlung auffallend
lange Reihe von Beispielen bietet; so werden, um von
den Holbein, Rubens, van Dyck und andern Aus-
ländern zu schweigen, mit Namen wie Albertinelli,
Peruzzi, Tiziau, Tintvretto, Guido Reni u. s. w., Bilder
beehrt, die selten auch nur für leidliche Nachahmungen
der betreffenden Meister gelten können. Aus neuerer
Zeit seien noch zwei Gemälde des Tiepolo angeführt,
eine Kreuztragung und Alexander der Große, eine An-
sprache an seine Krieger haltend.

Au Umfang geht den Florentiner Privatsamm-
lungen voran die Galerie des Marchese Pancia-

tichi, welche in 16 Zimmern über 400 Gemälde, dar-
unter allerdings manches Mittelgut, vereinigt. Jm
ersten Raume begegnet man einer Anzahl von Arbeiten
aus Giotto's Schule und einem Martyrium des h.
Sebastian von Raffaellin del Garbo, im zweiten einigen
meist recht zweifelhaftcn Niederländern, unter denen
Memling und „Luca di Leida" nicht fehlen, zwei den
Namen des Andrea del Sarto führenden Madonnen,
von denen allerdings die eine, mit brauner Untermalung,
den Eindruck der Echtheit macht, während das an-
gebliche Brustbild des Baccio Valori sich nur als eine
schwache Nachahmung erweist. Auch die dem Fra
Bartolommeo beigelegten Nummern sind nichts weniger
als sicher. Ein prächtiger weiblicher Kolossalkopf nl
t'rssoo, den der Katalog dem Michelangelo zuschreibt,
läßt es bedauern, daß eine minder prätentiöse, aber
sichere Benennung nicht festgestellt ist. Von Raffael's
Knäonnn äslla ssMolu besindet stch in dem näm-
lichen Raume eine vorzügliche alte Kopie von unbe-
kannter Hand. Als Perle der ganzen Sammlung ist
indeß wohl das Kniestück einer Madonna mit dem
Kinde, dem ein Engel Weintrauben auf einer Schale
darreicht, von Filippo Lippi zu bezeichnen; dasselbe hat
viele Berwandtschaft mit dem schönen Bilde ähnlichen
Gegenstandes in der kleinen Galerie des Arcispedale
di S. Maria Nuova, auf welche wir bei dieser Ge-
legenheit aufmerksam machen wollen, übertrifft es jedoch
noch an Jnnigkeit der Empfindung. Auch von Fra
Diamante beherbergt derselbe Raum eine Madonna
mit Kind, das kleine Nebengemach eine Reihe von
Arbeiten, bei denen man wieder mit der Benennung
— man liest Namen wie Castagno, Botticelli, Ghir-
landajo, Mantegna u. s. w. — theilweise sehr kühn
verfahren ist. Ein anderes Zimmer vereinigt Meister
der Bologneser Schule und Arbeiten des Cigoli, Sal-
viati, Bassano und anderer. Von Sustermans finden
sich weiterhin drei Kinder der Familie Limenes, von
Philipp Roos zwei große Landschaften, darunter her-
vorzuheben die Cascaden des namenverleihenden Ti-
voli. Wohl sicher echt dem Kolorit und dem Kopf-
typus der Hauptfigur nach ist die als Bonifazio be-
zeichnete Madonna, die das schlafende Kind anbetet,
daneben der kleine Täufer. Von den Gemälden des
vergangenen Jahrhunderts, die besonders zahlreich in
der Sammlung vertreten sind, möge ein geistreich be-
handeltes Porträt des Metastasio von Pompeo Bat-
toni genannt sein. Eine bessere Anordnung als die
gegenwürtige, bei der man nicht erkennt, ob überhaupt
ein bestimmtes Princip maßgebend gewesen, wäre der
Sammlung sehr zu wünschen.

Zum Schluß noch einige Worte über die aus
Palazzo Guadagni stammende kleine Galerie Berte
(Bia de' Malcontenti Nr. 9), die sich zum größten
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