Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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365 Korrespondenz. Jgg

Aorrespondenz.

New-York. im Februar 1879.

Der Druck, welcher in Folge deS geschäftlichen
Stillstandes sich allerwärts mehr oder weniger fühlbar
macht, wird selbstverständlich auch hier in einem ge-
wissen Maßc empsunden. Die Knnstliebhaber kaufen
nicht mehr nach einem so großartigen Maßstab tvie vor
einigen Jahren, man klagt über die niedrigen Preise,
welche bei den Gemäldeanktionen geboten werden; den-
noch fehlt es nie an Käufern, und zuletzt kommen doch
Summen dabei heraus, welche bei deni hier geringeren
Werthe des Geldes freilich nicht so vicl bedeuten, wie es
in Deutschland der Fall sein würde, allein immer noch
einen ziemlich ergiebigen Markt anzeigen. Eine der
letzten bemerkenswerthen Auktionen war die von der
Vrtists k?nnä Losist^ alljährlich veranstaltete, wozu
die Mitglieder ein oder mehrere Bildcr beitragen, deren
Ertrag dem Fonds zu gutc kommt. Acht und neunzig
Bilder waren beigesteuert, und wenn die Künstler bei
dieser Gelegenheit auch nicht gerade ihre größeren
Leistungen einzuschicken pflegen, so gewährt die Samm-
lung doch in Erwartung der großen akademischen Aus-
stellnng cinen Blick auf die verschiedenen Richtnngen
in der amerikanischen Kunstwelt, znmal da sowohl die
ältere, akademische, pnr sxosltönos amerikanische, so
wie die neuere, den europäischen Vorbildern nach-
strebende Schule hier ihre Vertreter finden. Wie immer,
herrschte die Landschaft vor; frisches Waldesgrün, stim-
mungsvolle Dämmerung, die sonnige Farbenpracht des
amerikanischen Herbstes und das Grau des einbrechenden
Winters waren von T. A. Richards, David Johnson,
Homer Martin, C. H. Miller, Whittredge, den beiden
Giffords, Sontag, Shurtleff, Fuechsel und A. Partvn
ansprechend dargestellt. Eastman Johnson, I. G. Brown,
H. H. Moore und Thomas Hicks hatten einige artige
Genrcbilder ausgestellt, Tait und W. H. Beard ein
paar ihrer beliebten Thicrbilder, de Haas und Quartley
Seestücke, so daß es keineswegs an Mannigfaltigkeit
fehltc. Die besondere Gunst des Publikums wurde
einem Bild von S. I. Guy zu Theil. Es stellt ein
junges Mädchen dar, das der Rnckkehr des ausge-
gangenen Schiffers angstvoll ani Ufersrande harrt, und
ist gut ausgeführt, aber etwas anspruchsvoll, mit einem
sentimentalen Anhauch. George Boughton, der schon
seit vielcn Jahren in England lebt, hat wie gewohnlich,
anch Liesmal seinen Beitrag herübergesandt, aber das
kleine flüchtig gemalteBild: „Der Garten der Wittwe",
mit zwei steifen Figürchen in schwarzem Umriß, liefert
eher eine Jllustration seiner Mängel als seiner Vorzüge.

Jn der Schaus'schen Galerie ist ein großes figu-
renreiches Bild von Edwin Blashfield ausgestellt, auf

das die Aufmerksamkeit des Publikums mehrfach durch
dic Tagespresse gelenkt wurde. Commodus als Her-
kules verläßt mit seinen Begleitern, welche die Sieges-
Preise tragen, das Colosseum. Der Künstler ist ein
Schüler Gsrome's und hat sich eine achtungswerthe
Technik angeeignet, aber das ist einstweilen auch alles.
Die Gestalten sind steif und leblos, und anstatt wie
die Werke seines Lehrers und Vorbildes den Beschauer
in die Situation zu versetzen, ihm Wesen und Sitten
der alten Römer zu vergegenwärtigen, machen sic den
Eindruck von Kostümbildern.

Die permanente Ausstellung in der Knoedler'schen
Galeric ist gegenwärtig ausnehmend reich und an-
ziehend. Anerkannte Größen und aufgehende Sterne,
Franzosen, Deutsche, Jtaliener, Spanier, Niederländer
und auch einige Amerikaner sind in bunter Reihe ver-
einigt. Ein spinnendes Bauermädchen von Jules
Breton ist ein Meisterwerk, unwiderstehlich anziehend
und unvergeßlich. Es bildet den Mittelpnnkt der Aus-
stellung, dem sich Karl VI. und Odetta beim Karten-
spiel von Merle, zwei schöne Corot's, ein Mädchenkopf
von Gabriel Max, Pferde Vvn Gsrome nnd Schreyer,
Landschaften von Daubigny, Jules Duprs und Voltz
anreihen. Boughton begegnet man in einem an-
ziehenden Genrebilde. Ein junges Mädchen, das seine
Erziehnng im Kloster erhalten, steht im Begriff, in's
elterliche Haus zurückzukehren. Eine alte Nonne giebt
ihr das Geleit durch den Garten und theilt augen-
scheinlich zum Schluß noch weisen Rath nnd mütter-
liche Warnungen aus, während unter den Bäumen,
etwas nach hinten, cin jnnger Mann —> ob Bruder,
Vetter oder ein untergeordneter Bote der Eltern, ist
nicht ganz klar — gleichsam dsn Uebergang in die
schöne Welt vermittelt, die draußen ihrer harrt. Eine
absichtliche alterthümelnde Steifheit in der Haltung
und Stellung der Figuren läßt sich freilich nicht ab-
leugnen, aber trotzden sind sie voll Leben nnd Cha-
rakter und erzählen ihre Geschichte selber. Von I. G.
Brown, dem beliebten Kindcrmaler, sind zwei Dar-
stellungen aus dem Straßsnleben zu erwähnen. Auf
dem größeren sehen wir eine Schaar rothbäckiger, von
Leben und Lnst strahlender Gamins, Straßenkehrer und
Stiefelputzer von New-Uork „große Parade" spielen.
Die aufgerichteten Kehrbesen müssen dabei als Gewehre,
eine verbogcne alte Blechbüchse als Standarte, Gerten
als Degen nnd ein Wichskasten als Trommel dienen.
Das Bild athmet eincn gesunden, heitern Realismus,
und man wird nur durch die ganz gerade Wand gestört,
welche den Hintergrnnd bildet und in der Perspektive
so mangelhaft ist, daß sie gar nicht zurücktritt. Die
Figuren, welche cbenfalls in geradcr Reihe stehen, sehen
in Folge davon aus, als wenn sie darauf geleimt wären.
Das andere Bild führt gleichfalls den Ne>v-J)orker
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