Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die Restauration des Senatssaales im Kölner Rathhausthurm.

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schließe. Eine besonders heikle Aufgabe bleibt dann
noch immer die harmonische Abtönung des Plafonds
unter niöglichster Beibehaltung der in den Relieffeldern
angelegten alten Gold - und Farbenmusterung. Der
reiche Charakter der in dem Saale vertretenen Holz-
intarsien— eines im Jahre 1603 vollendeten Werkes des
Kölnischen Kunstdrechslers Melchior von Rheidt —
kündigt sich schon von außen in den aus das wunder-
vollste mit Sinnspriichen und Blumen-Ornamenten
versehenen, etwa 1 na- starken Thürlaibungen an.
Die nach dem Saale führende Thür nebst deren innerer
Umrahmung ist denn auch sowohl in ihrem monu-
mentalen Aufbau als in ihren einzelnen Gliederungen,
Kompartimenten, Zwischensätzen und Nis,chen, bei denen
sich die schwungvollsten figürlichen Darstellungen mit
den elegantesten Ornamentmotiven begegnen und in
Flacharbeit und plastischer Technik abwechseln, geradezu
ein Meisterwerk der Holzbekleidungskunst der Renaissance.
Jn gleicher, wenn auch einfacherer, Ausstattung sind die
längs den Wänden hinlaufenden Sitzbänke gehalten.
Dieselben erheben sich auf einem 8 Zoll hohen, mit
einer markuettirten Vorderseite versehenen Podium, über
welchem der in eingelegten Füllungen mit Lisenen durch-
setzte Trittstoß der Sitzbank eine zweite Ornamcnt-
Etage bildet. Lehnen tragen die Bänke nicht, weil,
wie schon früher bemerkt, Wandteppiche bis zu den Sitzen
herniederhingen. Jn Ermangelung dieses Schnmckes
wirken die nur durch vier höher hinaufgehende seitliche
Kopfstücke an der West- Ost- und Südwand abge-
schlossenen Bänke etwas sehr nüchtern. Es könnte
daher nur als eine höchst zweckmäßige und durchaus
stilgerechte Verbesserung betrachtet werden, wenn, wie
äußerem Vernehmen nach beabsichtigt wird, die Vorder-
seite des Podiums, welche wegen der Bestimmnng des
letzteren zur Aufnahme der Warmwasserleitungsröhren
ohnehin' einer eisernen Grillage weichen muß, als Tritt-
stoß für die Sitzbank unter entsprechender Erhöhung
hinaufrückte und die dadurch verfügbar werdende zweite
Jntarsienwand als Rücklehne hinter die Sitzbank träte.
Genau mit einer solchen Lehne versehen finden wir
nämlich auf den mehrgedachten alten Kupferstichen eine
zweite, mit deu seitlichen Wandbänken parallellaufende
Reihe in den Saal vorgeschobener Sedilien, welche
leider nicht mehr auf uns gekomnien sind. Nicht min-
der wirkungsvoll würde es uns erscheinen, wenn an
der Nordseite des Saales, wo nach den Kupferstichen
zu beiden Seiten unter dem, den mittleren Fenster-
pfeiler einnehmenden, Christusbilde von Joh. Jak.
Soentgen die regierenden Bürgermeister ihre Sitze
hatten, vor jedem der letzteren das Podium um 1/2 m.
im Quadrat vorgeschoben würde, wofern man nicht
überhaupt vorziehen sollte, durch Wiederanbringung
jenes noch im Museum befindlichen Bildes an seiner

früheren Stelle, die damalige Einrichtung im Ganzen
wiederherznstellen. So bereitwillig wir aber vorhin
eine dnrch die Umwechslung der Jntarsienfriese be-
zweckte Anbringung von Rücklehnen an den Sedilien
als eine wesentliche, Lberaus stilvoll wirkeude Ver-
besserung anerkannt haben, so entschieden müssen wir
uns gegen eine Modernisirung aussprechen, welche auch
an dieser Täfelung verübt werden soll. Von den vor-
gedachten Kopfwänden, welche die Sitzbänke an den
Enden flankiren und früher, wie noch an der Decke
des Gesimses erkennbar ist, geschnitzte Aufsätze trngen,
fehlt nämlich eine, welche im Stile und Sinne der
vorhandenen neu hergestellt werden soll. Die letzteren
zeigen nun ihre Zusammengehörigkeit dadurch an, daß
auf je zweien die Dioskuren der Kölnischen Helden-
legende, Mnrsilius und Agrippa, unter einer Bogen-
stellung angebracht sind, in deren Zwickeln liegende
Frauengestalten mit den Attributen der vier Elemente
sich befinden. Die dritte Kopfwand stellt unter einer
in ihren Flächen ähnlich belebten Arkade den Kölnischen
Bauer und die Jungfrau dar, während rechts und
links über dem Bogen Sommer und Herbst aus dem
Cyklus der Vier Jahreszeiten personificirt sind. Bei
dem in den zuerst beschriebenen Komplementstücken er-
kennbaren innigen Zusammenhange zwischen den Haupt-
figuren und den allegorischen Gestalten hätte die Dar-
stellung auf der dritten Kopfwand den striktesten An-
halt für die Erfindnng der vierten abgeben imd dem-
nach jedenfalls dazu führen müssen, daß, wie bei jener,
so auch hier zwei Hauptpersonen im Bogenfelde, in dcn
Zwickeln aber die beiden korrespondirenden allegorischen
Figuren Vvrgesehen wurden. Statt dessen finden wir
auf der bereitS in Arbeit gegebenen Zeichnung sür die
vierte Kopfwanv nur eine Figur im Hauptbogenfelde,
und zwar wiederum eine Darstellung des Kölnischen
Bauern, und in den Zwickeln zwei unsagbar steife, in
einer Art Empiregewandung drapirte symbolische
Figuren, welche, jeder Zusammengehörigkeit mit den
anf der Gegenwand vorhandenen spottend, als Attri-
bute eine Locomotive und den Telegraphenblitz
führen, mit einem Worte also dem Ergänzungswerke
die unberechtigte Signatur der Neuzeit ausdrücken.

Hoffentlich wird es nur dieser Fingerzeige be-
dürfen, um die Restauration des Senatssaales in
andere Bahnen zu lenken. Mehrkosten sind dazu gar
nicht erforderlich; in den Grenzen der bewilligten
Kredite läßt sich das Ergänzungswerk würdig nnd im
Geiste der uns überkommenen Reste durchführen. Gegen
das jetzige Verfahren aber appelliren wir an die
Einsicht der städtischen Behörden mit deni Mahnrufe:
Viäsnnt Lvnsulss! x X
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