Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die Corcoran-Galerie in Washington.

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New-Nork angefangen, allein der Secessionskrieg unter-
brach die Arbeit, die Regierung benutzte das unfertige
Gebäude als Magazin fiir Kriegsvorräthe bis zum
Jahre 1870, als es deni Eigenthümer zurückgegeben
und für seine ursprüngliche Bestimmung vollendet
wurde. Corcoran's Privatsammlung lieferte dic Grund-
lage der Galerie, ein Bevollmächtigter ging nach
Europa, um weitere Ankäufe zu inachen, und im April
1874 konnte die Galerie dem Publikiun gevffnet
werden.

DaS Museum ist in günstigster Lage, in der Penn-
sylvania-Avenue in der Nähe des Schatzamtes und
des Weißen HauseS, dem Kriegsniinisteriuin gegenüber
erbaut. Die ansehnliche Halle mit einer Fayade von
106 Fuß und einer Tiefe von 125 Fuß ist im Re-
naissancestil aus Backstein errichtet, mit steinerncn Ein-
fassungen und Verzierungen, zwei Stockwerke hvch,
mit einem Mansardendach, auf dem sich ein Pavillon
erhebt. Kleinere Pavillons besinden sich auf den Ecken.
Die Bildergalerie im oberen Stockwerk hat Oberlicht
und ist außerdem mit Gasleitung versehen, um ge-
legentlich nach landesüblicher Unsitte beleuchtet zu
werden.

Jn Betreff der Auswahl der Kunstwerke stellten
sich selbstverständlich alle die Schwierigkeiten heraus,
mit denen in unsern Tagen die Gründer eines jeden
Kunstinstituts zu kämpsen haben, und hier in noch
weit höherem Maaße als in der alten Welt, denn es
gab ja keine Kirchen, keine Paläste, die Schätze ent-
hielten, welche allenfalls die Grundlage hätten bilden
können. Jn Betracht der Unmöglichkeit, wohlerhaltene,
ansprechende Originale aus der Blüthezeit älterer und
antiker Kunst zu erlangen, haben die Verwalter in-
svweit den richtigen Weg erwählt, indem sie sich in
der Malerei auf Lie Erzeugnisse moderner Kunst und
in der Skulptur größtentheils aus die Reproduktionen
der Meisterwerke des Alterthums beschränkt haben.
Ein paar Originalbüsten niit abgebrochenen Nasen oder
die Bruchstücke unergänzbarer Statuen, die allenfalls
zu haben getvesen wären, würden weder dem Laien einen
annähernden Begriff alter Kunst, noch dem Schüler
lohnende Gegenstände des Studiums geboten haben,
währeud an neunzig vorzügliche Gipsabgüsse der Pracht-
stücke des Vatikans, des Louvre, des Museums in
Neapel, des britischen Museums, einiger Arbeiten vou
Michel Angelo, Jean Goujvn, Pilon und von Ghi-
berti's Thüren des Batisteriums in Florenz ihm die
Heiligthünier der goldenen Zeiten eröffnen. Einige
Statuen und Büsten nach Canova und Thvrwaldsen
und die Originalwerke amerikanischer Künstler, darunter
Hiram Powers' „Gricchische Sklavin" befinden sich im
oberen Stockwerk. Ein Zimmer in den unteren Räunien
enthält Kopien der Hildesheimer Schätze, Bronzen von

Barye, die Marmorbüste Humboldt's Vvn Rauch, einige
Waffen und siiüstungen, Majoliken u. s. w.

Die Bildergaleris, welche nach dem Katalvg 112
Nummern enthält, seitdem aber manchen Zuwachs er-
halten hat, giebt sich unverkennbar als das kund, tvas
sie ursprünglich war, nämlich die Sammlung eines
Privatmannes, dcr zwar Urtheil genug besaß vder
hinlänglich zuverlässigc Nathgeber hatte, um nichts
Schlechtes oder hvchstens Mittelmäßiges anznschaffen,
aber denn doch nicht Vvn svlcher Kunstliebe durchglüht
tvar, um sich in Besitz der bedeutendstcn erreichbaren
Werke zu setzcn. Gärüme — „Ein todter Cäsar" —
Cabanel, Arp Scheffer und Schreper sind die einzigen
berühmten eurvpäischen Maler, welche man repräsentirt
findet, und diese nicht in ihren Hervvrragcnderen Lci-
stungen und meistens in wenig ansprechendeu Vor-
würfen. Einstweilen steht die Sammlung an Werth
noch lang nicht den Privatgalerien so mancher New-
Aorker Kunstfreunde gleich, und besonders fehlt es fast
ganz an den herrlichen Cabinetstücken, welche den
Hauptschmuck vieler derselben bilden. Ein ausgezeich-
netes Bild von Boughton: „Tbs lisir zirssuiuptivs"
einc Vestalin vvn Leroux, schöne Landschaften von Emile
Breton, Paul Weber und Thierstücke von Niobbe und
von Thvren sind die hervorragendsten Werke europäischer
Künstler. Die amerikanischen Maler sind größtentheils
dnrch Landschaften vertreten, darunter manche gute,
anziehende Sachen. Außerdem findet mau zahlreiche
Porträts amerikanischer StaatSmänner, Politiker und
Generäle aus älterer und neuerer Zeit, eine Art von
Curiositätensammlung, die auf den Gründer eben kein
günstiges Licht wirft. Es sind nämlich nur Südländer,
m it Ausnahme Washington's alle mehr oder weniger
die Stützen uud Berfechter des Sklavereisystems, von
Calhone bis auf den Oberbundesrichter Noger Tanep,
der sich durch seine Entscheidung: die Farbigen besäßeu
keine Rechte, welche die Weißen anzuerkennen ver-
pflichtet seien, verewigt hat. Die weit zahlreicheren
großen Männer des Nordens sind geflissentlich ignorirt
worden, und erst in letzter Zeit, seitdem Corcoran,
selber ein Südländer, nicht mehr an der Verwaltung
betheiligt ist, scheint man diesen engherzigen, unkünst-
lerischen Standpunkt aufgegeben zu haben, wie die
Aufnahme von einigen im Katalog noch nicht ver-
zeichneten Pvrträts würdigerer Repräsentanten der Na-
tion andeutct. Auch nur gegen den ausdrücklichen
Wunsch Corcoran's hat man den Besuch des Musenms
dcn Farbigcn gestattet, welche in Washington ungefähr
den dritten Theil der Einwohner bilden. 0.
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