Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Restaurationen und Bauprojekte in Venedig.

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(ihr Fußboden liegt unter dem Meeresspiegel) einfach
zugemauert war. Nun ist sie wieder geöffnet, doch
scheint das Uebel nicht gänzlich beseitigt, da ich bei
einem Besuche in derselben in dem dnrch die Platten
des Fußbodens eingedrungenen Wasser spazieren mußte,
welcher Fall Einem zur Zeit starker Fluth auf dem
so schon wellige Terrain des Mittelschiffes anch
Passiren kann. Bei dem Legen des neuen Mosaik-
fußbodens unter der -nördlichen Galerie des Lang-
schiffes ist man jetzt sicherer zu Werke gegangen, wie
ich mich durch Augenschein Uberzeugen konnte.

Der Grund ist ca. 80 Ctm. tief mit Bston aus-
geschlagen, der heiß hineingegossen und festgestampft
wurde, nachdem man die geschlagenen Steine in den
frisch gelöschten Kalk (von Pisa) hineingeschüttet und
mit diesem — so zu sagen — gekocht hatte. Diese
feste kompakte Masse liegt auf den Seitenmauer-
fundamenten mit auf und es ist wohl uicht zu befürchten,
daß hier das Wasser durchdringt; es bleibt nur zu
wünschen, daß ein gleiches, solides Verfahren später
auch bei den andern Haupttheilen unter den Kuppeln
des Lang- und Querbaues beobachtet werde, wo sich
durch Aubringung sicher gegründeter Pfeiler (um den
großen Spannungen zu begegnen) leicht Stützpunkte
sür die Bstonschicht gewinnen lassen. Die sv rühmlich
bekannte,Firma von Salviati hat die Herstellung des
Mosaikfußbodens übernommen, dis einstweilen in
Angriff genommenen 40 Hs Mtr. (ü. 900 Frcs.)
Werden auf 36,000 Frcs. kommen, die Erueuerung
des ganzen Bodens etwa 2 Millionen beanspruchen.
Die einzelnen Felder des nach der alten Zeichuung
wieder hergestellten und herzustellenden Pflasters dieser
Seite sind größtentheils aus Achtecken gebildet, die
wieder von den Ecken aus getheilt sind und schach-
brettartige Muster aufweisen, — im Ganzen mit viel
Geschick behandelt und in guter Wahl der Farben.
Dazwischen setzen sich, vielleicht weniger in den Cha-
rakter des Fußbodenmosaiks hineinpassend, Thier-
gestalten, so z. B. Pfauen auf Rankenwerk, Ungeheuer
mit Flügeln u. s. w. 3n der Hauptanordnung hat
man sich streng an das Gewölbesystem gehalten,
unter den Gurten gehen auch im Fußboden breite
Gurten oder Streifen durch, mit größeren Ornamenten
oder kreisförmigen Theilungen; dazwischen sitzen dann
die vorerwähnten Felder, oft ohne gehörigen Zusam-
inenhang. Wenn an den neu hergestellten Theilen
dieses Fußbodens etwas zu tadeln wäre, so möchte es
das sein, daß die eiuzelnen Stäbchen oft nicht in
gleichem Maaße wie die alten genommen sind, sondern
größer, wodurch der an den alten Mustern so wohl-
thuende Zusammenklang der Farben, die in neuerem
Zustande ohnehin grell wirken, verloren gegangen ist.

Der Reparaturen am Palazzo Ducale hat

der Herr Korrespondont in Nr. 15 uicht gedacht.
Das dreistöckige Gerüst um die Ecke des Palastes, nach
der Piazzetta und dem Molo hiuausreichend, macht
leider schon in's vierte Äahr hineiu einen vollen, uuge-
trübten Anblick dieses ernsten, mächtigen Baues un-
möglich. So solid und penibel hier überall gear-
beitet wird, so langsam geht es eben auf der anderen
Seite, wenn auch in diesem speziellen Falle zuzugeben
ist, daß allein schon das Legen der Fundamente für
die Auswechselungsrüstungen rc. viel Zeit in Anspruch
nehmen mußte. Die Hallenbögen dieser Eckpartie sind
sämmtlich mit doppelten Gerüsten unterfangen, da es
sich um Auswechselung mehrerer Säulen, schadhafter.
gesprungener Kapitäle, theilweise Erneuerung der Ge-
wölbe, vor allem aber um Einstellung einer neuen
Ecksäule handelt. Hierbei habe ich mich denn auch
überzeugt, daß das untere Hallenstockwerk früher durch-
aus weder höher gewesen sein kann, wie man oft ver-
muthet, noch daß die Säuleu Basen gehabt haben, wie
etwa die Ecksäule an der portu äsllu os,rtu. Leider
fangen nun auch die Hofpartien an, reparaturbedürftig
zu werden, so daß man bei dem Umfang aller dieser
Bauten in einem ewigen Nestauriren bleiben wird.

Daß dieFvrtführung der Nestauration von Sta.
Maria deiMiracoli, von S. Salvatore, wie von
S. Giovanni e Paolo in's Stocken gerathen sind, ist
wohl sehr zu Ledauern, dem Studium sind diese
Bauten deswegen aber nicht entzvgen, wie der Herr
Berichterstatter erwühnten Orts angegeben. Jm
Gegentheil giebt der Vorstand des Ängenieurkorps,
dem die Renovirung untersteht, jederzeit und mit be-
kannter italienischer Höflichkeit und Zuvorkommenheit,
die so angenehm gegenüber unserer deutschen schwer-
fälligen Beamtensteifheit wirkt, jedem, der dort studiren
will, Erlaubniß und Schlüssel. Jch selbst habe z. B.
in Maria dei Miracoli, welche Kirche Äakob Burck-
hardt mit Recht das kleine Äuwel unter den vene-
zianischen Kirchen nennt, vor nicht allzu langer Zeit acht
Tage hintereinander, während der Tagesstunden einge-
schlossen, gearbeitet und war für den Moment eigent-
lich recht dankbar, daß die Restauration still stand,
denn nur so gestatteten die stehen gebliebenen inneren
Rüstungen ein Anschauen und Studium der reichen
Ornamentik in allen Theilen bis in die Kuppel des
Sanctuariums hinauf. Die kleine Kirche wurde ini
Äahre 1481 begonnen und zwar in Folge einer aus-
geschriebenen Konkurrenz von Pietro Lombardi. Eine
kürzlich von einem Wiener Blatte gebrachte Notiz,
daß der Bau seinem Ruin entgegensehe, ist gänzlich
falsch; was bis jetzt restaurirt ward, ist gut und solid
gemacht, der Bau vollständig intakt und die Schwärme
von Tauben, welche darin nisten sollen, beschränken
sich in Wirklichkeit auf wenige Stück — ich sah nie
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