Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Sammlungen und Ausstellungsn.

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derselben aus den letzten Jahren, das bändereiche Werk
von Crowe und Cavalcaselle, ist ausschließlich für die
kunstgelehrten Kreise bestimmt; es hat uns eine neue
Grundlage für die Forschung geschaffen, von der nur
zu wünschen wäre, daß sie recht bald auch den Meistern
der höchsten Blüthezeit, einem Lionardo, Michelangelo,
Raffael, Correggio sdie in den bisher erschienenen Bän-
den noch fehlen) zu Gute käme. Diesen engen Leser-
kreis hat Lübke's Buch nicht im Auge; es wendet sich
„an die Gemeinde.der kunstsinnigen Laien, die sichtlich
von Tag zu Tage wächst", und will den gewaltigen
Stoff nicht in breit detaillirender und kritisch analysiren-
der, sondern in knapper und lebensvoller Form vor-
tragen.

Die Art und Weise, wie dies geschieht, ist ini
Wesentlichen aus Lübke's früheren Büchern verwandten
Charakters bekannt; sie ist eine vorwiegend historisch-
ikonographische. Nach gedrängter und farbig angelegter
Schilderung der allgemeinen Verhältnisse, welche den
Zustand der Kunst und deren Nmgestaltungeu bedingen,
wendet sich der Autor der Charakteristik der verschie-
denen Schulen und ihrerHauptmeister zu. Das Schwer-
gewicht legt er auf die genaue Würdigung der einzelnen
Werke; hier bewährt fich seine große Denkmälerkennt-
niß, hier entwickelt er in der geistvollen Beschreibung
und historischen Kritik der Bilder alle glänzenden
Eigenschaften seiner Darstellungsgabe. Wir wllßten kein
zweites Werk der neueren Literatur zu nennen, in wel-
cheni der normale Enttvickelungsgang und zugleich der
charaktervolle Gestaltenreichthum der italienischenMalerei
uns nnt gleicher Lebendigkeit und Klarheit vorgeführt
würe, wie hier.

Nur in einem Punkte weicht unseres Autors
neuestes Buch von seiuen bekannteu ülteren Werkeu
ähnlicher Bestimmung ab, und zwar nach unserer Mei-
uung nicht zu seinem Vvrthcile: in dem vollständigen
Verzicht auf jede Literaturangabe. Jm Vorwort ge-
denkt der Verf. nur der wichtigsten Publikationen, welche
als bildnerische Hilfsmittel und als Ergänzungen der
Jllustrationen feines Buches dienen können. Sonst
findet sich von der umfassenden und namentlich in
jüngster Zeit um so mancheu werthvollen Beitrag be-
reicherten Literatur zur Geschichte der italienischen
Malerei weder im Text noch in etwaigen Noten irgend
eine Spur. Wir halten es zwar für eine Darstellung
dieser Art weder für nöthig noch anch für ausführbar,
den ganzen Quellen-Apparat anzuführen oder etwa
zum Schluß beizufügen. Das gäbe leicht ein Zwitter-
ding zwischeu gelehrter und populärer Behandlung, wie
es uns neuerdiugs häufig begegnet, keineswegs immer
zu unserer Befriedigung. Aber am Anfang jedes
größeren Abschnittes oder an besonders wichtigen und
von der neueren Literatur erst in's Klare gebrachten

Stellen sollteu die besten Monographien und Quellen-
werke kurz verzeichnet stehen, ganz wie in Lübke's Ge-
schichte der Architektur, welche auch in dieser Hinsicht
eine musterhafte Leistung ist. Dadurch entsteht kein
störender Ballast für die eigentliche Darstellung und
der wißbegierige Leser, der sich zu weiterem Studium
angeregt fühlt, erhält sür dieses gleich die nöthigen
Behelfe.

Der erste Band von Lübke's Buch enthält die
Geschichte der italienischen Malerei von der altchrist-
lichen Epoche bis zum Ende der Frührenaisiance. Die
kleinere Hälfte desielben ist der Frühzeit und den mittel-
alterlichen Stilen gewidmet und von den letzteren hebt
sich chie Gestalt des großen Bahnbrechers Giotto in
ausführlicher, plastisch klarer Behandluug ab. Mit dem
Hervortreten des persönlichen Elements, das namentlich
im Zeitalter der Frührenaissance in einer dichten Schaar
markanter Charaktere sich verkörpert, wird die Dar-
stellung immer farbenreicher und lebendiger. Der Ge-
sammtschilderung der italienischen Kunstzustände am
Beginn der neuen Zeit und der Würdigung der
Florentiner Schule des Quattrocento in ihren zwei
aufeinander folgenden Generationen möchten wir unter
sämnitlichen Abschnitten die Palme geben.

Nicht den geringsten Vorzug des durchaus ge-
schmackvoll ausgestatteten Buches bilden die zahlreichen
vortrefflichen Jllustrationen. Für einen Kunstverleger,
wie Ebner, wäre es ein Leichtes gewesen, das Werk
zum größeren Theile mit den älteren Vorräthen seines
Jllustrationsmaterials auszustatten. Dies ist jedoch
nicht geschehen, sondern fast Alles nach Originalvor-
lagen, Farbendrucken oder Photographien neu herge-
stellt. Das verleiht dem Ganzen eine Frische und
giebt dem Buche auch in seinen Abbildungen eine
Bedeutung, welche über die Grenzen der gewöhnlichen
populären Literatur weit hinausgreift. Und dies um
so mehr, als die Holzschnittabbildungen mit richtiger
Erkenntniß der Aufgabe solcher Jllustrationen nicht in
volle koloristische Wirkung gesetzt, sondern zwischen
streng zeichnerischer und malerischer Behandlung in der
Mitte gehalten sind. Wir werden nach dem Erscheinen
des zweiten Bandes auf das Werk ausführlich zurück-
kommen und hoffen dann unsere Besprechung mit
einigen Proben dieser musterhaften, und gewiß mit
großen Opfern hergestellten Jllustrationen zieren zu
können. st

Sammlungen und Ausstellungen.

fch Oesterreichischer Kunstverein. Nach so vielen soge-
nannten Sensationsbildern und anderen Spektakelstücken der
Malerei mit ungewöhnlichem Jnhalt und ungewöhnlicher
Beleuchtung endlich ein Kunstwerk — und eines in des
Wortes schönster nnd edelster Bedeutung! Defregger's
„Andreas Hofer", den der Berliner Referent der Chronik
bei den Lesern einführte, ist nicht allein eines der besten
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