Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Neue Ausgrabungen und Museen in Griechenland.

es nicht an Wiederholungen einzelner Züge, aber es
finden sich keinc direkten Kopien), welche uns in Er-
staunen versetzt. Die meisten der hiesigen Museen ent-
halten etwas von diesem Reichthum, drei herrliche
Stücke sind in dem Theseion untergebracht, aber weit-
aus das Meiste hat jetzt seinen Platz in dem neuen
Patissia-Museum gefunden, das noch in der Ent-
stehung begriffen ist. Dort sindet man überhaupt das
Beste der attischcn Skulpturen, soweit sie nicht, wie die
schon erwähnten, an dem Platze des Fundortes ge-
blieben sind. Nur das zur Akropolis selbst Gehörige
ist auch dort untergebracht.

Die in Aussicht stehendc Publikation der attischen
Grabreliefs von Conze und Michaelis wird auch denen
Wenigstens eine Ahnung dieses verschwenderischen Reich-
thums an Kunstideen geben, denen es nicht vergönnt war,
den heiligen Boden Attika's zu betreten. Mit ihnen in
mancher Hinsicht zu vergleichen, wennschon von ge-
ringerer Wichtigkeit, sind nun die vben erlvähnten Re-
liefs, die vor ca. 2 Äahren in der Nähe des alten
Asklepieions südlich der Burg gefunden wurden und
vorläusig (?) unpassend genug in dem Vorhos der
Akropolis aufgestellt sind. Wenn man die grauenhafte
Zerstörung der kleinen Werke schmerzlich beklagen muß,
so entdeckt man doch noch in dcn Trümmern eine
solche Fulle von Poesie und Annmth, man thut so
tiefe Blicke in das religiöse Leben der Athener uud in
die Werkstätten ihrer Bildhaner, daß in der That durch
diese Funde unsere Kenntniß der antiken Kunst, des
antiken athenischen Lebens wesentlich erweitert wird. Es
sind die bekanntcn Darstellungen der Todtenmahle, Ver-
tragSurkunden mit symbolischen Reliefs, nieist aber
Opser, die den helsenden Göttern dargebracht iverden.
Vier von ihnen hat kürzlich v. Dnhn') alS Voliv-
reliefS an den Asklepios erkannt nnd abbilden lassen,
bci vielen ist des ruinosen Zustandes wegen (Köpfe
sind wenig erhaltcn) eine bestimmte Deutung sehr er-
schwert. Natürlich sind auch im Einzelnen große tech-
nische Unterschiede zu bemerken, schon deshalb, weil
wir die Werkc aus einer Zeit von etwa 200 Iahren
vor uns haben; auch an Kuriositäten fehlt es nicht:
auf einer Basis ist das Besteck eines Chirurgen im
Basrelief angebracht: ein glücklicher Ehemann weiht
vem Asklepios zum Danke sür die Heilung seiner Frau
von einem Augenleiden ein Plastisches Abbild der ge-
retteten Glieder, — und noch weit naivere Dinge sind
zu schauen! Was die Relieftechnik dieser kleinen Werke
anlangt, so finden sich alle Nüancen von dem flachsten
Bilde an bis zu Figuren, die etwa zu ^ aus der

') Jm 2. Bando der Mittheilungen des hiesigen archäol.
Insütutes, ebendaselbst ein weiterss von Nlrich Köhler ver-
öffentlichtes. Eine Aufzählung und Beschreibung dieser
Aunde ün 05. Bande der Archäol. Ztg. slK77) von Duhu.

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Fläche hervorspringen: ein Verhältniß, wie wir es bei
Reliefs so kleinen Maßstabes bisher kaum kannten.
Denn die Sepulkralwerke haben offenbar eine Neiguug
zuin Flachrelief, ivenn sie, wie die beschriebenen Arbeiteu,
nur in eineni Maßstabe von ca. — ()g LebenSgröße
austreten. Es ist also durch diese im Süden der Akro-
Polis aufgefundenen Fragmeute das schon vorhandene
Material an ähnlichen Werken, welches in der be-
kannten Publikation von Schöne so trefflich gesammett
vorliegt, unverhoffter Weise guantitativ wie gualitativ
weit über den bisherigen Bestand hinaus erweitert, und
es ist nur zu wünschen, daß eine gleich gute Zusammen-
stellung und Veröffentlichung dieser Reste bald ver-
anstaltet wird; einstweilen haben wir Veranlassung,
wenigstens für die theilweise Herausgabe von Duhn'o
und Köhler's sehr dankbar zu sein.

Arbeitcn aus gebranntem Thon werden svrt und
fort gefunden, wenn auch Schätze wie die Nippes-
fignren aus Tanagra nicht oft deni Boden entsteigeu.
Von letztexen sind eine Reihe der köstlichsten in dcn
Besitz des Museums der archäologischen Gesellschaft
im Varvakion gelangt und zwar sorgt dieselbe mit
rühmenswerther Genauigkeit dasür, daß Lie ursprüng-
liche Farbe erhalten bleibt und nicht, wie bei den
meistcn nach auslvärts verkauften, durch den geschäftS-
kundigcn Händler erst gemacht wird.

Das eben crwähnte Museum im Varvakion ist
auch sonst reich an neueren Funden hohen Kunstwerthes;
dic bekannten nttischen Thouvasen, farbige Umrißbilder
auf Iveißem Grunde, vorzüglich den Todtenkultus be-
treffend, lernt man eigentlich erst hier kennen. Es ent-
hält ferner einigc brvnzene Spiegel, darunter gravirte,
an deren Epistenz auf griechischem Boden man früher
bekanntlich lange gezweifelt hat. Erst in den letzten
Jahren haben sich eine Reihe derselben in GriechenlanL
gefunden, die jetzt von Professor Mylonas*) in einer
besonderen Schrift aufgezählt, erklärt und zum Theil
abgebildet sind. Das interessanteste Stück befindet sich
aber in Korinth im Privatbesitz, wo es mir kürzlich
gestattet war, das Prachtexemplar zu besichtigen: Ko-
rinthos in zeusähnlichem Typus sitzt auf einem Thron
und wird von der Jungfrau Leukas (beide Namen sind
dabeigeschrieben) bekränzt, eine Arbeit, die an Schönheit
der Anordnung und Feinheit der Technik sich den besten
in Etrurien gefundenen Gravirnngen an die Seite stellt.
Der Gegenstand selbst erinnert nns an die Zustände
der Zeit des peloponnesischen Krieges: wahrscheinlich
svllte die Treue und Unterwürfigkeit der einen Kolonie
gefeiert werden, der das pietätlose Verhalten der wider-
spenstigen Kerkyra zur Folie diente.

') x«roirr(»a, Athen 1870. Mylonas be-

schreiöt 09 Spiegel, darunter den von mir beschriebeuen.
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