Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

Page: 523_524
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1879/0263
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
523

Die Jahresausstellung üu Wiener Künstlerhause.

524

>var, sich zu dem ihm gcgebenm Stoffe in ein rich-
tiges Verhältniß zu setzen. Für seine Natur fehlte dein
Stoffe der Henkel, bei dein er ihn hätte anfnssen
können. So reich und voll auch der Farbenakkord ist,
dessen Wellen dem Beschauer aus der Darstellung ent-
gegenschwellen: es spricht dvch auch eine gewisse Hilf-
und Rathlosigkeit aus dein Bilde, in Ivclcher sich der
Küustler dem seinem Naturell so weuig entsprechenden
Stoffe gegenüber befand. Man weiß, daß Canon sich
mit Vorliebe in technischen Fragen Raths erholt aus
den Bildern der alten Meister, und daß er sich auch
niemals Mühe gegeben hat, den Beschauer im Nnklaren
darüber zu lassen, aus welchen Quellen er sich Rath
und Anregung geholt habe. Dieses Mal ist Rubens
für Canon fast verhängnißvoll geworden. Cauon's
ganze Thätigkeit zeigt durchgängig eiu fast inbrünstiges
Suchen und Forschen nach dem Wahren und Echten
in der Kunst,' wir möchten sogar sagen, daß für seine
ganze Kunstübung ein harmloses, resolutes Zugreifen
vielleicht ersprießlicher gewesen wäre, als dieser grübelnde
Zweisel, welcher ihn, statt zur Originalität, zu einem
Eklekticismus führt, der wohl das Gefühl der Hvch-
achtung, nicht aber eine warnie Begeisterung zu
wecken vermag. Man denke sich nun, wie auf Canon's
eminent receptive Natur, wie auf den Mann mit dem
außerordentlich entwickelten Verständniß die Glanz-
erscheiuung eines Rubens mit ihrer hinreißenden Ge-
nialität wsrken mußte, insbesondere da, wo ihn ein
Auftrag fast direkt hinweist auf eine der glvrivsesten
Schöpfungen dieseö Meisters, und man wird den
Schlüssel haben zu dem Räthsel des Canon'schen Votiv-
bildes, das sich mit ehrlicher Offenheit giebt als eine
Reminiscenz an das Rubens'sche Altarbild des heiligen
Jldefonso. Der Künstler scheint sich hier in einem
Zauberbanne befunden zu haben, und der Gsrichts-
hof der Kritik wird wohl oder übel entschuldigend
„die unwiderstehliche Gewalt" gelten lassen müssen.
Seiner Receptionsfähigkeit mag der Künstler den idealen
Gehalt seines Lebens danken; für die freie, naive Pro-
duktion bereitet sie ihm Schwierigkeiten, deren er nicht
immer Herr zu werden vermag.

Neben Canon's Altarbild ist es ein neuer De-
fregger, welcher das Jnteresse an der Ausstellung
wieder aufgefrischt hat. Auch hier haben wir ein
Votivbild, wenn auch kein religiöses, vor uns. Auf
dem Rahmen ist die Widmung angebracht: „Dem
Kaiser — Seine Geschwister, 24. April 1879." An-
dreas Hvfer empfüngt inmitten seiner Getreuen ein
kaiserliches Geschenk. Das ist das Motiv, das Defregger
hier behandelt hat. Diescs Mal hat er keine lebens-
großen Figuren hingestellt, hat er mcht versucht, auf
dem ihm sremden Gebiete der großen Historienmalerei
einen Gang zu thun; er ist der schlichte, ehrliche De-

fregger geblieben, als ivelcher er immer so überzeugend
aus seinen Genrebildern zu uns zu reden versteht, und
darum will uns dieses Hoferbild anch um ein Be-
deutendes mehr zusagen als das große erste Hoferbild.
Von einer neuen Seite offenbart fich der Künstler hier
nicht, aber die alte, die er zeigt, ist gut und herzerfreuend.

Prof. Griepenkerl hat die Reihe seincr vor-
züglicheu Porträts durch einen Zuwachs vermehrt, der
ebenso sehr durch Aehnlichkeit der Dargestclltcn — es
sind meistens berühmte Wiener Künstler — wie durch
künstlerische Gediegenheit ausgezeichnet ist. Auch das
Werk seines tüchtigen Schülers Andreas Groll „Der
Kampf der Elemente" füllt seinen Platz im großen
Saal mit Ehren aus. Das farbenfrische Bild ist für
das Herzogliche Polptechnikum in Braunschweig be-
stimmt. — Fritz Aug. Kaulbach in München sandte
nachträglich ven hvchst delikat gemalten Kopf einer
„Dame in altdeutschem Kostüm" (zum Preise vvn
4000 Fl. ö. W.!)

Als zur ersten „Füllung" gehörig haben wir noch
zu erwähnen die „Spanische Pvst bei Toledo" von
Alexander Wagner, ein Bild, das durch die virtuos
dargestellte leidenschaftliche Bewegung der Menschen
und Pferde einen starken Eindruck hervorbringt, dessen
koloristische Qualitäten jedoch nicht in dem entsprechen-
den Verhültnisse zu der dramatischen Belebung des
ganzen Motivs stehen. Simm hat aus Rom zwei
mpthologische Darstellungen geschickt, die wenig des
Ersreulichen bieten. Die „Npmphen und Tritvnen"
waren nns vor der Ausstellung schon durch einen
Holzschnitt bekannt geworden, und der Hvlzschnitt hatte
weit mehr versprochen, als das Bild mit seiner grellen,
unnoblen Färbung zu haiten vermag. Eine nicht weg-
zuleugnende Zartheit der Zeichnung, sowie ein gewisses
Feingefühl für den edlen Schwung der Linie vermögen
nicht hinreichende Entschüdigung zu bieten für die vvr-
laute und beleidigende Gewohnlichkeit der Farbe.
Reichen Genuß bieten die hübschen italienischen Stu-
dien von I. vvn Wieser dem, der es sich nicht
verdrießen läßt, sich mit Aufmerksamkeit in sie zu ver-
senken. Jhr einziger Fehler ist nur, daß sie aus einer
großen Jahresausstellung, wo so viele Tritonen und
riesige Kentauren kämpfen, wo Bilder mit Rahmen,
so ungeheuer, daß sie „in ein Haus nicht hineingehen",
sich breit machen, eine zu bescheidene Sprache fllhren.
Die wird Lei solchen Gelegenheiten gewöhnlich nicht
gehört.

Die Plastik bringt vieles, aber nicht viel. Der
Parterresaal enthält eine ganze Menge von Figuren,
die für die neuen Hof-Museen bestimmt sind. Diese
einer strengen Kritik unterziehen zu wollen, wäre wohl
nicht gerecht; werden sie sich dvch meist an dem Orte
ihrer Bestimmung selbst der Kritik entziehen, weil sie
loading ...