Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Sammlungen und Ausstellungen.

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Studium der neueren Geschichte Frankreichs voin Aus-
gange des Mittelalters bis in unsere Zeit eines der
lehrreichstcn Objekte bilden. stkach längerer Bcschäf-
tignng mit den einschlägigen Verhältnissen in Deutsch-
land nnd Oesterreich, von welcher uns mehrcre be-
achtenswerthe Früchte Vvrliegen'ch, hat der Verfasser
dieser Studien, ein intelligentcr und hochgebildeter
österreichischer Beamter, deshalb scin Augenmerk den
franzvsischen Zuständen und ihrer geschichtlichen Ent-
wickelung zngewendet. Die letztere bildet den Jnhalt
des bis jetzt vorliegenden ersten Theiles dieser Unter-
suchnngen; ein zlveiter, den wir hvffentlich bald an's
Licht treten sehen werden, soll die gegenwärtige Sitna-
tion des künstlerischen und gewerblichen Bildungswesens
der Franzoscn znm Gegenstandc haben.

Das Dumreicher'sche Bnch füllt nicht nur eine
Mcke in der deutschen, sondern auch in der französischen
Literatur dieses Faches aus. Die Franzosen besitzen
zwar eine Reihe tüchtiger Spezialwerke über die Ge-
schichte einzelner ihrer hervorragendsten künstlerischen
und technischen Bildungsanstalten, z. B. Vitet's und
Anatole de Montniglvn's Bücher über die Pariser Aka-
demie, und mehrere vorzngliche Arbeiten nber die
Glanzepoche der französischen Kunstpflege nnter Col-
bert, wie die von P. Clsment, Neymark u. A. Aber
eine zusammenhängende, vom Standpunkte des Histo-
rikers und des Nativnalökonomen aus geschriebene Ge-
schichte des technischen Bildnngswesens dcr Nation
giebt es nicht. Und zu dieser hat der Verfasser einen
beachtenswerthen Beitrag geliefcrt.

Das Buch zerfällt in sechs Abschnitte. Der erste
giebt einen Ueberblick über die Hauptperioden des
wirthschaftlichen Erziehungswerkes in Frankreich und
eine kurze Schilderung der Organisation der Künste
und Gewerbe zur Zeit des späteren Mittelalters. Aus
der bürgerlichen Kunst jener Epoche, für welche der
nrtists noch der nrtisnn war, ging unter den Valois
die höfische Kunst hervor; in der Renaissance, welche
der Autor im zwciten Abschnitt behandelt, tritt nicht
nur ein fremdländisches, vom Königthum gepflegtes
Element dem altbnrgerlichen heimischen, sondern auch
ein theoretisches dem cmpirischen gegenüber; „die Ge-
schichte des Kunstnnterrichts von Franz I. bis zur
Gründung der Akadcmie nnter Ludwig XIV. voll-
zieht sich in einem Kampfc der zwei Prinzipien, deren
eines wir durch die Znnst, das andcre durch die Schule
vvn Fontaineblean vertreten sehen; nnd als schließliches
Ergebniß des Kampfes stellt sich die Verschmelzung
beider Systeme dar durch die staatliche Organisation
des französischen Knnstwesens" (S. 23—24). Die

*> Exposs iiber die Organisation des gewerblichen Un-
terrichts in Oesterreich. Wien 1875; Zur Frage der Er-
ziehung der industriellen Klassen in Oesterreich. Wien 1876. 8.

Entwickclnng dieser staatlichen Organisation, vornehm-
lich durch Richelieu, Mazarin und Colbert, ivelcher
Letztere das Gebäude der Erstgenannten krönte, bildet
sodann den Jnhalt der beiden Hanptabschnitte, des
dritten nnd vierten. Dumreicher legt die Grundge-
danken dar, welchc damals ihre Verwirklichnng fanden:
die Conccntration von Kunst, Handel nnd Gewerbe
in den Händen des Staats und die Regelung dcr
ganzen Staatswirthschaft nach den Prinzipien des
Merkantilsystems. Mit bcsonderer Wärme nnd Aus-
führlichkeit schildert er das Wirken Cvlbert's, von dem
die Weltstellung Frankreichs in Kunst nnd Jndnstrie
datirt, wührend es vor ihm den — fünften Rang in
der Reihe der Knltnrmächte einnahm.

Während für die Staatsmänner des 17. Jahr-
hunderts die Kunst das Hauptobjekt dcr staatlichen
Fürsorge bildete, trat mit dem 18- Jahrhundert dnrch
das Emporstreben der exakten Wissenschaften die ans
Naturkünde und Mathematik begründete Technik in den
Vordcrgrund. Auch hier haben die großen Staats-
Pädagogen der Franzosen svfort den Geist ihrer Zeit
erkannt und in den Dienst des Ganzen gezogen. Diese
Vorgänge schildert der fünfte Abschnitt des vorliegenden
Buchcs, während der sechste und zugleich letzte einem
kurzen Blick auf die Gegenwart und den aus der Ver-
gangcnheit zu ziehenden Schlußfolgerungen gewidmet
ist. Der Verfasser ist geneigt, alles Verdienst nm die
gegenwärtige Größe Frankreichs in Kunst und Jn-
dustrie dem staatlichen Erziehnngswerke frllherer Jahr-
hunderte zuzuschreiben, wenn er sich auch wohl nicht
der Wahrnehmung verschließen dürfte, daß eine solche
Regelung alles Handels und Wandels durch den Staat,
wie zu. Colbert's Zeit, heute nicht mehr durchsührbar
ist. Er mahnt die Deutschen daran, auch ihre Anlagen,
die sich im 16. Jahrhundert so viclverheißend hervor-
gethan, durch sorgsame Pflege zu entwickeln. Oester-
reich, das im Schriftthum lange zurückgebliebene, aber
in Technik nnd Kunst nun frisch voranschreitende, wird
von ihm als Zengniß sür den Erfolg solcher Bestre-
bungen hingcstellt; es erscheint ihm mit Recht als eine
nothwendige „Ergänzung des deutschen, civilisatorischen
Lebens zu einer Vvllen, nationalen Kultur", wie sie
Frankreich seit Jahrhundcrten besessen. *

Proftssor Springer's Festrede bei der Eröffnung der
Leipziger Kuiistgewerbeausstellung (am IS. Mai 187!» ist
auf Betreiben des Ausstellungs-Komitss zum Druck befördert,
um aus dem Ertrags den Arbeitern sreien Zutritt zur Aus-
stellung zu gewähren.

5arnmlungen und Ausstellungen.

Neber die Alterthiinier-Ausstellung in Münster wird uns
oon dort geschrieben: Wenn vor einigen Wochen die von
allen Seiten einlaufenden Einsendungen für unsere Aus-
stelluug alle Erwartungen übcrtrafen, so geht jetzt der Be-
such uiid damit auch der innere wie außere Erfolg des
immerhin gewagten Unternehmens ebenfalls über die kühnsten
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